Diabetische Nephropathie: Cave Kalium

5. Oktober 2012
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Die diabetische Nephropathie ist eine häufige Nierenerkrankung in den Industrienationen. Der pH-Wert und die Kaliumkonzentration bestimmen Progression und Symptomatik. Doch wenn Medikamente zur Azidosekorrektur Kalium enthalten, ist Vorsicht geboten.

In einer prospektiven Querschnittuntersuchung wurden Daten von 2.541 Patienten mit Typ 2 Diabetes aus 245 Hausarztpraxen erhoben. Das diagnostische Prozedere der Ärzte wurde ebenso erfragt. Eine Nierenbeteiligung zeigen etwa 4 von 10 Patienten mit Typ 2 Diabetes in Deutschland. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen war dieses vorher unbekannt.

Die Studie von Merker et al. wurde 2012 in „Diabetologie und Stoffwechsel“ publiziert. Besonders bei älteren Patienten sollten die Albumin-Kreatinin-Ratio (ACR) bestimmt und die eGFR mit der MDRD-Formel ermittelt werden, so die Aufforderung der Autoren.

Andere Gewichtung

Gerade zur MDRD-Formel herrscht seit einiger Zeit nicht immer nephrologischer Konsens. Viele Nierenspezialisten sind der Auffassung, dass mit der MDRD-Formel eine Niereninsuffizienz eher überdiagnostiziert wird. Die „Chronic Kidney Disease Epidemiology Collaboration“ (CKD-EPI) hat kürzlich eine neue Formel entwickelt oder zumindest die alte optimniert. Die neue CKD-EPI-Formel beinhaltet die gleichen vier Parameter wie die MDRD-Formel, gewichtet sie jedoch anders. Die neue Gleichung wurde an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore von Matsushita K. et al. in einer Metaanalyse evaluiert. Die Daten von 1,1 Millionen Patienten wurden über einen Zeitraum von mehr als 7 Jahren analysiert. Etwa 25 Prozent der Teilnehmer mit der CKD-EPI-Formel wurden in eine andere Kategorie der Nierenfunktion eingestuft als mit der MDRD-Formel. Die neue Formel senkt somit die Zahl der Patienten, bei denen weitere Untersuchungen notwendig werden.

Saure Nierchen sind nicht lecker

In Deutschland sind derzeit etwa 70.000 Patienten in einer Dialysebehandlung. Zu den Hauptursachen für eine Niereninsuffizienz zählen Diabetes mellitus und arterielle Hypertonie. Die sich bei vielen Patienten entwickelnde chronische metabolische Azidose ist einer der bedeutsamsten Progressionsfaktoren. Etwa 20–30 Prozent aller Patienten mit Diabetes mellitus entwickeln eine diabetische Nephropathie. Die Niere ist neben der Lunge das wichtigste Organ zur Regulierung des Säure-Basen-Haushaltes.

Azidose bei nachlassender Nierenleistung

Selbst bei einer gesunden Niere nimmt die Funktion ab dem 40. Lebensjahr ab. Pro Dekade um etwa zehn Prozent! Damit sinkt auch ihre Kapazität, Säureüberschüsse zu eliminieren und die Gefahr einer Azidose steigt. Bei einer chronischen Niereninsuffizienz verschlechtert sich die Ausscheidungsfunktion der Niere bis hin zur terminalen Niereninsuffizienz. Selbst wenn die auslösende Noxe beseitigt ist, gehen die Nephrone infolge intraglomerulärer Hypertonie und glomerulärer Hypertrophie unter. Mit abnehmender Nierenleistung steigt das Risiko für eine latente Azidose an, die wiederum die Nierenleistung mindert – ein Teufelskreis. Eine metabolische Azidose reduziert die Proteinsynthese, fördert die Katabolie und senkt die Hämoglobinproduktion. Außerdem muss der Patient mehr Atemarbeit leisten und der acidotische pH-Wert zeigt negative Auswirkungen auf den Elektrolythaushalt.

Eine manifeste Azidose ist ein lebensbedrohlicher Notfall. Im Zuge der stetig nachlassenden Nierenleistung kann der Patient eine chronisch latente Azidose (ALA) entwickeln. Die “latente Azidose” ist nach F.F. Sander ein Zustand, bei dem die basischen Pufferreserven im Blut schon teilweise verbraucht wurden, es aber noch nicht zu einer pH-Wert-Veränderung gekommen ist. Körpereigene Reserven werden angegriffen und Mineralsalze, die in Knochen, Knorpeln und Zähnen eingelagert waren, werden geplündert. Dieser komplementärmedizinische Ansatz bekommt im Kontext einer Niereninsuffizienz eine erheblich stärkere Bedeutung.

Viel Zucker – Viel Kalium

Sinnvoll erscheint deshalb eine rechtzeitige Basentherapie. Für den Diabetiker sind jedoch nicht alle Therapieoptionen geeignet. Es existieren unterschiedliche Substanzen und Nahrungsmittel, die zur Vorbeugung oder Therapie einer latenten Azidose eingesetzt werden:

Diabetes mellitus ist bereits bei normalen Nierenparametern ein eigenständiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Hyperkaliämie. In einer Untersuchung von Jarmann et al. (1995) wiesen 270 von 1.764 Diabetikern Serumkaliumspiegel > 5 mmol/l auf. Lediglich in 4 Fällen lag der Serumkaliumspiegel unter 3,5 mmol/l. Bei diabetischer Nephropathie nimmt die renale Reninproduktion ab. Es kommt zu einer verringerten Aldosteronsynthese über das Renin-Angiotensin-Aldosteronsystem und zum Anstieg des Kaliumspiegels. Ein Serumkaliumspiegel > 6,5 mmol/l wird als schwere Hyperkaliämie bezeichnet. Ab 5,5 mmol/l können erste EKG−Veränderungen, wie zeltförmige T-Wellen, auftreten.

Azidosetherapie bitte kaliumfrei

Aus diesem Grund müssen Diabetiker oder andere Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion zwingend auf die Kaliumzufuhr achten. Deshalb scheiden kaliumhaltige Basenpräparate wie Kalium-Natrium-Hydrogencitrat aus. Außerdem sind Citrate vergleichsweise schlecht magenverträglich. Pharmakologisch betrachtet ist ein Kaliumsalz zur Azidosetherapie sehr fragwürdig. Bei einer Azidose ströhmt Kalium aus den Zellen in den Extrazellulärraum. Ein Abfallen des Blut-pH-Wertes um 0,1 verursacht einen Anstieg der Kalium-Serumkonzentration um etwa 1 mmol/l. Bei einer erhöhten Serum-Kalium-Konzentration wird in der Nebennierenrinde vermehrt Aldosteron gebildet und freigesetzt. Jeder zweite Patient mit einer chronischen Niereninsuffizienz weist eine Hyperkaliämie auf.

Gemüsesäfte zur Basentherapie

Besonders in der Laienliteratur wird geraten, zur Basentherapie Gemüsesäfte einzusetzen. Im Bezug auf den Kaliumgehalt ist dies bedenklich. Nimmt man mit 1 Liter Gemüsesaft doch bis zu 6000 mg Kalium auf. Die Autoren Nimrit Goraya und Donald E. Wesson warnen in einer aktuellen Publikation, dass eine durch Obst (Bananen, Trockenfrüchte etc.) und Gemüse (Hülsenfrüchte, Grünkohl, Spinat etc.) erhöhte Kaliumkonzentration bei einer reduzierten glomerulären Filtrationsrate zu Komplikationen führen kann.

Gemüsezubereitung Kaliumgehalt pro 100g
Karottensaft 270 mg
Rote Rübe Saft 315 mg
Knollenselleriesaft 300 mg
Kohlrabitrunk 135 mg
Sauerkrautsaft 270 mg
Tomatensaft 220 mg
Gemüsemischsaft >600 mg

Außerdem ist die evidenzbasierte Datenlage, ob man mit bestimmten Lebensmitteln die Säuredysbalance wirklich korrigieren kann, sehr dürftig. Die Tabellen gehen auf ziemlich ungenaue und heute widerlegte Untersuchungen von Ragnar Berg zurück und stammen aus dem Jahr 1912.

Natriumhydrogencarbonat – schubst Kalium in die Zelle

Hydrogencarbonat wird über die Schleimhaut des Dünndarms resorbiert und bei normalem Plasmabicarbonat teilweise renal eliminiert. Bei Plasmawerten unter 24 mmol/l wird das Hydrogencarbonat-Ion nach der Exkretion über die Niere nahezu vollständig rückresorbiert. Je nach Stoffwechselsituation bildet sich im Plasma nach Reaktion von Hydrogencarbonat mit Wasserstoffionen Kohlendioxid und Wasser. Das gasförmige Kohlendioxid wird über die Lunge ausgeschieden. Natriumbicarbonat bewirkt außerdem eine Rückverteilung des Serumkaliums in den Intrazellulärraum. Für die Metabolisierung von Hydrogencarbonat in die Metabolite Kohlendioxid und Wasser ist das Enzym Carboanhydrase zuständig.

Resorptionsort bestimmt die Wirksamkeit

Es scheint recht einfach, das größte Puffersystem, den Bicarbonat-Puffer, durch orale Substitution zu ergänzen. Zahlreiche Produkte enthalten Natriumhydrogencarbonat und versprechen Linderung. Leider lösen sich fast alle Produkte bereits im Magen auf. Die Folge ist eine Aufspaltung des darin enthaltenen Natriumhydrogencarbonats in Natriumchlorid, Wasser und Kohlendioxid. In diesen Fällen sind die Substanzen nicht nur weitgehend unwirksam, sie bergen auch Risiken. Das gebildete Kohlendioxid führt dazu, dass der Magen überbläht werden kann.

Eine basische Substanz, die sich bereits im Magen auflöst, hat weitere Nachteile. Die Magensäure hilft nicht nur bei der Verdauung von Speisen. Sie tötet auch pathogene Keime ab. Außerdem ist sie an der Verwertung von lebensnotwendigem Vitamin B12 beteiligt. Würde man die Magensäure neutralisieren, könnte der Körper das Vitamin nicht aus der Nahrung isolieren und verarbeiten.

Präparate hochdosiert bitte!

„Daher ist die Therapie der Wahl, Patienten mit oralen magensaftresistenten Azidosetherapeutika einzustellen und langfristig konsequent zu behandeln. Dazu können die erstattungsfähigen Arzneimittel beitragen“, so der Nephrologe Prof. Dr. Jürgen Kult im Fachtitel Dialyse aktuell. Kult plädiert dafür, aus Gründen der Compliance und Wirtschaftlichkeit, Präparate anzuwenden, die hoch dosiert sind. Ebenso wenig, wie man im Urin den Serum-pH-Wert messen kann, kann man ihn mit Substanzen kompensieren, die sich bereits im Magen auflösen. Übrigens: „Das geht mir an die Nieren“, wer hat diesen Satz nicht schon mal gehört oder gesagt? Im klassischen Altertum glaubte man, dass der Sitz für Wut und Angst die Nieren sind. Dies prägte diese Redensart für Dinge, die uns stark berühren.

98 Wertungen (4.55 ø)
Medizin

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9 Kommentare:

Eine latente Azidose im Sinne von F. F. Sander gibt es nicht. Seine Messungen (insbesondere die Bestimmung des sog. Aziditätsquotienten) sind falsch und unsinnig. Gleiches gilt auch für die Bluttitration nach Jörgensen.

#9 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

kann es sein das Diabetiker verstärkt Durst und Appetit auf Obst haben ,was wohl auch mit den Nieren zutun hat und deswegen auch vermehrt zur Toilette müssen ?Wenn ich weniger Obst esse und weniger trinke fühle ich mich schlechter weshalb ich das für besser bekömmlich halte ,erklären kann ich mir das der Kaliumspiegel damit etwas zu tun hat-

#8 |
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Wie allgemein bekannt ist, sollte der Natriumverzehr in der Ernährung reduziert werden und der Kaliumverzehr erhöht werden. Die Evidenz für diese simple Wahrheit hat der Natriumreduktion! und der Kaliumanreicherung! gesetzlich fest geschriebene Health Claims zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks in der EU verschafft.
Niedrige Kaliumwerte erhöhen das Diabetesrisiko. Dazu gibt es x-Studien, z. B. Potassium intake and risk of incident type 2 diabetes mellitus: the Coronary Artery Risk Development in Young Adults (CARDIA) Study.
Menschen mit den niedrigsten Kaliumwerten hatten ein 2,45 faches Diabetesrisiko.
Ein Arzt sollte einen Diabetikern nicht nach einem solchen Pauschalartikel, der ausschließlich auf Diabetiker mit deutlich eingeschränkter Nierenfunktion zutrifft, sondern nach den Blutwerten des Patienten behandeln. Kalium und Magnesium als Citrat in einem frühen Stadium verbessern erfahrungsgemäß die Nierenfunktion und Insulinverwertung und schützen die Nieren. Bei Niereninsuffizienz und Hyperkaliämie sollte die Kaliumzufuhr eingeschränkt werden.
Aber das weiß ja jeder Arzt! Dafür braucht man keinen einseitigen Panikmache-Artikel a la Cave Kalium.
Eine erhöhte Aufnahme kaliumreicher Lebensmittel wie Obst und Gemüse reduziert deutlich das Risiko für einen Schlaganfall, wie aus einer aktuellen Meta-Analyse eines schwedischen Forscherteams hervorgeht (Larsson et al., 2011). Auch Kaliumsupplemente können bei Hypertonikern das Schlaganfall-Risiko bis zu 70 % senken (Ascherio et al., 1998) und allgemein das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Koronare Herzkrankkheit vermindern kann (D’Elia et al., 2011). Evolutionsbiologisch sind wir auf basische Kaliumverbindungen wie Kaliumcitrat eingestellt.
Die Amerikanischen Behörden (Food and Nutrition Board) empfehlen 4,7 g Kalium am Tag,um Hyertonie, Schlaganfall, Osteoporose und Nierenleiden vorzubeugen und entgegenzuwirken.
Ein ausgewogener Artikel wäre hilfreicher gewesen.

>Pharmakologisch betrachtet ist ein Kaliumsalz zur Azidosetherapie sehr fragwürdig. Bei einer Azidose ströhmt Kalium aus den Zellen in den Extrazellulärraum.
Dies trifft nur auf die akute Azidose zu! Bei chronischer Azidose herrscht immer eine intrazelluläre Kaliumverarmung und keine Hyerkaliämie, da das Kalium über den Urin ausgeschieden wird. Nur wer das nicht kann, hat eine Hyerkaliämie und sollte logischerweise kein Kalium supplementieren. Für alle anderen ist es das Mineral, was in unserer Ernährung am meisten fehlt, wo praktischer jeder weit unter den US-Empfehlungen liegt. Unsere Vorfahren und Naturvölker essen etwa 10 g Kalium am Tag und brauchen zeitlebens keine Dialyse, bekommen auch sicher keinen Diabetes und kennen keine Hypertonie (STudien zu Yanomami-Idianern von Mancilha-Carvalho und Souza e Silva, 2003) ).

#7 |
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Medizinjournalist

Hallo Frau Chiappa, stimmt, Citrate setzen kein Kohlendioxid frei, werden jedoch, wie im Beitrag erwähnt, meist gastral schlecht vertragen.

#6 |
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Medizinjournalist

Hallo Herr Boettger, damit nicht der Vorwurf einer industrienahen Publikation entsteht, habe ich bewusst auf die Nennung von Handelsnamen verzichtet. in der Roten Liste werden zwei Praeparate genannt, wenn Sie damit nicht weiter kommen, dürfen Sie mir gern eine Mail schreiben.

#5 |
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Alfred Böttger
Alfred Böttger

Ich hätte mich über die Erwähnung von empfehlenswerten Mitteln gefreut.

#4 |
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dipl. oec.troph. Andrea Chiappa
dipl. oec.troph. Andrea Chiappa

Hallo Frau Sahl,
gilt Ihre Aussage auch für Basenpräparate auf Citratbasis?
Diese lösen meiner Info nach kein CO2-Gas durch die Magensäure aus…

#3 |
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Dr. Lucie Sahl
Dr. Lucie Sahl

Basenmittel sollten grundsätzlich in magensaftresistenten Kapseln verabfolgt werden und niemals als Pulver! Hoffentlich verbreitet sich dieses Wissen.

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Sehr geehrter Herr Bastigkeit, die Niere ist das “Empfängerorgan” der Emotion Angst. Der vermehrte Toilettengang bei innerer Anspannung ist auch ein gutes Beispiel :) Bei diesem Artikel kann man wunderbar die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Forschung und die Erkenntnisse aus der Traditionellen Chinesischen und europäischen Ethnomedizin zusammenführen. Besonders interessant ist dabei die unmittelbare Kontrollfunktion des Magens auf das Organ Niere. Diese Beschreibung finden man schon im “Gelben Kaiser” ca. vor 2000 Jahren.
Das “Empfängerorgan” für die Wut ist übrigens die Leber :) (“Laus über Leber gelaufen”) Lg

#1 |
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