Gendoping – Betrug aus dem Labor

25. April 2008
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Die Proteste gegen China reißen nicht ab. Die Olympiade 2008 scheint bereits jetzt ein Debakel zu werden. Neues Ungemach zieht auch aus anderer Richtung herauf. Wird Peking der Austragungsort mit der ersten Gendoping-Welle? Oder doch Fiktion? Die Experten tappen im Dunkeln - DocCheck sprach mit Dr. Patrick Diel von der Kölner Sporthochschule.

Kürzlich hatte der Sportausschuss des Deutschen Bundestags zu einem öffentlichen Fachgespräch zum Thema Gendoping geladen. Im Text heißt es u.a.: “Es hat den Anschein, dass die molekulare Biotechnologie und das Wissen über die Funktion von Genen und Zellen zu neuen Substanzen und Methoden führen, die dazu beitragen, dass eine neue “Qualität” des Doping entsteht. … Zur Möglichkeit, Gene zur körperlichen Leistungssteigerung zu manipulieren, kommt hinzu, dass es schwierig ist, Gendoping nachzuweisen. … Obwohl es derzeit schwierig ist, eine Aussage darüber zu machen, inwieweit Gendoping verbreitet ist und genutzt wird,…..”

Unter den geladenen Experten war Dr. rer. nat. habil. Patrick Diel, Privatdozent und Forscher an der Deutschen Sporthochschule in Köln, Abteilung molekulare und zelluläre Sportmedizin und Mitglied des Zentrums für präventive Dopingforschung. Er und seine Kollegen wurden vom Ausschuss mit der Erstellung eines Gutachtens zu diesem Themenkomplex beauftragt. DocCheck sprach mit ihm über Fakten und Risiken des Gendopings.

DC: Die Frage, ob es bereits Gendoping im Sport gibt, wird von den Medien mit diffusen und, wie Sie sagen, unwissenschaftlichen Darstellungen aufgegriffen. Was soll man glauben? Ist Gen-Doping bereits Realität oder nicht?

Diel: Ich gehöre zu denjenigen, die glauben, dass Gendoping bereits praktiziert wird. Allerdings müssen wir uns darüber einig werden, wie man den Begriff Gendoping definiert. Das ist nämlich entscheidend für die Frage.

DC: Bedeutet dies, dass bereits bei den olympischen Spielen in Peking Sportler dabei sein werden, die sich genetisch fit gemacht haben?

Diel: Ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass es im Rahmen meiner Definition Fälle von genetischer Manipulation geben wird.

DC: Und wie definieren Sie Gendoping?

Diel: Es existieren im Prinzip zwei unterschiedliche Thesen. Die einen setzen Gendoping mit Gentherapie gleich und die anderen sagen, Gendoping ist erstens viel mehr und zweitens etwas ganz anderes. Letzteres ist auch meine Meinung. Für mich entscheidend ist die Definition der Welt-Antidoping-Agentur (WADA), die sagt: Gendoping ist die nicht-therapeutische Verwendung von Zellen, Genen, genetischen Elementen oder der Modulation der Genexpression, die die sportliche Leistung verbessern kann. Der erste Aspekt beinhaltet, dass zusätzliche künstliche Gene in den Körper eingebracht werden. Und der zweite, dass Methoden, Medikamente oder Strategien entwickelt werden, um die Aktivität körpereigener Gene zu beeinflussen. In der Gentherapie wird hingegen darauf abgezielt, Gene zu substituieren bzw. überschüssige oder fehlerhafte zu neutralisieren.

DC: Der Sportausschuss stellt fest, dass bisher noch Methoden fehlen, um Gendoping nachzuweisen.

Diel: Richtig, man kann es nicht nachweisen. Das ist und bleibt ein schwieriges Thema, denn wir haben es mit einer unüberschaubar großen Anzahl von Möglichkeiten, wie man das methodisch praktizieren kann, zu tun.

DC: Beispielsweise?

Diel: Es gibt Viren, die klassisch in der Gentherapie eingesetzt werden. Oder Si-RNA-Methoden, die sehr große Bedeutung haben in der medizinischen Grundlagenforschung, insbesondere auch für die pharmakologische Nutzung. Oder Antisense-RNA-Ansätze. Gerade ist ein Artikel in der Zeitschrift Gene Therapy (GeneTherapy (2008) 15, 155-160) erschienen, in dem Wissenschaftler aus Peking beschreiben, wie sie durch die Applikation von Antisense-RNA die Myostatin-Expressionen im Skelettmuskel von Mäusen stoppen konnten und damit Muskelzuwachs erzielten. Das wird alles streng wissenschaftlich kommentiert. Das Beunruhigendste daran ist, dass sie die Moleküle per Injektion und über Futter verabreicht haben. Und beides hat funktioniert. Übertragen auf den Menschen würde das bedeuten, dass Sportler ohne deren Wissen gedopt werden könnten. Ganz abgesehen von den Risiken, die damit verbunden sind.

DC: Was weiß man über die gesundheitlichen Risiken oder Nebenwirkungen von Gendoping?

Diel: Die Risiken sind nicht geringer und nicht größer als bei jeder Art von Doping. Bezogen auf genetische Manipulationen gibt es ein weit verbreitetes Missverständnis, das auch unter Gutachter-Kollegen, die aus dem Bereich der Gentherapie kommen, existiert. So nach dem Motto: ‘ Da nimmt doch keiner so einen Vektor, von dem er keine Ahnung hat, um was es sich dabei handelt. Das ist doch lebensgefährlich. Es gefährdet doch keiner seine Gesundheit.’ Aber genau das machen Athleten seit Jahrzehnten und werden es auch immer wieder tun, egal, ob da ein “Gen” davor steht oder nicht. Deswegen ist für mich persönlich Gendoping keine neue Dimension. Es ist auch nicht schlimmer als bereits bekannte Methoden. Es ist einfach eine neue technische Variation, die zu den anderen Verfahren dazukommt.

DC: In welchem Forschungsstadium befindet sich diese neue technische Variation?

Diel: Es gibt klinische Studien in diesem Bereich, beispielsweise für pharmakologische Produkte. Aber diese Studien zielen ja in der Regel nicht auf Doping ab. Generell muss man zwei Szenarien unterscheiden. Einerseits werden neue Medikamente und Strategien entwickelt, die auch als Dopingmittel missbraucht werden können. Und dann gibt es gewisse Gruppen, die Strategien gezielt zu Dopingzwecken entwickeln. Bei letzterem wissen wir nicht genau, ob das geschieht.

DC: Und wenn, könnte das dann im Labor passieren?

Diel: Natürlich, und zwar mit einfachsten Mitteln. Theoretisch könnte das jeder Doktorand von mir innerhalb von wenigen Tagen realisieren. Er braucht nur eine kurze molekularbiologische Ausbildung. Auch das Argument der Sicherheitsbestimmungen, die die Gentherapeuten gern zitieren, zieht nicht. Diejenigen, die es auf Gendoping anlegen, interessiert das nicht.

DC: Es wird behauptet, dass einzelne Gene, die für die Leistungssteigerung in Frage kommen, bereits bekannt sind?

Diel: Auch darüber haben wir während der Erstellung der Gutachten für den Bundestagsausschuss diskutiert. Einer von uns, Dr. Wohlfahrt von der Technischen Universität in München, ist Experte für Gene, die mit Leistung zu tun haben. Mit Claude Bouchard veröffentlicht er jedes Jahr eine Updateliste mit speziell diesen Genen. Selbst diese beiden sagen, dass man Gene, die für Leistungen im eigentlichen Sinne verantwortlich sind, nicht eindeutig identifizieren kann. Aber darum geht es gar nicht.

DC: Wenn die Gene nicht interessieren, was dann?

Diel: Es geht einzig und allein darum, physiologische Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen hervorragende Leistungen möglich sind. Dabei interessiert nicht das Gen, sondern welche Parameter den größten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben. Wenn es beispielsweise um die Ausdauer geht, dann ist die Versorgung mit Nährstoffen und die Sauerstoffverfügbarkeit ausschlaggebend. Letzteres kann man mit Epo verbessern. Der Nachweis von Epo ist zwar theoretisch möglich, erweist sich aber in der Praxis als recht unzuverlässig. In Bezug auf die Muskelmasse kennen wir Myostatin mit einer Fülle von Möglichkeiten, dieses Gen zu beeinflussen. Und der Artikel in Gene Therapy, den ich vorhin erwähnte, beschreibt, dass die Mäuse sowohl an Muskelmasse als auch an Muskelkraft gewonnen haben. Die Frage ist nur, wie sich das bei Menschen verhält. Dazu gibt es noch keine Studien.

DC: Und was ist mit den Studien in der Gentherapie?

Diel: Da sind wir wieder bei der Gentherapie. Das ärgert mich. Die Leute argumentieren, dass die Gentherapie noch nicht so weit ist und deshalb kann es Gendoping nicht geben. Aber noch mal: Gentherapie und Gendoping haben nur sehr, sehr wenig miteinander zu tun – sowohl methodisch als auch von der Zielsetzung her.

DC: Momentan tappt man noch im Dunkeln, was bereits Realität im Gendoping ist. Wie lange noch?

Diel: Fakt ist, Gendoping ist bereits heute möglich. Die Frage ist, wieweit es schon praktiziert wird.

DC: Forschen Sie hier am Institut für molekulare und zelluläre Sportmedizin speziell auch im Bereich Gendoping?

Diel: Uns interessieren in erster Linie physiologische Zusammenhänge und die Aktivitäten der zugehörigen Gene, wie beispielsweise Myostatin. Das betreiben wir im Rahmen der Grundlagenforschung. Hinzu kommen Projekte in Kooperation mit Pharmaunternehmen. Beispielsweise, wie weibliche Geschlechtshormone Einfluss auf die Skelettmuskulatur nehmen. In puncto Gendoping haben wir gemeinsam mit dem Dortmunder Biotech Unternehmen Chimera ein Forschungsprojekt, dass von der WADA gefördert wird und dazu dient, Gen-Manipulationen bezüglich Myostatin aufzuspüren.

DC: Vielen Dank für das Interview!

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