Haarige Hoffnung auf neue Haut

21. Mai 2008
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Das Biotech-Unternehmen Euroderm züchtet aus Haaren neue Haut. Eine klinische Studie, die noch dieses Jahr beginnen wird, soll endgültig die Wirksamkeit des neuartigen Hautersatzes belegen. Hat sie Erfolg, dann könnten in Deutschland schon bald viele der rund zwei Millionen Patienten mit chronischen Wunden vom Produkt des Leipziger Unternehmens profitieren.

Chronische Wunden beeinträchtigen die Lebensqualität vieler, meist älterer Menschen. Sie leiden an offenen Beinen, diabetischen Füßen oder Druckgeschwüren. Wenn konventionelle Therapien mit speziellen Verbänden nicht helfen, bleibt den Betroffenen als letzte Möglichkeit nur eine Hauttransplantation. Dem Patienten muss dafür aus dem Oberschenkel ein Stück gesunde Haut entnommen und auf die nicht heilende Wunde verpflanzt werden.

Seit fünf Jahren bietet das Leipziger Unternehmen Euroderm eine sanftere Methode an. Der Patient lässt sich dabei vom Arzt einige Haare vom Kopf zupfen – aus den adulten Stammzellen der Haarwurzelscheide wird anschließend die neue Haut gezüchtet. Die Behandlung mit Epidex, wie die Gewebezüchter die Ersatzhaut nennen, ist weitgehend schmerzfrei. “Das einzige, was ein wenig weh tun kann, ist das Zupfen der Haare”, sagt Andreas Emmendörffer, Geschäftsführer von Euroderm. Hat der Patient diese Prozedur überstanden, kann er erst einmal wieder nach Hause gehen. Denn die eigentliche Züchtung der Haut findet in hoch sterilen Laborräumen am Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie statt.

Hundert Haare reichen

“Für eine Wundfläche von 30 Quadratzentimetern benötigen wir ungefähr hundert Haare”, berichtet Emmendörffer. Die Haarwurzel, die die Stammzellen enthält, wird vom Resthaar abgetrennt und in eine Nährlösung mit speziellen Wachstumsfaktoren gelegt. Im Brutschrank bei einer Temperatur von 37 Grad Celsius entwickeln sich aus den Stammzellen so genannte Keratinozyten. Diese Zellart ist mit einem Anteil von mehr als neunzig Prozent der häufigste Zelltyp der menschlichen Oberhaut.

“Nach zwei Wochen entfernen wir die Haarwurzel aus der Nährflüssigkeit und die Keratinozyten vermehren sich von allein weiter”, erläutert Emmendörffer. Es bildet sich ein pflastersteinartiges Muster von Zellen, das nach zwei weiteren Wochen schließlich zu einem hauchdünnen Hautscheibchen – ungefähr so groß wie eine Ein-Cent-Münze – herangewachsen ist. Die so gezüchteten Hautstückchen schickt Euroderm dem behandelnden Arzt zurück. Dieser hat nun maximal 48 Stunden Zeit, um sie mit einer Pinzette mosaikartig auf die Wundfläche des Patienten zu legen. Emmendörffer: “Es reicht aus, wenn sechzig bis siebzig Prozent der Haut mit Epidex bedeckt werden.”

Nach dem Verbinden der Wunde kann der Patient die Arztpraxis wieder verlassen – ein stationärer Aufenthalt ist nicht nötig. Läuft alles optimal, heilt die Wunde binnen mehrerer Wochen komplett zu. “Innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss der Behandlung erzielen wir mit Epidex bei fünfzig bis sechzig Prozent der Patienten eine vollständige Heilung”, berichtet Euroderm-Chef Emmendörffer, Bei der Hälfte der restlichen Patienten verringere sich immerhin die Wundgröße. Für den Erfolg spiele es keine Rolle, wie lange eine Wunde bereits offen sei, ebenso wenig sei das Alter des Patienten von Belang.

Neue Haut eignet sich nicht für jede Wunde

Trotzdem lässt sich nicht jede Wunde mit dem neuen Verfahren behandeln. Sie muss flach und frei von Entzündung und Infektionen sein. Günstig auf den Heilungsverlauf wirkt sich aus, wenn keine weiteren Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht bestehen. Die Wunden dürfen bei einer einmaligen Therapie mit Epidex nicht größer als 100 Quadratzentimeter sein. Emmendörffer: “Bei größeren Wunden bedecken wir zuerst nur einen Teil der Wunde. Ist das erfolgreich, behandeln wir etappenweise den Rest.”

Die neu gewachsene Haut sieht auf den ersten Blick nicht anders aus als die übrige Haut der Patienten. Doch sie enthält weder Haare noch Talg- oder Schweißdrüsen. “Daher ist sie mechanisch nicht ganz so robust wie normale Haut, sagt Michael Meurer, Direktor der Hautklinik an der Technischen Universität Dresden.

Der Dermatologe, der schon mehr als fünfzig Patienten mit Epidex behandelt hat, setzt das neue Verfahren vor allem bei chronischen Wunden ein, die nicht größer als ein bis zwei Handteller sind. Wichtig sei auch, so Meurer, dass sich der Patient während des Heilungsprozesses viel bewege, um die Durchblutung des neuen Gewebes zu fördern. Bei älteren Patienten mit mehreren Begleiterkrankungen und größeren Wunden bevorzugt Meurer nach wie vor das Hauttransplantat aus dem Oberschenkel der Patienten.

Schon 800 Patienten wurden behandelt

Seitdem die Dermatologen Thomas Hunziker und Alain Limat vom Universitätsklinikum Bern in den Neunzigerjahren mit der Haut aus Haaren den ersten Patienten behandelten, kam sie bei rund achthundert Patienten zum Einsatz, davon allein knapp hundert im Jahr 2007. Die Behandlung einer 30 Quadratzentimeter großen Wunde mit Epidex kostet rund viertausend Euro. Das ist etwa die Hälfte des Betrags, den die Krankenkassen bezahlen, wenn eine solche Wunde mit dem klassischen Hauttransplantat verschlossen wird.

Eine im Jahr 2003 veröffentlichte Studie, an der 77 Patienten teilnahmen zeigte, dass die neu gezüchtete Haut ähnliche Heilungserfolge erzielt wie das klassische Verfahren. Dennoch lehnen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland eine generelle Kostenübernahme ab und bezahlen nur in begründeten Einzelfällen die Therapie mit Epidex. Hauptgrund für die ablehnende Haltung war nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin die geringe Teilnehmerzahl der Studie, die daher keine statistisch fundierte Aussage über die tatsächlichen Heilungserfolge erlaubt. Deswegen möchte Euroderm die Krankenkassen mit der nun anlaufenden Studie endgültig von Epidex überzeugen. Sie soll Mitte des Jahres beginnen und 120 bis 150 Testpersonen umfassen.

Mit der Studie will Euroderm auch die europaweite Zulassung von Epidex bei der europäischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde Emea erreichen. Bislang mussten Gewebezüchter keine Zulassung für ihre Produkte beantragen, wenn sie diese auf den Markt bringen wollten. Das wird sich bald ändern. Denn im vergangenen November hat das europäische Parlament die EU-Verordnung über Arzneimittel für neuartige Therapien verabschiedet.

Zulassungspflicht für Gewebeprodukte ab 2009

Die Verordnung regelt zum ersten Mal, welche Kriterien ein Gewebeprodukt erfüllen muss, damit es von der Emea zugelassen wird und der Hersteller es in den Verkehr bringen darf. Für Gewebeprodukte, die schon verkauft werden, gilt eine vierjährige Übergangsfrist. Euroderm hat also bis Ende 2012 Zeit, die für die Zulassung von Epidex nötigen Unterlagen zu erstellen.

Vielleicht haben die Forscher von Euroderm bis dahin sogar schon den nächsten Schritt bei der Erzeugung von natürlicher Haut in Angriff genommen. “Man könnte zum Beispiel die Epidexscheibchen, die bislang nur aus Oberhaut bestehen, um weitere Hautschichten ergänzen”, sagt Emmendörffer. “Und wenn es gelingt, auch noch blutgefäßbildende Zellen zu integrieren, könnten auch Patienten mit schweren Brandwunden behandelt werden.”

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