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5. Juni 2008
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Passend zum Start der EM 2008 kommt eine Publikation im NEJM, die jeden Notarzt aufhorchen lassen dürfte. Danach steigt während Großereignisse á la WM oder EM nicht nur das allgemeine Fußballfieber im Lande - auch das Herzinfarktrisiko innerhalb der zuschauenden Bevölkerung nimmt messbar zu.

Die Zahlen der UEFA EURO 2008 sind beeindruckend. Mehr als acht Milliarden Menschen sollen – rein kumuliert – die Spiele live oder im TV erleben, nur: Überleben werden einige das anstehende Medien- und Sportspektakel wohl nicht. Denn emotionale Stressereignisse wie ein spannendes Fußballspiel können das Risiko eines Herzinfarkts deutlich erhöhen, wie die jetzt im Fachblatt NEJM publizierte Studie “Cardiovascular Events during World Cup Soccer” des Münchner Campus Grosshadern und der LMU München attestiert.

Kein geringeres Ereignis als die WM 2006 diente den Forschern als Datenbasis. Immerhin 4279 Patienten erlitten während des sportlichen Märchensommers ausgerechnet zur besten Spielzeit akute kardiovaskuläre Attacken, wie die Mediziner schrieben – und das allein in Bayern. Das hätte freilich wenig Aussagekraft, nur: Jedes Mal als Klinsi und seine Mannen den Rasen betraten, um anschließend die Nation in Atem zu halten, stieg die Rate der unliebsamen Herz-Events um das 2,66fache im Vergleich zu den Kontrolljahren 2003 und 2005 an.

Fussballfieber ist kein lokales Phänomen

2,5 Mal so häufig wie sonst diagnostizierten Ärzte einen myokardischen Infarkt, während diese Rate bei Patienten mit instabiler Angina noch bedrohlichere 2,61 betrug. Arrhythmien traten sogar 3 Mal häufiger auf als ohne Nationalmannschaftbeteiligung – auch Frauen ereilte es 1,82 mal so häufig wie ohne Nationalelf auf der Mattscheibe und außerhalb der WM.

Die lebensbedrohliche Aufregung rund ums Leder erfasst offensichtlich alle Regionen. 15 Notarzt-Stationen lieferten die schockierenden Daten, darunter sechs fliegende Einheiten und drei mobile Notarztwagen mit Intensivversorgungsmöglichkeit.

Vor dem Finale war Schluss

Sieben Spiele bestritt die deutsche Elf – sechs davon führten bei den Zuschauern zu massiven Herzproblemen. Allein das Spiel gegen Polen forderte über 50 Notarzteinsätze, das Viertelfinale ließ diese Zahl auf über 60 hochschnellen, wo sie auch während des Halbfinalspiels gegen Italien verharrte. Erst als nach diesem verlorenen Spiel feststand, dass Klinsi zwar Weltmeister der Herzen, aber nicht mehr der FIFA werden konnte, sank die Zahl der Kardio-Events wieder auf erträglichere 30 Attacken im letzten Spiel der deutschen Elf. Es ging nur noch um den entspannten dritten Platz, was auch den Notdocs weniger Arbeit bescherte.

Doch nicht die Spiele allein sind entscheidend, auch die Herkunft der Zuschauer scheint wichtig. Provinzler blieben selbst in argen 11-Meter Situationen gelassen, die Rate der Herzattacken lag entsprechend bei 1,99. Als weitaus emotionaler outeten sich Städter (2,63), während Einwohner in Großstadt-Vororten sich jeden Fehlpass sehr zu herzen nahmen – sie erlitten offensichtlich drei Mal öfter eine Kardio-Attacke als in nationalmannschaftsfreien Fußballtagen.

Erdbeeren, aber keine Lebensretter

Die Studie im NEJM ist nicht unumstritten, ein Letter an den Editor weist darauf hin, dass die Infarkte und anderen Komplikationen wohl auch ohne WM stattgefunden hätten, wenn auch zeitverzögert. Und auch die Autoren selbst attestieren, dass die Gruppe der Betroffenen teilweise zu den Risikopatienten zählte.

Dass die mehr als 4200 Fälle allein in Bayern dennoch lediglich die Spitze eines Eisberges sein könnten, scheint die UEFA und EM 2008 Organisatoren noch nicht zu Ohren gekommen zu sein. Auf fünf Seiten listen Sie die EM in Zahlen auf. “250000 Erdbeeren werden den Hospitality-Gästen der UEFA EURO 2008™ Hospitality serviert”, kann der interessierte Notarzt dort erfahren, und auch, dass 124920 Flaschen Wasser und 69.400 Flaschen Wein zur Verfügung stehen. Selbst die Tatsache, dass mehr als 3400 Mitarbeiter in den Stadionkiosken arbeiten und dort “die Stadien-Fans mit Essen und Getränken” versorgen wird zur Schau getragen. Ob und wie viele Defibrillatoren vorhanden sind bleibt indes unerwähnt – ebenso wie Angaben über die Zahl der Notfallmediziner vor Ort und in Nähe der Übertragungsorte.

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