Können Fettzellen nur herumpummeln?

16. Mai 2008
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Die Hauptfunktion von Adipozyten, sprich Fettzellen, liegt einzig und allein in der Speicherung der oft so gnadenlos unbeliebten Pölsterchen. So die gängige Lehrmeinung. Doch jetzt zeigt sich: Fettzellen können noch viel mehr. Die lästigen Depots haben sogar einen Einfluss auf das Immunsystem.

Dicke Polster rund um die Hüfte oder am Po. Für den Chirurgen ein Graus, für den Internisten ein Risiko für Herz und Kreislauf und für den Orthopäden ein Arthrosefaktor. Gut, dem Fett verdanken wir auch unsere runden oder kantigen Körperformen, die unverkennbare Figur und unsere Gesichtszüge. Die Polster fangen im Notfall kräftige Stöße auf und sind gleichzeitig noch Langzeit-Energiespeicher für schlechte Tage. Ihn bauen wir in den meisten Fällen im Laufe der Jahre auf, aber nur selten wieder ab.

Leptin – Bindeglied zum Immunsystem

In den letzten Jahren überraschte die Fettforschung aber nicht nur mit neuen Erkenntnissen über die Vererblichkeit von BMI-Wert und Statur, sondern über neue Funktionen, die man dem Speicherorgan nicht zugetraut hätte. Das Energiedepot sorgt mit einer ganzen Reihe von selbstproduzierten Faktoren für wichtige Steuersignale. 1993 konnte die Arbeitsgruppe von Bruce Spiegelman vom Bostoner Dana-Farber-Institut an Nagern zeigen, dass das Fettgewebe übergewichtiger Tiere Tumor-Nekrose-Faktor-Alpha (TNF-alpha) produziert, ein wichtiger Entzündungsfaktor. TNF trägt dabei auch zu einer zunehmenden Insulinresistenz bei.

Schon im Jahr darauf entdeckten Jeffrey Friedman und seine Mitarbeiter von Howard-Hughes-Medical Institute einen der bekanntesten Botschafter von Adipozyten, das Leptin. Der Leptinspiegel liefert Informationen zum Energievorrat im Fettspeicher und steuert das Hungergefühl. Aber Leptin kann anscheinend noch viel mehr. So besitzen adipöse Mäuse mit Leptin-Defizienz einen Schutz vor Autoimmun-Enzephalitis oder allergischen Reaktionen. Wie die Gruppe von Britta Siegmund von der Berliner Charité herausfand, regt Leptin auch naive T-Zellen des Immunsystems bei Entzündungsreaktionen an. Alle Zellen des Immunsystems tragen den Leptinrezeptor auf ihrer Oberfläche, ein Zeichen der engen Verknüpfung zwischen Energiespeicher und Infektionsabwehr.

Immunzellen im Fettgewebe

Dass Adipozyten nicht nur Brennstoff bereitstellen, sondern auch als Zytokinspeicher funktionieren, zeigt die lange Liste der “Adipokine”. Adiponectin aus Fettgewebe an den Gelenken, so zeigte Andreas Schäffler aus Regensburg, treibt Entzündungsprozesse bei der rheumatoiden Arthritis voran. In anderen Geweben wiederum scheint dieses Hormon die Immunantwort zu dämpfen. Weitere Faktoren aus dem Fettgewebe: Visfatin bindet an den Insulinrezeptor und trägt damit zur Insulinresistenz bei. Besonders hohe Spiegel erzeugen dabei Darmentzündungen wie Morbus Crohn. Resistin oder Retinol-Bindung Protein-4 zählen ebenso zu den wichtigen Adipokinen.

Keine Überraschung war es daher auch, als Forscher von der New Yorker Columbia Universität 2003 in übergewichtigen Kindern und Erwachsenen Makrophagen inmitten des Fettgewebes fanden. Damit wird immer deutlicher, dass übervolle Fettspeicher zu einer Entzündung im Nah- wie im Fernbereich führen. Das metabolische Syndrom als Vorstufe zur Insulinresistenz ist demnach eine Folge des Ungleichgewichts an Adipokinen. Ungehemmte Nahrungsaufnahme, schreibt Carl Nathan in einem Review der aktuellen Ausgabe von “Molecular Medicine“, führt zu einer Überproduktion von reaktiven Sauerstoff- (ROI) und Stickstoff (RNI)-Molekülen, die eigentlich gegen den mikrobiellen Feind im eigenen Körper gerichtet sind, nun aber zu beständigen Stress in ihm führen.

Brennstoff maßgeschneidert

Wie eng die Beziehung zwischen Immunsystem und Adipozyten ist, zeigen auch die Ergebnisse von Caroline Pond aus dem englischen Milton Keynes. So steuern Signale von dendritischen Zellen in Fettzellen ganz gezielt die Umwandlung des gespeicherten Fetts in Fettsäuren nach Mass für diese spezialisierten Abwehrzellen. Es finden sich in lokalen Entzündungsherden auch immer Herde von Adipozyten, die dafür sorgen, dass die Energie aus ihrem Speicher kommt, und nicht etwa aus dem Depot von wichtigen Muskelzellen.

Das Pummelchen aus einer Anhäufung von gut gefüllten Fettspeicherzellen scheint sich als Umschlagplatz für Energie und Steuer-Co-Zentrale für das Immunsystem zu entpuppen. Immer klarer werden die Verbindungen zwischen gesunder Ernährung und funktionierender Abwehr gegen Eindringlinge, aber auch Krebs und Autoimmunprozessen. Der fehlende Speck mangels Nahrungszufuhr ist dabei wohl genauso gefährlich wie die Rettungsringe am Bauch.

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