Ärzteverteilung: Wo drückt der Schuh?

16. Oktober 2013
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In der Ärzteverteilung entwickeln sich vor allem die östlichen Bundesländer zu Sorgenkindern. Stipendien und andere Finanzanreize sollen die Trendwende einläuten. Doch was halten Studenten von solchen Lockvögelchen und welche Rezepte würden sie gegen den Ärztemangel verordnen?

Ein einziger Blick auf aktuelle Statistiken der Bundesärztekammer aus dem vergangenen Vertragsjahr spricht Bände: Die Arztdichte im Osten des Landes und in abgelegenen ländlichen Regionen gleicht einer mittelprächtigen Katastrophe. Während ich in Hannover auf nur einer Hauptstraße mit der Straßenbahn an mindestens 5 Arztpraxen verschiedenster Schwerpunkte vorbeifahre, kommen in Brandenburg durchschnittlich 283 Patienten auf einen berufstätigen Mediziner.

Traurige Spitze

Das Bundesland ist damit trauriger Spitzenreiter, dicht gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 271 Einwohnern je Arzt und Niedersachsen mit einer Zahl von 266. Noch schockierender klingen die Statistiken, wenn man einmal mit der Lupe in die ländlichen Regionen hineinzoomt. So ist im schleswig-holsteinischen Dithmarschen ein einziger Doktor für rund 1.450 Einwohner zuständig. Diese krasse Unterversorgung führte bisweilen sogar dazu, dass dort erste Konzepte zu sogenannten „Doc-Mobilen“ entwickelt und getestet werden, mit denen ein Arzt dann von Patient zu Patient fahren kann.

Ganz anders sieht es hingegen in Großstädten und Ballungsgebieten aus: In Hamburg hat ein Arzt durchschnittlich „nur“ 154 Patienten zu betreuen und auch in kleineren Stadtgebieten mit hoher Bevölkerungsdichte kann von akuter Unterversorgung keine Rede sein. Im Gegenteil! Mancherorts werden sogar Niederlassungen für bestimmte Fachrichtungen eingeschränkt. Das Problem scheint demnach nicht in einem absoluten Mangel, sondern eher an einer sehr ungünstigen Verteilung zu liegen. Zu genau diesem Ergebnis kamen zumindest jüngst die Ökonomen des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Und dennoch fehlen mancherorts die Heiler und Lebensretter.

Während die Gegenwart also schon ziemlich sicher einen bestehenden Ärztemangel bescheinigt, sehen die Zukunftsperspektiven insbesondere in Bereichen der Grundversorgung nicht viel besser aus. In Anlehnung an aktuelle Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) werden bis 2020 rund 48.000 niedergelassene Ärzte altersbedingt ausscheiden. Und da sich in den letzten Jahren immer weniger Studierende dazu entschloßen haben, eine hausärztliche Tätigkeit aufzunehmen und aktuell der Anteil von Allgemeinmedizinern unter allen Ärzten mit abgeschlossener Weiterbildung von Jahr zu Jahr sinkt (zuletzt nur noch gut 9 %), sehen viele Experten die Grundversorgung in akuter Gefahr.

Die große Frage nach dem Warum?

Die Ursachen für diese fatale Entwicklung sind vielfältig und lassen sich nur schwer vollständig erfassen. Mit Blick auf die Statistiken gab es im Jahr 2012 zwar über 2 % mehr Ärzte als im Vorjahr; die Anzahl von berufstätigen Ärzten ohne ärztliche Tätigkeit steigerte sich allerdings ebenso (2,8 %) und über 2.000 Mediziner wanderten zudem noch ins Ausland ab. Und besonders in der Schweiz, die 2012 zu den Top 3 der Auswanderungsziele deutscher Mediziner zählte, werden sie zurzeit mit offenen Armen empfangen. Unser Nachbar kämpft nämlich an recht ähnlichen Fronten und ist bemüht, sich mit attraktiven Angeboten und Arbeitsbedingungen für den zunehmenden Mangel zu rüsten. Ist der klassische Arztberuf in Deutschland etwa nicht attraktiv genug? „Während meiner Famulaturen in größeren Häusern musste ich oft erleben, wie schwer kranke Patienten massenhaft und unsensibel abgefertigt wurden“, erzählt Stephanie, Studentin im 5. Jahr, als ich ihr genau diese Frage stelle. „Da habe ich ziemlich schnell für mich beschlossen, niemals diese Massenmedizin in der Klinik mitzutragen“, zieht sie die Konsequenzen aus ihren bisherigen Erfahrungen als Famulantin.

„Ich habe mich erst vor einigen Tagen für ein Praktikum in der Schweiz in den nächsten Semesterferien beworben und habe schon viel Gutes über die dortigen Arbeitsbedingungen gehört. Mal sehen, ob es mich nach dem Examen dort hin verschlägt.“. Volle und hektische Kliniken sind die eine Sache; aber warum hat auch der klassische Land- bzw. Hausarztberuf in den letzten Jahren so enorm an Anziehungskraft eingebüßt? „Obwohl ich selber vom Dorf komme“, berichtet Sebastian, der im 5. Jahr Humanmedizin studiert, „kann ich mir ganz schwer vorstellen, dort in einer Praxis zu arbeiten. Ich habe mich total an Hannover und das Stadtleben gewöhnt und möchte auch im späteren Berufsleben nicht nur klassische Krankheiten behandeln, sondern auch Forschung betreiben. Das könnte ich als einfacher Landarzt bestimmt nicht.“ Aber liegt er mit seinem schnellen Urteil über die täglichen Arbeiten eines Allgemeinmediziners in ländlichen Regionen wirklich richtig? Sind die dortigen Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung und wissenschaftlichen Weiterentwicklung wirklich so eingeschränkt?

Stipendien gegen Landarztmangel

Keine Frage: Das Interesse unter den Studierenden an Fachrichtungen der Grundversorgung könnte größer sein. So wundert es kaum, dass viele Landessektionen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung an genau diesem Punkt ansetzen wollen. Mit Informationsveranstaltungen und Vermittlungen von Famulaturen und Stipendien im letzten Studienabschnitt sollen die Studierenden für eine (land-)ärztliche Tätigkeit in bislang unterversorgten Gebieten verpflichtet werden. Beispielsweise fördert die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein Medizinstudierende während des PJs mit einer Finanzspritze, die KV Thüringen hat ein eigenes Stipendium ins Leben gerufen und auch die KV Sachsen-Anhalt unterstützt ein Programm der AOK und unterhält schließlich noch das Programm „Studienbeihilfe“ mit der KV Sachsen, dem entsprechenden Sozialministerium sowie den Krankenkassen.

Obgleich finanzielle Hilfen im ersten Moment für Studenten natürlich verlockend klingen, werden sie von vielen auch sehr kritisch betrachtet: „Ich gehe jetzt nächstes Frühjahr ins PJ und habe eigentlich noch gar keine Ahnung, in welche Fachrichtung es später mal gehen soll“, äußert sich Janine aus Hannover zum Thema Stipendium. „Und wenn ich mich dann für eine landärztliche Tätigkeit entscheide und es mir einfach nicht gefällt, bin ich dort regelrecht für mehrere wertvolle Jahre gefangen. Das würde ich zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht riskieren.“ Mit ihrem Statement hat Janine natürlich nicht ganz Unrecht. Denn welcher Studierende weiß in der zweiten Hälfte seiner Ausbildung schon hieb- und stichfest, was er später mal werden möchte? Schließlich bietet die umfangreiche Ausbildung zum Humanmediziner weitaus mehr Möglichkeiten als Labor, Klinik und Praxis. Beihilfen im Studium sind die eine Seite, harsche Einschränkungen der persönlichen Entfaltung hinsichtlich der Berufswahl sind die andere.

An der Wurzel ansetzen

Dicke Geldbündel für arme Studenten scheinen also kein geeignetes Lockmittel zu sein, um dauerhaft etwas gegen die Mangelerscheinungen im Versorgungssystem unternehmen zu können. Miriam hat deshalb einen anderen Vorschlag parat, der noch tiefer an der Wurzel und nicht am Geldbeutel ansetzt: „Obwohl sich mein Studium gerade dem Ende nähert, habe ich eigentlich von der Allgemeinmedizin wenig mitbekommen und meine eigenen Erfahrungen als Patientin beim Hausarzt haben bis heute bei mir kein gutes Bild dieser Fachrichtung abgeben können“, gibt sie zu bedenken. „Statt Stipendien sollte man die Studierenden vielleicht einfach mal mehr für die Grundversorgung begeistern“, so ihr Vorschlag.

„So könnten Hausärzte vielleicht Vorträge halten und Informationen über die betriebswirtschaftlichen Aspekte und die positiven Seiten dieses Berufsfeldes halten. Das würde mich echt sehr interessieren.“ Wenn ich über ihren Vorschlag nachdenke, kann ich eigentlich nicht anders, als nickend einzustimmen. Ich studiere nun im fünften Jahr Medizin und kann mich ganz blass erinnern, im Rahmen des vorklinischen Faches „Medizinische Psychologie und Soziologie“ Vorlesungen von Allgemeinmedizinern gehört zu haben.

Luft nach oben

Hinsichtlich der Lobbyarbeit der „hausärztlichen“ Abteilungen an deutschen Hochschulen ist also noch gewaltig Luft nach oben. Ein vielversprechender Ansatz kommt seit Oktober letzten Jahres von der KV Hessen, die eine Art Werbekampagne gestartet hat, in deren Rahmen hessische Landärzte an Hochschulen den Nachwuchs für ihren Beruf begeistern wollen. Sicher ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Bemühungen der derzeit tätigen Ärzteschafft, die mit übervollen Wartezimmern bereits von Verteilungsmissständen betroffen ist, sind also sichtbar und auch die Politik bemüht sich mit neuen (Zwangs-)Vorschlägen um Lösungen. Beispiel wäre die Verankerung von Pflichtpraktika in der Allgemeinmedizin. Dennoch sollte an diesem Punkt ein Zwangstertial Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr, wie es die Gesundheitsminister der Länder kürzlich ins Gespräch gebracht haben, keinesfalls die Lösung sein. „Ich halte von Zwang im PJ überhaupt nichts“, empört sich mein Kommilitone Michael.

„Das Studium soll ja eigentlich auch dazu da sein, sich unterschiedliche Bereiche anzuschauen und genau das Fach zu finden, das einem am meisten zusagt“, fügt er noch hinzu. Geld und Zwang sind also keine Lösung und können, wie die Aussagen der befragten Studenten zeigen, eher das Gegenteil bewirken. Ich persönlich halte es auch eher wie Janine aus Hannover und würde mich mit Sicherheit in den Hörsaal setzen, wenn ein ländlicher Hausarzt mit Leib und Seele davon berichtet, wie schön es sein kann, den Patienten in seiner Praxis zu helfen.

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1 Kommentar:

Pascal Nohl-Deryk
Pascal Nohl-Deryk

Der Artikel ist eine nette Zusammemfassung der Diskussionen. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass die Studierenden nach neuer Approbationsordnung nun 4 Wochen Famulatur in der Primärversorgung und damit vor allem in der Allgemeinmedizin machen. Dazu kommt das Blockpraktikum Allgemeinmedizin und weitere 4 Wochen Famulatur im ambulanten Bereich.

Vielleicht sollten wir damit schauen, ob das nicht genügend Pflichtpraktika sind.

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