Blutegeltherapie: Speichel im Test

10. Oktober 2013
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Forscher nahmen nun eine Quantifizierung der biologisch aktiven Speicheldrüseninhaltsstoffe medizinischer Blutegel vor. Dabei wiesen sie zwanzig Speichelproteine in einer Konzentration nach, die physiologische Prozesse im menschlichen Körper beeinflussen könnte.

Kann die Blutegeltherapie dem Menschen wirklich helfen? Subjektive Erfahrungsberichte und Aufzeichnungen von Medizinern sprechen für eine therapeutische Wirkung. Bereits im alten Ägypten wurde der der Medizinische Blutegel, Hirudo sp., eingesetzt.

Der Ektoparasit saugt sich an einem warmblütigen Wirt fest, schneidet eine Wunde in die Haut und saugt Blut. Dabei gibt er die Inhaltsstoffe seiner Speicheldrüsenzellen in die Wunde ab. Diesem Vorgang wird beim Menschen therapeutische Bedeutung zugemessen. Heute wird die Blutegeltherapie von Ärzten und Heilpraktikern bei verschiedensten Befindlichkeitsstörungen, bei Thrombosen zur Vermeidung der Bildung oder gar zur Auflösung von Blutgerinnseln, bei Erkrankungen des entzündlich-rheumatischen Formenkreises zur Entzündungshemmung und zur Schmerzstillung sowie postoperativ nach Replantation abgetrennter Haut- und Körperteile zur Verbesserung der venösen Zirkulation eingesetzt.

Der Blutegel injiziert während des Saugaktes zahlreiche Speicheldrüsenproteine in die Wunde des Wirts. Es wird angenommen, dass zumindest einige Proteine für die beobachteten positiven Effekte verantwortlich sein könnten. Die meisten sind bisher unbekannt, nur von wenigen kennt man mögliche Wirkungen im Patienten. Nur von einer Einzigen, dem Thrombin-Inhibitor Hirudin, der bereits in der Medizin als Antikoagulans eingesetzt wird, sind bisher exakte Daten zu wirksamen Konzentrationen bekannt.

3D-Modell von Teilen des Egelgewebes

Greifswalder Zoologen wollten mit ihrer Untersuchung nun die Frage beantworten: Werden während einer Blutegeltherapie mit einem oder mehreren Tieren überhaupt genügend große Mengen an Wirkstoffen aus dem Blutegel-Speichel auf den Patienten übertragen, um physiologische Effekte auszulösen? Um diese Frage zu beantworten, musste herausgefunden werden, wie viel Speicheldrüsensubstanz ein Blutegel speichern kann und dann während des Saugaktes überträgt. Dazu wurde zunächst die Struktur des Speicheldrüsengewebes des Tieres mikroskopisch untersucht und ein 3D-Modell von Teilen des Egelgewebes mit den interessanten einzelligen Speicheldrüsenzellen entwickelt. So konnte festgestellt und berechnet werden: Ein Blutegel hat fast 40.000 Speicheldrüsenzellen, und das durchschnittliche Volumen einer Zelle beträgt 67.000 µm3 (das ist etwa ein 50-Tausendstel des Volumens eines Stecknadelkopfes).

Letztlich wiesen die Forscher nach, dass die Vorratsbehälter der Speicheldrüsenzellen des Egels während eines Saugaktes vollständig entleert und 1,2 mg Protein in die Wunde injiziert werden. Wenn große Anteile der injizierten Speichelproteine sich im Kreislaufsystem des Patienten verteilen, gelangen mehr als zwanzig verschiedene Speichelproteine mit Konzentrationen zwischen 3 und 236 pmol/l in den Körper. 
Im Vergleich mit Hirudin, das eine deutlich hemmende Wirkung auf den Blutgerinnungsfaktor Thrombin bereits bei einer Konzentration von 1 pmol/l ausübt, kann aus diesen Daten geschlossen werden, dass es mindestens 20 weitere Inhaltsstoffe des Blutegelspeichels gibt, die beim Saugakt in möglicherweise wirksamen Konzentrationen auf den Menschen übertragen werden.

 Die weiteren Forschungsarbeiten werden sich mit der Identifizierung dieser Substanzen befassen, um festzustellen, welche Zielmoleküle im menschlichen Körper durch die Egel-Speichelproteine möglicherweise erkannt und in ihrer Funktion verändert werden.

Originalpublikation:

May Salivary Gland Secretory Proteins from Hematophagous Leeches (Hirudo verbana) Reach Pharmacologically Relevant Concentrations in the Vertebrate Host?
Jan-Peter Hildebrandt
 et al.; PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0073809; 2013

39 Wertungen (3.97 ø)

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6 Kommentare:

doris kalle
doris kalle

möchte nicht einen Tag auf meine liebsten Assistenten verzichten

#6 |
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Petra Sonnenberg
Petra Sonnenberg

Manch teure und aufwendige Therapie ließe sich vermeiden, setzte man die kleinen Tierchen an Knie, Ellenbogen, Krampfadern. In meiner Tierheilpraxis ist sie die nachhaltigste Therapie bei HD, ED, Bandscheibenproblemen, Spondylosen.

Petra Sonnenberg, THP/Tierosteopath

#5 |
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Adolf Ersfeld
Adolf Ersfeld

Es ist gut und wichtig, auf die altwährten Heilmethoden hinzuweisen !
Dr. med. Ulrich Abele hat in der Schrift “Ableitungsverfahren” erschienen 1964 im Karl F. Haug Verlag, Ulm/Donau auf den Seiten 72 bis 80 auf die vielseitige Anwendung zur Blutegelbehandlung , mit vielen Fallbeispielen, hingewiesen.
Macht´s nach, aber richtig.

Adolf Ersfeld, Hp

#4 |
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Sigrid Ernst
Sigrid Ernst

Ich habe gute Erfahrungen bei/gegen Tinitus gemacht :-)

#3 |
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Hans-Jürgen Ficht
Hans-Jürgen Ficht

Endlich mal was positives über eine fast vergessene Therapie

#2 |
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Wirklich erfreulich…..

#1 |
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