Ärztinnen an den Herd!

16. Mai 2008
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Schwer zu sagen, was mehr passt auf die männliche Spezies der Briten. Ein bisschen Macho oder einfach etwas konservativer als die Festland-Europäer? Auf die männliche Ärzteschaft scheint momentan beides zuzutreffen. Unter ihnen ist eine heftige, öffentlich geführte Debatte ausgebrochen, die offensichtlich durch die zunehmende Zahl weiblicher Ärzte ausgelöst wurde.

Frauen schlecht für die Medizin

Nicht nur, dass die Zahlen der praktizierenden Ärztinnen steigend sind. Noch gravierender ist aus der Sicht vieler männlichen Kollegen, dass inzwischen an den "medical schools" Frauen mit einem Anteil von 60 Prozent in der Überzahl sind. Das muss sich wieder ändern. Ihre Argumente: Die zunehmende Zahl von weiblichen Doktoren ist "schlecht für die Medizin". Frauen würden lieber in Teilzeit arbeiten und das führe zu Personalengpässen. Frauen würden sich zudem auch weniger in Lehre und Forschung einbringen.

Gleiche Chancen für männliche Medizinstudenten

Man hätte ja Bereitschaft gezeigt, etwas gegen die männliche Dominanz und die tatsächliche Diskriminierung der Frauen im Medizinstudium zu unternehmen, so ein schottischer Arzt und Forscher in den BBC-News. Aber 60 Prozent Medizinstudentinnen, das sei nun wirklich besorgniserregend. Die Gefahren, die damit verbunden seien, würden sich bereits abzeichnen. Viele männliche Allgemeinmediziner, sogenannte General Practitioners (GP), ständen kurz vor dem Ruhestand. Ihnen folge eine Ärzteschaft aus jungen Frauen, von denen viele nur halbtags arbeiten wollen. Er sei ja nicht kritisch, aber auf diesen Frauen werde schließlich auch ein Großteil der Kindererziehung lasten. Die Konsequenz müsse sein, dass an den medizinischen Fakultäten mehr männliche Studienbewerber rekrutiert werden.

Furcht vor Verlust von Macht und Einfluss

Ist das reiner Altruismus, der in der Argumentation mitschwingt? In einem Beitrag im British Medical Journal (BMJ), dem Publikationsorgan der Ärztevertretung British Medical Association (BMA), bekommt die jetzige Debatte noch einen ganz anderen Hintergrund. Die BMA macht sich schon seit vielen Jahren stark für flexiblere Arbeitszeiten und für das Recht auf eine "work-life balance" – und zwar für alle Mediziner unabhängig ihres Geschlechts. Früher regelte ein "old boy network", wer als Doktor zugelassen wird. Damals hatten Medizin-Praktikanten eine 120-Stundenwoche. Häufige Ortswechsel machten eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie unmöglich. Unter den Frauen hatten nicht nur die mit Kind wenig Chancen. Die Zeiten haben sich zwar geändert, aber in der Medizin eben langsamer als in anderen Bereichen, so das BMJ. Dafür sorgt immer noch ein Netzwerk von einflussreichen Doktoren. Sie wehren sich gegen die steigende Zahl von Frauen in medizinischen Berufen, weil sie schlicht und ergreifend den Verlust von Macht, Einfluss und Prestige fürchten. Also doch Machogehabe! Der Beitrag vom BMJ ist zwar gut zwei Jahre alt, aber geändert hat sich seitdem offenbar wenig. Außer, dass die neuerlichen Argumente vor dem Hintergund eines drohenden Ärztemangels ernst genommen werden.

Frau Doktor in Deutschland als stille Reserve

Fakt ist laut BMJ, dass 60 Prozent der Medizinstudenten Frauen sind, aber nur knapp 40 Prozent im Arztberuf tätig sind. Das verhält sich in Deutschland nicht viel anders. Auch bei uns ist das Medizinstudium bei Abiturientinnen sehr beliebt. Die Quote der weiblichen Studienanfänger beträgt ebenfalls rund 60 Prozent. Der Anteil der berufstätigen Medizinerinnen liegt hingegen nur bei 34 Prozent. Die Kassenärzliche Vereingung (KBV) begründet den Frauenschwund damit, dass es nicht genügend Teilzeitstellen bzw. Kinderbetreuungsangebote gibt. Fakt ist, dass sich auch in Deutschland ein gravierender Mangel an Ärzten, insbesondere an Hausärzten, abzeichnet. Deswegen hofft die KBV sehr auf Frau Doktor als stille Reserve. Mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz, das Anfang 2007 in Kraft getreten ist, sollen zunehmend auch Frauen für die ambulante Versorgung gewonnen werden. Vielleicht überzeugen flexiblere Arbeitsmöglichkeiten bzw. mehr Teilzeitstellen?

Trotzdem Beunruhigung über weibliche Ärzteflut

Und wie sehen das die Betroffenen? DocCheck fragte beim Hartmannbund nach. Die Landesvorsitzende Nordrhein, Angelika Haus, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, weist darauf hin, dass es in Deutschland eine ähnlich geführte Debatte wie in England gibt. In allen berufspolitischen Gremien würde das Thema, d.h., dass Deutschland auf eine weiblich geprägte Medizinversorgung zusteuert, als fatale Entwicklung diskutiert. Als beunruhigend gelte, dass viele Ärztinnen nicht selbständig bzw. nur in Teilzeit arbeiten wollten. Aber das ist nicht das eigentliche Problem, so Angelika Haus. Die Bezahlung der Ärzte sei so schlecht, dass die Männer beispielsweise lieber in der Pharmazie einen Job suchen oder ins Ausland abwandern. Schuld daran sei die Politik. Es ist ein Unding, so Angelika Haus, dass man mit ärztlicher Tätigkeit eine Familie nicht mehr ernähren kann.

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