Mit Skalpell und Spucke

30. Mai 2008
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Eine gerade veröffentlichte PLoS-Studie zeigt: Der HIV-Schnelltest per Speichelprobe kurz vor der Geburt kann das Übertragungsrisiko für das Neugeborene deutlich senken - denn schnellere Ergebnisse ermöglichen die rechtzeitige Entscheidung für den Kaiserschnitt. Vor allem in Ländern, in denen das HIV-Screening nicht zur Routine gehört, kann so die weitere Ausbreitung der Seuche verhindert werden.

Es ist der Alltag in einem ganz normalen indischen Landkrankenhaus: Herkömmliche HIV-Tests erfolgen durch venöse Blutabnahme, die Auswertung erfordert Tage. Für Ärzte ein Debakel. Denn jede Stunde, in der sie im Fall einer detektierten HIV-Infektion der Mutter verlieren, bedeutet vielleicht eine kürzere Lebenserwartung für das Kind. Ein Schnelltest auf Basis einer Speichelprobe lieferte den Forschern die Ergebnisse innerhalb von 20 Minuten – und war genauer, als viele Ärzte zunächst erwarteten. 1.200 Frauen unterzogen sich im Rahmen der Untersuchung dem neuen Verfahren, 15 Patientinnen erweisen sich dabei als HIV-positiv. Zwar lieferte der Speicheltest zunächst nur 14 positive Ergebnisse, die nachträgliche Neuinterpretation brachte letztendlich auch die letzte korrekte Diagnose zustande.

Molekulardiagnostisch betrachtet ein glatter Durchmarsch. Denn die Ergebnisse von Blut- und Speicheltest stimmten zu 100 Prozent überein. Die Konsequenz ist so einfach wie effektiv: Ist eine HIV-Infektion bei einer Gebärenden oder stillenden Mutter bekannt, können noch Sofortmaßnahmen, entweder in Form eines Kaiserschnitts oder einer präventiven antiretroviralen Therapie, ergriffen werden. In den westlichen Nationen wurde so eine Senkung der Ansteckungsrate auf unter zwei Prozent erreicht. Die Quote in den Entwicklungsländern liegt deutlich darüber, und das nicht nur aufgrund mangelnder Therapiemöglichkeiten. Der so einfache wie erschreckende Grund: die Unwissenheit der meisten Mütter über ihre Infektion.

Es geht um alles

Weltweit infizieren sich täglich mehr als 1000 Kinder mit HIV, nach Angaben von UNICEF sind insgesamt 2,5 Millionen Jungen und Mädchen betroffen. Man kann die Zahlen auch so interpretieren: Kondome allein bewirken in der Dritten Welt zu wenig – weil sie kaum jemand wirklich benutzt.

Angesichts solcher Dimensionen setzen Fachleute auf eine neue Strategie: Die direkte Kooperation mit betroffenen Ländern und frisches Geld für innovative Präventionsmaßnahmen sollen der rasanten Verbreitung des Virus den Garaus machen. Die Zeichen stehen gut. Im November vergangenen Jahres kündigte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Unterstützung der europäischen Initiative EDCTP (European and Developing Countries Clinical Trials Partnership) an. Die soll klinische Studien zur Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen Aids sowie Tuberkulose und Malaria vorantreiben. Wesentliches Ziel sei dabei “die Stärkung der Wissenschaft in Afrika”, wie das Ministerium betonte.

Dabei geht es nicht um Imagepflege, es geht um die Zukunft der betroffenen Kinder – und somit um alles. Insgesamt sieht das Programm EDCTP Investition von 600 Millionen Euro vor, die zu gleichen Teilen von der EU-Kommission, von den beteiligten Staaten und aus weiteren öffentlichen und privaten Mitteln stammen. Doch anders als bisher geht es nicht primär um neue Vakzine oder Wunderpillen – mit dem Programm sollen “verbesserte Möglichkeiten für die Behandlung von Aids in Entwicklungsländern” erforscht werden.

Mikrobiozide gegen HIV

Die Durchseuchungswelle zu stoppen ist auch Anliegen der Europäischen Union. Die Suche “nach einem sicheren und effektiven Mikrobiozid zur Verhinderung einer HIV-Übertragung bei Frauen” ist der EU eine Subvention in Hohe von 4,2 Millionen Euro wert. Die vaginal angewendeten Substanzen könnten, so die Hoffnung der Mediziner, “zur Verminderung der HIV-Übertragung durch Geschlechtsverkehr” beitragen. Mikrobiozide können in Form eines Gels, einer Creme, eines Films, eines Zapfchen oder Schwamms oder auch eines Vaginalrings, der den aktiven Wirkstoff allmählich freisetzt, angewendet werden – und vor allem in Afrika zum Einsatz kommen.

Denn dort sind 74 Prozent der mit dem HIV-Virus infizierten jungen Erwachsenen im Alter von 15-24 Jahren Frauen. Laut einem im November 2006 von UNAIDS veröffentlichten Bericht sind derzeit weltweit so viele Frauen ab 15 Jahren mit dem HIV-Virus infiziert, wie nie zuvor. Noch bis 2009 fließen die 4,2 Millionen Euro der EU, acht klinische Versuchsstandorte in Kenia, Ruanda, Südafrika und Zimbabwe sollen der neuen Strategie zum Durchbruch verhelfen. Das in Belgien ansässige Institut für Tropenmedizin wiederum führt im Rahmen des Vorhabens in Afrika Schulungen im Bereich klinischer Versuche durch. Prävention, scheint die Botschaft, kann Leben retten – aber dieses Mal geht es um die Etablierung klinischer Präventionsmaßnahmen. Die diagnostischen Erfolge aus Indien erscheinen daher in einem ganz anderen Licht: Der Schnelltest könnte auch den afrikanischen Krankenhausstationen zu Gute kommen.

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