Jagd auf kleine Herzensbrecher

4. Juli 2008
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Arteriosklerose hat die verschiedensten Auslöser. Einer davon rückt immer mehr ins Rampenlicht: Die Infektion mit Chlamydien. Der Einfluss des Bakteriums auf die Entstehung der Erkrankung und neue Substanzen, die gegen Chlamydien einsetzbar sind, stehen im Zentrum eines EU-Projekts. Ergebnis soll eine neue Therapie sein.

Erhöhte Blutfettwerte, Hypertonie, Zigarettenkonsum, Diabetes mellitus oder mangelnde Bewegung: Die Rolle klassischer, im Lebensstil begründeter Risikofaktoren ist bei der Entstehung der Arteriosklerose unbestritten. Die Erkrankung tritt allerdings auch bei Menschen auf, die keine klassischen Risikofaktoren aufweisen. Aktuelle Forschungen haben ergeben, dass Bakterien dafür verantwortlich sind. “Es handelt sich um eine Infektion mit Chlamydia pneumoniae”, erklärt Univ.-Prof. Dr. Georg Wick, Leiter der Sektion für Experimentelle Pathophysiologie und Immunologie am Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck.

Hohe Infektionsrate

Chlamydien sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Die Infektionsrate ist so hoch, dass nahezu jeder Erwachsene schon einmal mit dem Erreger in Berührung gekommen ist und eine Immunreaktion entwickelt hat. Seit einigen Jahren werden humanpathogene Arten mit dem Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen bei gesunden Personen in Verbindung gebracht. “Chlamydien haben die Tendenz, chronische Infektionen zu verursachen, wobei sie insbesondere das Gefäßendothel angreifen”, betont Prof. Wick. Heimtückischerweise verursacht die Infektion jedoch nur milde allgemeine Symptome, die vom Betroffenen kaum wahrgenommen werden. Mit dem EU-Projekt “European Initiative To Fight Chlamydial Infection By Unbiased Genomics” (ECIBUG) nimmt Wick gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Finnland, Deutschland und Frankreich den Einfluss von Chlamydien auf die Entstehung der Arteriosklerose unter die Lupe.

Neue Substanzen statt Antibiotika

Ziel des Projekts ist einerseits die Erforschung der Mechanismen, die von Chlamydien für die Infektion von Endothelzellen genutzt werden, inwiefern das Bakterium also als Verursacher einer Autoimmunreaktion gegen das Endothel in Frage kommt. Darüber hinaus sollen neue Substanzen gefunden werden, mit deren Hilfe eine Chlamydieninfektion erfolgreich behandelt werden kann. Größter Hoffnungsträger sind Extrakte aus unterschiedlichen Pflanzen, die nach ihrer Wirksamkeit gegen humanpathogene Chlamydienarten analysiert werden. Die finnischen Forschungspartner haben bereits vielversprechende Treffer erzielt. Am Ende des Projekts soll die Entwicklung neuer therapeutische Möglichkeiten stehen, mit deren Hilfe eine chlamydiale Infektion wirksamer zu bekämpfen ist als mit Antibiotika.

Frühstadium im Focus

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Frühstadium der Entstehung, jene Phase in der Betroffene noch keinerlei Symptome zeigen, die Krankheit aber bereits fortschreitet. “Gerade in diesem Zeitraum müssen diagnostische sowie therapeutische Maßnahmen einsetzen”, so Wick, “denn ist die Arteriosklerose erst einmal klinisch manifest, ist eine Heilung kaum mehr möglich.” Seiner Arbeitsgruppe konnte wesentliche Erkenntnisse über die Frühphase der Erkrankung gewinnen: Sie zeigten, dass in diesem Stadium eine Autoimmunerkrankung, also ein Angriff des körpereigenen Immunsystems gegen die Wand der Arterien, beteiligt ist. Der Mechanismus dieser Reaktion ist klar: Die klassischen Risikofaktoren für die Arteriosklerose, die auf falschen Lebensstil zurückzuführen sind, wirken als Stressfaktoren für Endothelzellen. Diese versuchen zu reagieren, indem sie Stressproteine produzieren und an ihre Oberfläche transportieren, wo sie vom körpereigenen Immunsystem als Gefahrensignale erkannt werden. Ein besonders gefährliches Stressprotein ist das Hitzeschockprotein 60 (HSP 60), das als Ziel der Autoimmunattacke gegen das körpereigene Endothel identifiziert wurde. Dieser Mechanismus wurde für das Zigarettenrauchen, oxidativen Stress, Infektionen, erhöhten Blutdruck und erhöhte Blutfettwerte nachgewiesen.

Neue diagnostische Möglichkeiten

Aus den bisherigen Forschungsergebnissen lassen sich neben neuen Therapieansätzen auch neue Möglichkeiten der Diagnostik ableiten. “Mit ECIBUG wird ein weiterer wesentlicher Schritt in diese Richtung unternommen, so dass es in den kommenden Jahren möglich sein wird, Erkrankungen des Gefäßsystems mit neuen therapeutischen Möglichkeiten zu begegnen”, gibt sich Wick überzeugt. Ein gesunder Lebensstil, der ausreichend körperliche Bewegung und die Vermeidung einer Exposition gegenüber Zigarettenrauch beinhaltet, bleibt jedoch die wichtigste Prävention gegen Arteriosklerose und ihren Folgen.

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