Pädiatrie: Tausche Mundspatel gegen Webcam

20. Juni 2008
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Eltern müssen nicht mehr alles liegen und stehen lassen, wenn ihrem Kind in der Kita etwas weh tut. In leichten Fällen sorgt der Computer mit Internet-Anschluss und Kamera für erste Hilfe. Das System funktioniert nicht nur bei entzündetem Rachen, sondern nachweislich auch bei geringem Haushaltsbudget im Gesundheitswesen.

Anruf aus dem Kindergarten. “Ihr Kind hat eine Halsentzündung. Wollen Sie herkommen und es abholen? Oder soll sich unser Arzt gleich hier per Telemedizin-Sprechstunde darum kümmern?” Anrufe wie diese sind in Rochester im amerikanischen Bundesstaat New York nicht das Produkt eines visionären Medizintechnologen, sondern inzwischen Alltag. “Health-e-Access” heißt ein Programm, das von der Pädiatrischen Abteilung der Universitätsklinik Rochester im Jahr 2001 begründet wurde und inzwischen mehr als 20 Kindertagesstätten, Grundschulen und Kinderarztpraxen in der Umgebung einschließt.

Jeder vierte Notfall ist keiner

Der Patient sitzt in Afrika, der Doktor in Zürich, München oder Berlin. Diagnosen, pathologische Gutachten oder Handlungsanweisungen werden über hunderte Kilometer hinweg gestellt. Dass sich ein Telemedizin-Netzwerk auch im Einzugsbereich einer mittelgroßen Stadt in der westlichen Welt rentiert zeigt eine Studie von Kenneth McConnochie der Universität Rochester. Der Professor für Pädiatrie und seine Mitarbeiter analysierten die Akten der Notaufnahme seiner Klinik und fanden ein “ineffizientes und teures Missverhältnis an Bedarf und Ressourcen”, so McConnochie. 28 Prozent aller Fälle, bei denen Eltern mit ihren Kindern in die Klinik kamen, hätte der örtliche Kinderarzt in einer “virtuellen Sprechstunde” behandeln können. Für Rochester ergäbe sich damit eine Zahl von rund 12.000 unnötigen Notfall-Terminen. Denn ein leicht entzündeter Rachen oder ein harmloser Schnupfen lassen sich mit schnell verfügbaren Medikamenten aus der Apotheke auch ohne persönliche Betreuung des Facharztes behandeln. Bei durchschnittlichen Kosten von 50 Dollar für eine persönliche Behandlung beim Hausarzt oder am Computer, verglichen mit dem rund Siebenfachen in der Notaufnahme, ergäbe sich damit eine beträchtliche Summe für das Gesundheitsbudget.

Vorteile für Eltern, Kind und Versicherung

Auf der Tagung der Pediatric Academy Society in Honolulu auf Hawaii vor einigen Wochen präsentierte der Professor für Kinderheilkunde noch weitere Daten zu seinem Netzwerk: Hatten die Eltern Zugang zur telemedizinischen Sprechstunde, so nahmen sie zwar zu 23 Prozent öfter ärztliche Hilfe in Anspruch, wandten sich aber zu 24 Prozent seltener an die Notaufnahme als Eltern ohne den digitalen Zugang. Eine Ersparnis von rund 14 Dollar pro Kind im Jahr überzeugte schließlich auch Krankenversicherungen von den Vorteilen von “Health-e-Access”. Besonders in der Pädiatrie spielt das Modell aus Rochester seine Stärken aus. Nach einer kurzen Geräteschulung kann die Kindergärtnerin oder der Lehrer mit einer hochauflösenden Kamera Ohr, Rachen, Augen oder Haut des kleinen Patienten aufnehmen und die Videoclips an den Arzt am anderen Ende senden. Mittels eines elektronischen Stethoskops lassen sich auch Herz- und Lungentöne übermitteln. Meist ist es der gewohnte Kinderarzt des Patienten, der den Telemedizin-Termin in seine Sprechstunde einbaut und bei Bedarf über Video-Chat Kontakt mit dem Kindergarten oder der Schule aufnimmt. Nur in dringenden Fällen ist es nötig, die Eltern aus ihrer Arbeit zu holen. Die Gesamtzahl der Fehlzeiten in Schule und Kindergarten hat sich um fast zwei Drittel verringert, seitdem die Telemedizin dort Einzug gehalten hat. Auch der Arbeitsausfall der Eltern hält sich in Grenzen. Ein Grund, weshalb sie sich beim Anruf aus der Tagesstätte meist für den Kinderarzt am Computermonitor entscheiden.

Vorteile für das Schweizer Modell

Weniger Stress für Kinder im Wartezimmer der Praxis oder der Klinik, weniger Stress für die Eltern und weniger Kosten. Damit möchte McConnochie als Entwicklungsvorstand seiner Firma “Tel-e-Atrics” die Telemedizin nicht nur in Rochester vorantreiben. Inzwischen interessieren sich auch in anderen amerikanischen Bundesstaaten Kliniken und Verwaltung für die schnelle Sprechstunde neben dem Klassen- oder Spielzimmer. In Deutschland versucht die Telemedizin vor allem bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Herz- oder Atemwegserkrankungen Fuß zu fassen. Dagegen gehört in der Schweiz der Anruf und die Beratung über Computer und Telefon bereits vielerorts zur Routine. Verpflichtet sich der Patient, vor dem Arztbesuch im Call-Center anzurufen, spart er sich Prämien. Noch ist es eine Vision, aber vielleicht führt uns in einigen Jahren bei Beschwerden der Weg zunächst zum Computerterminal mit angeschlossenem E-Stethoskop und nicht mehr ins überfüllte Wartezimmer des Hausarztes.

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