Google Health – Sturm im Wasserglas?

30. Mai 2008
Teilen

Es ist schon faszinierend: Google eröffnet eine Gesundheitsakte im Internet - und die ganze Welt redet darüber. Wir auch! Ein exklusiver Test sucht die Stärken und Schwächen von Google Health - und verrät, ob wir die elektronische Gesundheitskarte jetzt begraben können.

Was wurde nicht alles geschrieben und gewarnt im Zusammenhang mit Google Health: Nur in den USA zugänglich! Personalisierte Werbung auf Basis der individuellen Diagnosen! Super-GAU! Sogar die Bundesärztekammer hat den noch nicht existierenden Dienst zum Anlass für eine Pressemeldung genommen. Die Realität ist sehr viel entspannter.

Fast so leicht zu bedienen wie die Suchmaschine

Seit vergangenem Montag ist Google Health jetzt offiziell online. Die Nutzer werden nicht zugeballert mit Werbung. Es ist auch in Europa für jeden zugänglich, der ein Google-Account oder eine Google-E-Mail-Adresse hat. Und man erhält auch nicht sofort Spam-Mails, wenn man “erektile Dysfunktion” in seine Diagnosenliste aufnimmt. Was als allererstes auffällt ist, dass Google sich treu geblieben ist und eine Seite entworfen hat, die sehr übersichtlich ist. In der Mitte ist die Rubrik, die aktuell genutzt wird. Rechts steht eine Zusammenfassung des individuellen Profils, sprich Diagnosen und Medikamente und was sonst noch interessant ist. Links ist eine Menüleiste, und über allem thront oben die Google-Suchmaske. Das wars. Es ist faszinierend, wie viele Infos auf einen einzigen Bildschirm passen, wenn man es richtig macht.

Neue Nutzer von Google Health sollten natürlich zunächst einmal ihr Profil anlegen. Auch das ist simpel. Wer alle Informationen zu Erkrankungen, Medikamenten, Allergien, Prozeduren, Testergebnissen und Impfungen parat hat, sollte fürs Ausfüllen nicht länger als ein paar Minuten brauchen. Zu verdanken ist das vor allem einer einfachen aber sehr effektiven Eingabemaske. Es gibt bei Medikamenten, Diagnosen und so weiter alphabetische Listen, aus denen das jeweils zutreffende ausgewählt wird. Bei Handeingabe erscheinen vorgegebene Eingabeoptionen ab dem zweiten Buchstaben, und zwar für Fachvokabular wie Laienvokabular gleichermaßen. Es geht wirklich ruckzuck.

Das medizinische Knowhow kommt von Kooperationspartnern

Abgesehen von den Eingabeoptionen bietet Google in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen A.D.A.M. eigenen medizinischen Content an. Das ist vielleicht die eigentliche Überraschung des Google Health-Launchs. Zu wichtigen Diagnosen werden redaktionell erstellte Info-Seiten angeboten, die ausführlich über Erkrankung, Diagnostik und Therapie informieren. Es gibt außerdem eine Arztsuchmaschine sowie die Möglichkeit, eine Art Adressbuch der eigenen Ärzte anzufertigen. So sieht jeder, der auf die Daten Zugriff hat, sofort, wer die zuständigen Ärzte sind und wie sie erreicht werden können. Viel weiter als bis zu den eigenen Content-Seiten lehnt sich Google dann aber auch nicht medizinisch aus dem Fenster. Alles andere überlässt die Suchmaschine kooperierenden Serviceanbietern, von denen bereits zum Start eine ganze Reihe verfügbar ist.

Ein gutes Beispiel ist die Medikation. In der Google-eigenen “Medication-List” können für jedes Medikament Dosierung und Einnahmezeitpunkt hinterlegt werden. Wem das nicht reicht, der nutzt den Service ePillBox.info, der von dem Kooperationspartner Solventus angeboten wird und erhält dann eine individualisierte virtuelle Arzneimittelschachtel, die nicht nur übersichtlicher ist, sondern auch noch diverse Erinnerungsfunktionen anbietet. Andere Kooperationspartner sind beispielsweise Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Papierdokumente wie Arztbriefe oder Befunde zu digitalisieren oder die American Heart Association, die das Google Health-Profil nutzt, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. Dann gibt es natürlich noch medizinische Einrichtungen wie die Cleveland Clinic, die ihren Patienten anbieten, digitale Dokumente direkt bei Google einzuspielen. Und sogar Praxis-EDV-Anbieter gibt es, die das ganz entspannt tun, sodass ein Arzt seinen Patienten Dokumente per Mausklick online schicken kann. Man stelle sich das einmal in Deutschland vor…

Abschied von der eGK?

Natürlich kommt an dieser Stelle zwangsläufig die Frage auf, wie es Google mit dem Thema Datenschutz hält. Grundsätzlich ist Google Health eine verschlüsselte SSL-Plattform nach dem Vorbild von Onlinebanking- oder E-Commerce-Seiten. Am Anfang klickt sich der Nutzer durch eine Datenschutzerklärung, in der Google versichert, dass es persönliche medizinische Daten nur demjenigen zugänglich macht, der von dem Patienten explizit autorisiert wurde. Das können Angehörige oder Ärzte sein, aber eben auch Service-Anbieter wie ePillBox.info. Will ein Google Health-User die PillBox nutzen, erklärt er sich einverstanden, dass seine Medikationsdaten und nur diese an den Kooperationspartner übertragen werden. Genauso funktioniert es bei der American Heart Association oder anderen Anbietern. Der Nutzer selbst entscheidet also, wie viel Datenschutz er möchte, und kein Politiker oder Arzt macht ihm da Vorschriften.

Läutet Google Health nun das Ende der elektronischen Gesundheitskarte ein? Eher nicht, aber Impulse geben könnte es schon. Zunächst einmal ist Google Health natürlich englisch. Das wäre noch kein Problem, aber die Kooperationspartner sind eben auch Amis: Eine CompuGroup, eine Deutsche Gesellschaft für Kardiologie oder einen Asklepios-Konzern sucht man in der Partnerliste vergeblich. Das zweite ist, dass es in Deutschland mit vita-X, der careon-Akte und LifeSensor bekanntlich drei Gesundheitsakten gibt, die der Google-Akte unterschiedlich nahe kommen. Diese Akten sollen irgendwie in die eCard-Infrastruktur integriert werden, weil in Deutschland Ärzte, einige Patientenorganisationen und Datenschützer der Auffassung sind, dass deutsche Patienten nicht erwachsen genug für ein kartenloses Internet seien. Und dann ist da, drittens, natürlich auch noch der Aspekt der innerärztlichen Kommunikation, die Google Health nicht abbildet. Auch hier hat man sich in Deutschland, Stichwort elektronischer Heilberufsausweis, für eine Kartenlösung entschieden, sodass eine Chipkarteninfrastruktur, Google hin, Google her, nötig bleibt.

1 Wertungen (5 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: