Alzheimer-Pillen: Grün ist die Hoffnung

11. Juli 2008
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Das drohende Damoklesschwert in Form von Demenz und Alzheimer zeigt Wirkungen. Unsere Regierung verordnet bessere Pflege-Standards. Die Forschung läuft auf Hochtouren. Die Publikationen von Studien jeglicher Art überschlagen sich. Und immer wieder geistert Ibuprofen durch die Fachpresse. Die Vorstellung, mit bekannten Wirkstoffen Wunder zu bewirken, ist verführerisch. Aber Vorsicht ist geboten.

Verhinderung von Amyloidklumpen

Morbus Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz-Erkrankung. Die Symptome wurden erstmalig vom Mediziner Alois Alzheimer beschrieben und 1906 auf einer Fachtagung in Tübingen vorgestellt. Von der neurodegenerativen Erkrankung sind in erster Linie ältere Menschen bedroht. Statistisch ist die Gefahr, an Alzheimer zu erkranken, zwischen 75 und 85 am höchsten. Da die Menschen in den westlichen Industrienationen zunehmend älter werden, steigt die Zahl der Alzheimer-Erkrankten inzwischen sprunghaft an. 2007 waren es weltweit rund 29 Millionen Menschen. Nach Computerberechnungen auf der Basis von Bevölkerungsprognosen könnten es 2050 über 100 Millionen Alzheimer-Patienten sein. Berücksichtigt wird dabei nicht, dass es bis dahin vielleicht präventive oder heilende Therapien geben könnte. Daran arbeiten Hunderte von Forschungsabteilungen fieberhaft, was über 2.100 englischsprachige Publikationen innerhalb der letzten zwölf Monate nahe legen. Im Vordergrund steht die Entwicklung von Medikamenten, die das so genannte Beta-Amyloid daran hindern, dass Verklumpung entsteht, bzw. die die bestehenden Amyloidklumpen im Hirn wieder auflösen. Dabei spielen u.a. auch entzündungshemmende Schmerzmittel als Sekretase-Hemmer eine Rolle.

Langzeit-Anwendung von Ibuprofen könnte Alzheimer-Risiko reduzieren

In früheren Studien wurde immer wieder festgestellt, dass Rheumapatienten ein reduziertes Alzheimer-Risiko haben. Die Forscher führten das Ergebnis auf die Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), insbesondere Ibuprofen, zurück. Allerdings waren die bisherigen Resultate widersprüchlich, was vielfach auch dazu führte, Studien dieser Art als ernsthafte Grundlage für therapeutische Maßnahmen anzuzweifeln. Die neueste und größte US-Studie wurde von Dr. Steven Vlad und seinem Team an der Bostoner University erstellt. Sie basiert auf Daten von rund 50.000 Veteranen mit Alzheimer und einer Kontrollgruppe von 200.000 Veteranen, die keine Anzeichen von Demenz zeigten. Die Auswertung ergab, dass Personen, die das Schmerzmittel Ibuprofen länger als fünf Jahre genommen hatten, zu 40 Prozent seltener an Alzheimer erkrankten.

Studie kein Beweis für schützende Effekte

Die Studie der Bostoner zeigte auch, dass es einen Zusammenhang zwischen der Einnahmedauer und dem reduzierten Demenz-Risiko gibt. Die Ergebnisse waren am besten in Verbindung mit Ibuprofen. “Das lässt vermuten”, so VLAD, “dass der Effekt nur für spezielle NSARs zutrifft.” Ein Grund, dass Ibuprofen so gut abgeschnitten hat, könnte die Tatsache sein, dass es bei weitem das meist genutzte Schmerzmittel ist, erklärt der Forscher. In einer Pressemitteilung der American Academy of Neurology wird darauf hingewiesen, dass Beobachtungsstudien dieser Art nicht beweisen können, ob NSARs eine schützende Wirkung haben. Vorsicht sei schon wegen der Nebenwirkungen, wie Brechreiz, Schwindel oder Verstopfung, geboten. Klinische Studien wurden teilweise abgebrochen, weil das Herzinfarkt-Risiko zu groß war. Vlad: “All NSAIDs have well known side-effects that can be very serious and we still need trials to make sure the risks and benefits are very clean.” Der Alzheimer’s Research Trust befindet, dass das Ergebnis zwar noch keine Wunderlösung sei, aber in die richtige Richtung für die zukünftige Forschung weist. BBC News kommentiert das Ergebnis der Bostoner ironisch mit dem Hinweis, dass in einer anderen Studie ein Zusammenhang zwischen kurzen Beinen und kurzen Armen und erhöhter Demenz-Prävalenz für möglich erklärt wird.

Die Hoffnung lebt weiter

Fast noch druckfrisch ist die Pressemeldung der US-Pharmafirma Myriad Genetics. Ihre bisher positiven Tests mit Flurizan, verwandt mit dem Schmerzmittel Ibuprofen, hatten weltweit große Hoffnungen geschürt. Nun heißt es, dass die klinische Phase-III-Studie keine statistisch signifikante Wirkung gezeigt hätte, weswegen die Weiterentwicklung eingestellt wird. Flurizan hätte 2009 auf den Markt kommen sollen. Das bedeute aber nicht, dass NSARs grundsätzlich nicht funktionieren, so die Einschätzung aus der deutschen Grundlagenforschung. Die Pharma-Unternehmen würden die Studien ein bisschen blauäugig angehen, heißt es. Grundsätzlich beurteile man die Möglichkeiten, auf der Basis von NSAR-Derivaten eine neue Generation von Medikamenten zu entwickeln, sehr positiv.

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