Kardiotherapie: Das große Fummeln

12. Juni 2008
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Schlechte Neuigkeiten für Herzpatienten: Wie in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift European Heart Journal zu lesen ist, folgen viele Ärzte in ganz Europa nicht den gängigen Standards im Umgang mit Kardio-Patienten. Grund ist aber nicht das Unwissen über die Leitlinien, sondern deren einfache Nichtbeachtung.

Als "Besorgnis erregend" bezeichnet Willem Remme, Medizinprofessor an der Niederländischen Sticares Cardiovascular Research Foundation und Autor der Studie, die Auswertungsergebnisse. Um den Wissenslevel rund ums Herz zu eruieren, befragten Remme und sein Team gleich mehrere Fachrichtungen der Ärzteschaft. Auf diese Weise erhielten die Forscher 2.041 Antwortbögen aus der Feder von Kardiologen, hinzu kamen 1.881 andere Internisten und 2.965 Hausärzte, allesamt aus neun europäischen Ländern.

Überweisung ist nicht

Obwohl die Richtlinien im Bereich der Kardiologie klare Vorgaben aufzeigen, diagnostizieren und therapieren Europas Ärzte nach regionalen und teilweise unergründbaren Verhaltensmustern. Auch die Fachrichtungen gehen dem Papier zufolge vollkommen unterschiedlich an die Herzen der Patienten heran. So setzen 92 Prozent der Kardiologen die Echokardiographie als Diagnosetool ein, um Herzfehler aufzuspüren. Bei den anderen Internisten macht dieser Anteil nur noch 71 Prozent aus. Von der unblutigen und nichtinvasiven Technik vollkommen losgelöst versuchten hingegen 75 Prozent aller befragten Hausärzte die Diagnose zu stellen – lediglich jeder vierte Hausarzt greift zum bildgebenden Standardverfahren.

Wer aber eine Herzdiagnose ohne Echokardiographie stellt, legt laut Remme mitunter den Grundstein für die Gefahr einer anschließend fehlerhaften Therapie – inklusive der Verabreichung von Medikamenten, die an sich gar nicht nötig wären. Besonders Europas Hausärzte scheinen die Zeichen von Herzfehlern und Herzinsuffizienz zu verkennen. Lediglich 55 Prozent der Befragten gaben an, Patienten im kritischen Alter von 65-80 Jahren an einen Spezialisten zu überweisen. Wer älter als 80 ist, hat in Europa vom Hausarzt – je nach Gegend – kaum Gutes zu erwarten: 66 Prozent überweisen den Therapiebedürftigen nicht zum Kardiologen.

Bekannt heisst nicht umgesetzt

Damit nicht genug. Während Kardiologen Wirkstoffe wie ACE und Beta-Blocker meist korrekt und in den richtigen Dosen verabreichen, verzichten einige Internisten und Hausärzte oft auf diese Medikation oder verschrieben Mengen, die den Patienten das Leben zwar nicht leichter, aber kürzer machen können – weil sie nicht so wirken, wie sie eigentlich sollten.

Der Schlendrian in einigen europäischen Hausarztpraxen kommen nicht von ungefähr. Nicht die Fachrichtung an sich scheint die Ursache der massiven Fehlerquote zu sein, sondern die Bequemlichkeit der Behandler, wie Remme anhand seiner Daten dokumentiert. Danach lesen viele Internisten und Hausärzte die kardiologischen Guidelines einfach nicht, und selbst Herzspezialisten befolgen sie nur zum Teil. Rund 32 Prozent der befragten Kardiologen gaben an, die Empfehlungen zwar zu lesen, aber nicht danach zu handeln.

Diese Ergebnisse werden Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die nur noch zeitlich beschränkte Behandlungslizenzen an Ärzte vergeben wollen.

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