Google geht fremd

15. Mai 2008
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Dass jetzt Konzerne wie Google medizinische Daten im Internet speichern wollen, hat auch in Deutschland die Diskussion um elektronische Akten befeuert. Der Ulmer Ärztetag und der neue AOK-Vertrag des Hausärzteverbands sind entscheidende Weichenstellungen.

Es war das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Software-Branche: Vor wenigen Wochen gab der US-Konzern Google offiziell bekannt, dass er zusammen mit der Cleveland Clinic ein neues Pilotprojekt starten würde. Pro Jahr sollen rund 10.000 Patienten des Krankenhauses eine von Google zur Verfügung gestellte elektronische Gesundheitsakte erhalten, in der sie medizinische Befunde, digitale Bilder und Arztbriefe speichern können. Der Zugriff für die Patienten selbst und für behandelnde Ärzte erfolgt per Internet.

Konzerne wollen Akten hosten

Seit Monaten war in den Medien bereits über “Google Health”, so der offizielle Name, spekuliert worden. Google hat entsprechende Spekulationen mit den üblich-vagen Andeutungen gezielt genährt. Jetzt ist das Produkt also da, vorerst allerdings nur in den USA. “Wir glauben, dass die eigenen Gesundheitsinformationen für Patienten leicht zugänglich sein sollten und dass sie diese Informationen selbst verwalten sollten”, sagte Google-Vizepräsidentin Marissa Mayer bei der Präsentation. Neben Google engagieren sich auch andere US-Konzerne in diesem Bereich. Konkurrent Microsoft kam dem Suchmaschinenbetreiber diesmal sogar zuvor, mit einem Produkt namens HealthVault, das bisher ebenfalls nur jenseits des Atlantiks zur Verfügung steht. HealthVault ist allerdings keine Gesundheitsakte im engen Sinne, sondern eher eine Entwicklungsplattform, auf der interessierte Dritte medizinische Projekte in einer hoch sicheren (Internet-)Umgebung umsetzen können. Das bekannteste Beispiel für einen solchen “Dritten” ist die American Heart Association (AHA), die ein kardiologisch validiertes Blutdruck-Homemonitoring-Angebot auf HealthVault realisieren möchte.

Telematik-Labor AOK-Vertrag

Auch in Deutschland hat Google die Diskussionen um elektronische Akten ordentlich befeuert. “Wir dürfen nicht zulassen, dass Patientendaten zur Handelsware werden. Diese hochsensiblen Gesundheitsdaten gehören nicht in die Hände von unbefugten Dritten, die in Betracht ziehen, daraus ein Geschäft zu machen”, sagte beispielsweise der für Telematik verantwortliche Vorstand der Bundesärztekammer, Dr. Franz-Joseph Bartmann. Die Intention hinter dieser und ähnlichen Äußerungen ist klar: Mit Blick auf den Deutschen Ärztetag in Ulm möchte die Bundesärztekammer illustrieren, was passieren kann, wenn einheitliche Standards, wie sie im Zusammenhang mit der elektronischen Gesundheitskarte entwickelt werden, durch einen ablehnenden Beschluss des Deutschen Ärztetags in Frage gestellt werden. Anbieter, deren Angebote keinerlei Kontrollen unterliegen, könnten dann in die Bresche springen. Dass diese Gefahr durchaus real ist, zeigt der Blick nach Baden-Württemberg. Dort werkelt der Hausärzteverband zusammen mit Medi und der AOK an seinem neuen Hausarztvertrag nach §73, SGB V. Die Hausärztliche Vertragsgesellschaft (HÄVG) des Hausärzteverbands hat zusammen mit dem Walldorfer Unternehmen ICW die HÄVG Software GmbH gegründet, die im Rahmen des Hausarztvertrags eine elektronische Gesundheitsakte für Patienten anbieten wird.

Süddeutschland stellt die Weichen

Es gibt jetzt zwei Szenarien: Entweder, worauf einiges hindeutet, die Baden-Württemberger Akte wird sich auf die elektronische Gesundheitskarte, den elektronischen Heilberufsausweis und ihre im Paragraphen 291a, SGB V, niedergelegten Prinzipien berufen. Im Gefolge lässt dann der Ulmer Ärztetag den Weg für eine weitere Mitarbeit der Bundesärztekammer in der gematik zumindest offen. Beides zusammen wäre ein enormer Rückenwind für die Bemühungen um einheitliche IT-Standards in Deutschland. Denn immerhin betrifft der neue Hausärztevertrag 8.000 Ärzte und mehrere Millionen Patienten. Die Alternative, Szenario 2, ist eine Resolution des Ärztetags, die der Bundesärztekammer eine Weiterarbeit in der gematik unmöglich macht. In diesem Fall dürfte auch in Baden-Württemberg die Neigung, bei der eigenen E-Akte gematik-konform zu arbeiten, dramatisch abnehmen. Für andere Einzelverträge gäbe es dann kein “Vorbild”, und in der Konsequenz entstünden diverse regionale Netze mit eigenen Aktenlösungen. Das an sich wäre noch kein Problem, aber diese Akten werden keinen einheitlichen Standards folgen. Das aber bedeutet im zweiten Schritt, dass von außen niemand mehr genau sagen kann, welche Krankenkasse und welches EDV- oder IT-Unternehmen wo welche Rechte hat, mit welchen Daten arbeitet und welchen Sicherheitsstandards genügt.

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Kassen, Politik Wirtschaft

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