Die Früher-als-Früherkennung

16. Mai 2008
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Das von der Universität Graz aus koordinierte Forschungsprojekt GENINCA soll Licht ins Dunkel der ganz frühen Krebsentstehung bringen. Mit modernsten Methoden der Molekulargenetik wollen Wissenschaftler endlich verstehen, was in jenen Stadien vor sich geht, in denen Krebs noch gar kein Krebs ist.

Das Schlagwort kennt jeder: Die Adenom-Karzinom-Sequenz gehört zu den beliebtesten Prüfungsthemen aus der Gastroenterologie überhaupt. Eine Reihe von Genen werden angeschaltet, abgeschaltet oder mutieren, und dann hat sich das "gutartige" Adenom in ein bösartiges Kolonkarzinom verwandelt.

GENINCA wird "Austrian Champion"

Im Staatsexamen käme man mit dieser Erklärung vermutlich durch. Aber sind die Verhältnisse wirklich so klar? "Wir wissen längst nicht alles über die molekularen Mechanismen der Krebsentstehung", sagt Professor Michael Speicher vom Institut für Humangenetik der Universität Graz. Speicher ist Projektleiter des GENINCA-Projekts, einem kollaborativen Krebsforschungsprojekt im Rahmen des 7. Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Union. GENINCA steht für "Genomic Instability and genomic alterations in pre-cancerous lesions and/or cancer". Die österreichische Forschungsförderungsgesellschaft hat das Anfang 2008 angelaufene Projekt jetzt als "Austrian Champion in European Research" geehrt. An dem auf drei Jahre angelegten GENINCA-Projekt sind elf Forschungseinrichtungen beteiligt, in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und Großbritannien.

"Vor allem was in den sehr frühen Stadien der Krebsentstehung molekulargenetisch passiert, ist noch weitgehend unbekannt", betonte Speicher im Gespräch mit dem DocCheck Newsletter. Was zum Beispiel muss passieren, damit aus normaler Darmschleimhaut ein Adenom wird? Auf diese und ähnliche Fragen erhoffen sich die Forscher des GENINCA-Projekts Antworten. "Wir werden die bekannten Onkogene und Tumorsuppressorgene auch untersuchen, aber wir wollen weit darüber hinaus gehen", so Speicher. Besonderes Interesse haben die GENINCA-Forscher an Instabilitäten des Genoms: Sind das frühe Veränderungen, die alles andere nach sich ziehen? Oder sind sie im Gegenteil die Folge von spezifischen Mutationen? "Hier gibt es unter Krebsforschern derzeit ganz unterschiedliche Meinungen."

Tiefe Einblicke in den Darm der Maus

An menschlichem Gewebe können derartige Untersuchungen kaum gemacht werden, weil es unethisch wäre, bei gesunden Probanden in großem Umfang Biopsien zu machen. Bei GENINCA greifen die Forscher deswegen auf Tiermodelle zurück, etwa auf Mäuse, die aufgrund genetischer Veränderungen in einem hohen Prozentsatz der Fälle Leber- oder Darmkrebs entwickeln. "Unsere Kooperationspartner in Mainz machen beispielsweise Koloskopien bei Mäusen mit einer Prädisposition zu Darmkrebs", so Speicher. Mit Hilfe von konfokaler Mikroskopie können sich entwickelnde Tumoren bei diesen Tieren schon erkannt werden, lange bevor sie sich zu einem Adenom ausgewachsen haben. Werden entsprechende Veränderungen gefunden, wird in regelmäßigen Abständen erneut biopsiert.

Am Ende steht eine kontinuierliche Gewebe-Historie der Tumorentstehung. Die Gewebeproben werden nach Graz verschickt, wo sie mit modernsten molekulargenetischen Methoden analysiert werden. Die Verfahren, die zum Einsatz kommen, sind so sensibel, dass selbst Unterschiede in der genetischen Aktivität benachbarter Zellen erkannt werden können. Diese "Zell-zu-Zell-Variabilität" ist ein Marker für die genetische Instabilität und könnte endlich Klarheit darüber verschaffen, welche Rolle dieser Faktor in der Krebsentstehung tatsächlich spielt.

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