Da ist er: Mister Blister

20. Juni 2008
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Nach einigem Vorgeplänkel hat die erste Krankenversicherung einen Vertrag zur individuellen Arzneimittelverblisterung unterzeichnet. Auch bei Ärzten wird intensiv wie nie an Therapiesicherheit gearbeitet: man setzt zunehmend auf Verordnungssoftware, die mitdenkt. Bei der Anzahl der Komplikationen durch Verordnungsfehler scheinbar nötig.

Wie sich die Zeiten ändern: Es ist gar nicht so lange her, dass ranghohe Vertreter des deutschen Gesundheitswesens das Problem der Arzneimittelkomplikationen öffentlich herunter gespielt haben. Ein namhafter Vertreter der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) sagte noch vor zwei Jahren bei einer Pressekonferenz, dass das Thema in Deutschland nicht so relevant sei wie in den USA, weil die US-Ärzte viel forscher therapierten.

Software warnt vor relevanten Problemen – und nur vor diesen

Diese medizinische Variante des politischen Mars-Venus-Klischees hat sich nicht durchgesetzt. Spätestens seit dem jüngst unter intensiver Mitwirkung der AKdÄ entstandenen Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit der Bundesregierung hat sich der Wind gedreht. Überzeugen konnte die Öffentlichkeit sich davon bei einem Symposium auf dem Berliner Hauptstadtkongress, wo wichtige Trends vorgestellt wurden. Die noch lange nicht graue Eminenz der Arzneimitteltherapie in Deutschland, Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, geht davon aus, dass die Zahl der jährlich in Deutschland auftretenden, klinisch relevanten Arzneimittelkomplikationen sechsstellig ist. “Mindestens die Hälfte davon dürften Verordnungsfehler sein”, so Müller-Oerlinghausen in Berlin.

Entsprechend macht es Sinn, beim Verordnen anzufangen, wenn die Sicherheit verbessert werden soll. Hilfreich können hier Softwarelösungen sein, wie Professor Daniel Grandt vom Klinikum Saarbrücken ausführte. Grandt, selbst Mitglied der AKdÄ, hat in Saarbrücken schon vor Jahren die Software rpdoc eingeführt und kontinuierlich weiter entwickelt. Die Software produziert Warnmeldungen bei problematischen Verordnungen. Sie arbeitet aber nicht auf Basis der üblichen Arzneimitteldatenbanken, sondern warnt nur bei relevanten Interaktionen oder Dosierungsfehlern. Die “Warnregeln” werden dabei eigens von Experten eingepflegt, um nicht lauter in der Praxis irrelevante Meldungen zu erzeugen.

Weniger als fünf Medikamente gleichzeitig ist die Ausnahme

Als Beispiel brachte Grandt die gemeinsame Verordnung von ASS und ACE-Hemmern, die bei vielen Millionen Patienten indiziert ist. “Die Kombination ist nur dann problematisch, wenn ASS sehr hoch dosiert wird, weil dann die Wirkung des ACE-Hemmers nachlässt”, so Grandt. Ergo: Eine Warnmeldung gibt es nur bei sehr hoher ASS-Dosierung, sonst nicht. Interaktionen sind das eine. Relevanter im Alltag sind aber wohl Überdosierungen bei Niereninsuffizienz. Grandt hat hierzu in Saarbrücken eine Studie gemacht, bei der er zeigen konnte, dass bei einem erheblichen Anteil der über 65jährigen Patienten, die über die Notaufnahme ins Klinikum Saarbrücken kamen, Medikamente relativ zur Nierenfunktion überdosiert waren. “Ärzte können gar nicht alle Medikamente im Kopf haben, bei denen das relevant ist”, so Grandt. Die Saarbrücker Untersuchung zeigte auch erneut, wie viele verschiedene Medikamente Menschen im Alter parallel einnehmen: Ein Drittel kam auf acht oder mehr, ein weiteres Drittel auf fünf bis sieben.

Wochenblister vereinfacht Einnahme und erhöht Compliance

Polymedizierte Patienten haben höhere “Chancen” auf Arzneimittelinteraktionen. Vor allem aber gibt es bei diesen Patienten vermehrt Probleme mit der Compliance – auch das ein Sicherheitsproblem, wenn auch etwas anders gelagert. Bei der Compliance setzt die patiententindividuelle Verblisterung von Medikamenten in der Apotheke an. Das Thema wird schon seit einiger Zeit vom Bundesverband Deutscher Apotheker (BVDA) zusammen mit dem zur kohl-Gruppe gehörenden Unternehmen 7x4Pharma vorangetrieben. Der Patient erhält hier vom Apotheker nicht eine Tüte voll Arzneimittelschachteln, sondern einen so genannten Wochenblister, der täglich bis zu vier Einnahmezeitpunkte abdeckt. Das hat nicht nur den Vorteil, dass es sehr viel übersichtlicher ist und dass Fehldosierungen fast ausgeschlossen sind. Der Patient kann auch eine oder mehrere Tagesrationen bequem mitnehmen, ohne massenweise Schachteln oder verschiedene Blister einstecken zu müssen. “Es gibt damit außerdem erstmals eine Möglichkeit der Chargenrückverfolgung bis zum Patienten”, erläuterte BVDA-Präsident Otto Späth.

Der erste Vertrag ist da!

Ergänzt werden kann der Blister bei Bedarf durch ein Sprachausgabeausgabegerät, das in der Apotheke programmiert wird. Das Gerät gibt zusätzliche Einnahmehinweise oder erinnert den Patienten bei Bedarf an die Pillen. Erkauft wird dieses Mehr an Sicherheit und Einnahmekomfort mit einer auf 400 Präparate eingeschränkten Arzneimittelauswahl, die allerdings fast alle gängigen Medikamente für chronisch kranke Menschen enthält. Unklar war bisher noch die genaue Finanzierung der Mehrarbeit beim Apotheker. Späth äußerte sich in diesem Punkt beim Hauptstadtkongress zuversichtlich: “Die Krankenkassen zeigen ein hohes Interesse” Kurz vor Redaktionsschluss war dann tatsächlich der erste Vertrag unter Dach und Fach. Wie das Unternehmen 7x4pharma auf Anfrage von DocCheck mitteilte, handelt es sich um eine Vereinbarung mit der privaten Krankenversicherung Inter. Patienten der Inter-Versicherung können ab September Wochenblister auf Rezept erhalten. Das Angebot sei zunächst allerdings auf Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen begrenzt, so 7×4-Sprecher Jörg Geller.

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