Für eine Hand voll Leben

3. Juli 2008
Teilen

Ein Schock für Eltern: Der Ultraschall zeigt eine gravierende Fehlbildung beim ungeborenen Kind. Die Fortsetzung der Schwangerschaft ist mit großen Konflikten verbunden. Auch die Entscheidung für einen pränatalen Eingriff fällt nicht leicht. Die Forschung macht Fortschritte, aber die Konkurrenz der Kliniken um die wenigen OPs ist groß. Auf Kosten der Kinder?

Mehr Schwangerschaftsabbrüche als Geburten bei Fehlbildung

Letztendlich entscheiden sich heute die meisten Paare für einen Schwangerschaftsabbruch. Bei der Diagnose Down-Syndrom sind es immerhin 90 Prozent. Die Spätabtreibung nach der 22. SSW ist in unserer Rechtssprechung nicht strafbar, wenn "eine schwerwiegende Beeinträchtigung für den körperlichen oder seelischen Gesundheitszustand der Schwangeren" vom Arzt diagnostiziert wird. Etwa 200 schwer kranke Feten werden laut Statistischem Bundesamt jährlich abgetrieben. Entscheiden sich Eltern trotz Fehlbildung zur Fortsetzung der Schwangerschaft, erfolgt die medizinische Behandlung in der Regel nach der Geburt. Bei Anomalien, die bereits während der Schwangerschaft zu irreversiblen Organschädigungen führen können, besteht seit ein paar Jahren die Möglichkeit des pränatalen Eingriffs.

Problem der Frühgeburt nach OP

In der Fetalchirurgie wurden bzw. werden in experimentellen und klinischen Studien drei Zugangswege zum Ungeborenen entwickelt: perkutan, fetoskopisch und die offene fetale OP. Auch wenn Risiken nicht ausgeschlossen werden können, so werden bei einigen intrauterinen Korrekturen bereits beachtliche Erfolge erzielt. Unter anderem bei Zwerchfellhernie oder bei einem Zwillings-Transfusionssyndrom. Ein Hauptproblem stellte in der Vergangenheit die Gefährdung von Mutter und Kind durch eine Frühgeburt dar. Durch stetig verbesserte Methoden der minimal-invasiven Fetoskopie konnten inzwischen Frühgeburtskomplikationen in Folge von pränatalen OPs stark reduziert werden. In vielen Fällen können heute operierte Feten jenseits der 30. SSW geboren werden, was das Komplikationsrisiko auf wenige Prozente reduziert.

Konkurrierende Fetalchirurgen

Die Risiken der pränatalen OP machen nicht nur die Entscheidung bei den betroffenen Eltern schwer, sondern lösen auch ethische Diskussionen aus. Kritiker sehen noch ein ganz anderes Problem. Laut Professor Dr. Michael Tchirikov, Klinik für Frauenheilkunde an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, konkurrieren die Krankenhäuser um die wenigen Schwangeren, die sich für eine intrauterine OP entscheiden. Dieser Wettbewerb sei nicht immer zum Besten des Kindes. Wenn entsprechende Erfahrung beim Chirurgen fehle, kann die Rettungsaktion für das Ungeborene tödlich ausgehen. Ein Problem, dass für die Spezialisten am Universitätsklinikum Bonn sicherlich so nicht zutrifft.

Hohe Überlebenschance für Kinder mit Zwerchfellhernie

Am Deutschen Zentrum für Fetalchirurgie und minimal-intensive Therapie (DZFT) in Bonn werden seit 2002 Operationen im Mutterleib durchgeführt. Der Leiter des Zentrums, Prof. Dr. med. Thomas Kohl, gilt als der Erfahrenste der minimal-invasiven fetoskopischen Fetalchirurgie. Fünfzehn Jahre hat er diese OP-Technik – gefördert von der DFG – in experimentellen Arbeitsgruppen, u.a. mit Kollegen der Universitätsklinik Münster, erforscht. Inzwischen werden von Kohl und seinem Team jährlich etwa 60 Kinder fetoskopisch operiert, u.a. Ungeborene mit schwerer Zwerchfellhernie. Laut Angaben des DZFT wird mit der minimal-invasiven Methode erreicht, dass 80 Prozent der Kinder mit Zwerchfellhernie überleben.

Ballon macht Platz für die fetale Lunge

Bei der Zwerchfellhernie-OP schieben die Bonner über eine minimale Öffnung im Bauch ein Fetoskop in die Luftröhre ein. In dem Röhrchen befindet sich ein kleiner Ballon, der aufgeblasen wird. Auf diese Weise bekommt die Lunge wieder Platz, um sich zu entfalten. Kurz vor der Geburt wird der Ballon durch einen Laser zerstört, weil die Atemwege frei sein müssen. Die Geburt und Nachbehandlung erfolgt dann im Universitätsklinikum Mannheim, weil das dortige Team um Kinderarzt Thomas Schaible die größten Erfahrungen bei der Behandlung von Neugeborenen mit Zwerchfellhernien hat. Inzwischen wird das Verfahren auch zur Behandlung lebensbedrohlicher Unterentwicklungen der Lunge nach einem frühen Blasensprung erfolgreich eingesetzt, so Kohl. Letzteres Problem betreffe in jedem Jahr Hunderte von Schwangerschaften.

Experimentelle und klinische Studien zur Schließung offener Rücken

Auch für die Fehlbildung der so genannten Spina bifida aperta wurde am DZFT ein fetoskopisches Operationsverfahren entwickelt, "bei dem der offene Rücken durch drei kleine Operationsröhrchen zwischen der 19. und 25. Schwangerschaftswoche komplett verschlossen werden kann", so im Forschungsbericht zu lesen. Aktuell entwickeln die Forscher an Spezialinstrumenten, die eine noch effektivere Präparation der Rückenmarkstruktur zulassen. Mit verbesserten Methoden beim Uterusverschluss kann schon heute die Gefahr der Frühgeburt nach einer OP bis zur 33. SSW ausgeschlossen werden. Bis heute wurden von Kohl und seinem Team 15 Babys mit Spina bifida operiert. Bei zwei Kindern war der Rücken so gut verschlossen, so dass eine nachgeburtliche OP überflüssig war, berichtet der Chef-Chirurg gegenüber DocCheck. Aber er betont auch, dass es sich um experimentelle Therapien bzw. um lebensrettende Behandlungsversuche handelt. Betroffene Elternpaare werden auf die Risiken der pränatalen OP entsprechend ehrlich und offen hingewiesen, so Kohl.

Positive Bewertung von der Ethikkommission

Die Ethikkommission der Bonner Universitätsklinik hat die Studien des DZFT positiv bewertet. DocCheck sprach mit Professor Dr. Kurt Racké, um die Beweggründe zu erfahren. Grundsätzlich versteht sich die Kommission, so Racké, lediglich als beratende Instanz. Aus ihrer Sicht waren die Ergebnisse der experimentellen Vorversuche aber durchaus so, dass man eine kontrollierte Evaluation im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie für gerechtfertigt ansieht. Wichtig sei weiterhin, dass die Eltern grundsätzlich die Option der Abtreibung haben.

10 Wertungen (3.7 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: