Schwerkraft war gestern

11. Juli 2008
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Videokapseln zum Verschlucken haben der Endoskopie Zugang zum Dünndarm verschafft. In Magen und Speiseröhre allerdings rutscht die Kapsel einfach durch. Mit Hilfe eines Magnetfelds soll die Minikamera jetzt auch im oberen Gastrointestinaltrakt einsetzbar werden.

Das Prinzip ist so einfach wie genial: Statt einem Patienten einen Schlauch in den Mund oder den Anus zu schieben, um den Darm von innen zu untersuchen, gebe man ihm eine pralinengroße Kamera zum Schlucken. Sie wälzt sich durchs Gedärm und funkt mehrmals pro Sekunde Fotos nach draußen. Die Daten werden aufgezeichnet, und der Arzt kann sie sich dann in Ruhe ansehen.

Schwerkraft war gestern

Das israelische Unternehmen Given Imaging hat dieses “Kapselendoskopie” genannte Verfahren vor einigen Jahren entwickelt. Vor allem für die Dünndarmdiagnostik wird es gerne eingesetzt, weil klassische Endoskope dort nicht oder kaum hinkommen. Wenn bei einer Untersuchung allerdings der komplette Gastrointestinaltrakt interessiert, dann muss der Arzt doch noch zusätzlich mit einem “echten” Endoskop ran. Denn die Bilder, die die Videokapsel aus Speiseröhre und Magen liefert, sind allenfalls lückenhaft: Innerhalb weniger Sekunden passiert die Kapsel nach dem Schluckvorgang den Ösophagus. Und im Magen kullert sie, der Schwerkraft folgend, zügig bis ins Antrum. Doch die Zeichen mehren sich, dass die Bedeutung der Schwerkraft überschätzt wurde. Zumindest arbeiten Techniker und Mediziner von Given Imaging derzeit zusammen mit Kollegen vom Israelischen Krankenhaus Hamburg, vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) in St. Ingbert und vom Imperial College London eifrig an einer Weiterentwicklung der Kapselendoskopie, bei der die Schwerkraft zumindest teilweise aufgehoben wird. “In Zukunft wird es möglich sein, dass Ärzte die Videokapsel in der Speiseröhre anhalten, sie hoch und runter bewegen und drehen und damit das Blickfeld der Kamera so einstellen, wie sie es benötigen”, betont Dr. Frank Volke vom IBMT im Gespräch mit DocCheck. Auf diese Weise könne beispielsweise eine präzise Untersuchung des gastroösophagealen Übergangs erfolgen, um etwa eine Refluxerkrankung nicht-invasiv abzuklären.

Auf und nieder immer wieder

Nur: Wie geht das eigentlich? Tatsächlich ist die Sache recht einfach: Mit Hilfe eines Magneten, der in etwa so groß ist wie eine Tafel Schokolade, wird die Kapsel in der Speiseröhre gehalten: “Der Arzt hält dieses Gerät während der Untersuchung in der Hand und bewegt es am Körper des Patienten hoch und runter”, so Volke. Die Videokapsel folgt dieser Bewegung, weil sie von Given Imaging entsprechend umgebaut und magnetfeldtauglich gemacht wurde. Die Kamera in der Kapsel funkt mehr als zehn Bilder pro Sekunde nach draußen, die sich der Arzt bei der Speiseröhrendiagnostik live ansieht. Danach plumpst das Gerät dann in den Magen und überträgt die Daten für den Rest der Diagnostik wie bisher an einen Recorder. “Mit einem handelsüblichen Magneten würde das natürlich nicht funktionieren. Die am IBMT entwickelte und jetzt auch patentierte Magnetvorrichtung wurde für die Steuerung der Kapsel ganz gezielt optimiert”, so Volke. Die Kapsel kann dadurch in der Speiseröhre praktisch beliebig auf und ab bewegt und gedreht werden.

Videokapseln macht Spaß!

In einem Selbstversuch haben die Wissenschaftler auch schon den Praxistest gemacht. Einer der beteiligten Ärzte verschluckte einen Prototyp der neuen Videokapsel. Danach wurde versucht, ihn mit Hilfe der Magnetvorrichtung in der Speiseröhre zu halten. Das gelang beim aufrechten Probanden immerhin zehn Minuten lang, also wesentlich länger als bei einem normalen Schluckvorgang. Komisch fühlte sich das nicht an: “Er hat sich während der ganzen Prozedur in keiner Weise unwohl gefühlt. Im Gegenteil, er war wirklich ganz begeistert”, so Volke. Bis zur Marktreife werden aber trotzdem noch ein paar Jahre ins Land gehen. Zwar dürfte es die modifizierte Videokapsel relativ rasch durch die FDA-Zulassung schaffen, weil das Vorläufermodell ja bereits zertifiziert ist. Der externe Magnet dagegen muss erst einmal den kompletten Zulassungsprozess durchlaufen, was etwas länger dauert. “In drei bis fünf Jahren könnte es dann so weit sein”, schätzt Volke.

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