Animal Hoarding: Darf’s ein bisschen mehr sein?

8. Oktober 2012
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Das Messie-Syndrom ist weitgehend bekannt, anders sieht es hingegen beim „Animal Hoarding“ aus. Betroffene Personen halten eine Vielzahl von Tieren auf engem Raum und können oft nicht mehr die gesundheitlichen Standards einhalten.

Jedes zweite Veterinäramt in Deutschland wurde bereits mit mindestens einem Fall von Animal Hoarding konfrontiert. Die Bearbeitungsdauer beträgt im Durchschnitt drei Jahre. Jedes zweite der über 500 dem Tierschutzbund angeschlossenen Tierheime musste Tiere aus Fällen von Animal Hoarding aufnehmen.

Tiermessies oder Diogenes-Jünger?

In wissenschaftlichen Publikationen wird überwiegend der Begriff “compulsive hoarding” verwendet. Diese Bezeichnung zwanghaften Hortens beschreibt somit die Störung am besten. Einige Betroffene sammeln Hautschuppen, Ohrenschmalz, abgeschnittene Nägel und vieles mehr. Sie packen es ordentlich in Tüten und katalogisieren es wie Briefmarken. In der deutschsprachigen Literatur ist der Begriff zwanghaftes Horten kaum gebräuchlich. Stattdessen wird meist die Bezeichnung Messie-Syndrom (mess engl.: Durcheinander, Unordnung) verwendet.

Im englischen Sprachraum hingegen ist diese unbekannt. Dem Vermüllungssyndrom sehr ähnlich ist das Diogenes-Syndrom, für das zudem noch die „schamlose” Vernachlässigung des eigenen Körpers und das fortgeschrittene Alter der Betroffenen typisch sind. Die Bezeichung Diogenessyndrom, auch als Syllogomanie, geht auf den Philosophen Diogenes von Sinope (391 – 323 v. Chr.) zurück. Er war bekannt für seine Bedürfnislosigkeit und seine Abwehr gegenüber Neuerungen. Er soll asketisch ein einer Hundehütte gewohnt haben.

Profil: Frau Mitte Fünfzig

Der oder besser die typische Hoarderin ist weiblich, durchschnittlich 50 Jahre alt und sammelt meist Katzen oder Hunde. Aber auch Kaninchen und Ziervögel stehen auf der regelmäßigen Einkaufsliste. Dieses Profil stammt u.a. von der interdisziplinären wissenschaftlichen Arbeitsgruppe Hoarding of Animals Research Consortium (HARC), 1999 wurde die erste systematische Studie zu dem Thema in den USA veröffentlicht. Die durchschnittliche Anzahl der Tiere beträgt 39, in 69 % der Fälle ist der Boden der Wohnung mit Exkrementen der Tiere bedeckt, bei einem Viertel der Fälle sogar das Bett des Hoarders. Ob dieses Bild auch auf deutsche Hoarder übertragbar ist, ist unklar. In Deutschland durchgeführte Studien sind sehr rar.

Hundeheld oder Animalausbeuter?

Die Beweggründe, viele Tiere zu halten, hat unterschiedliche Gründe. Einige sehen sich als Pfleger, manche als edle Befreier der Tiere. Dann gibt’s da noch die chaotischen Züchter und die egoistischen Ausbeuter.

Übertriebener Pfleger: • versucht, sich um die Tiere zu kümmern
• kann Probleme nicht effektiv lösen
• alles wächst ihm über den Kopf
• Tiere vermehren sich (mehr passiver, nicht so sehr aktiver Sammeltyp)
• introvertiert, sozial isoliert
• spielt die Probleme herunter (aber leugnet sie meist nicht vollständig)
• Tiere haben für ihn einen hohen Stellenwert (sieht Tiere als Menschen)
Retter/Befreier: • Tiere aufnehmen versteht er als Mission
• hat eigene Todesangst und lehnt Euthanasie von Tieren strikt ab
• glaubt, dass er der einzige ist, bei dem es die Tiere gut haben
• starke aktive Sammeltendenz, irgendwann überschreitet die Anzahl der Tiere die Möglichkeiten der Versorgung
• kann kein Tier ablehnen
• vermeidet Autoritäten; Weisungen werden nicht befolgt
• ist nicht unbedingt sozial isoliert
Züchter: • schafft sich die Tiere an, mit dem Vorsatz, sie zu züchten, auszustellen und zu verkaufen
• verliert im Laufe der Zeit immer mehr den Überblick über seinen Tierbestand, den er ausschließlich für Ausstellungs- und Verkaufszwecke vermehrt hat
• Tiere vermehren sich weiter; der Verkauf findet nicht oder nur eingeschränkt statt; die Tierbestände wachsen
Ausbeuter: • Tiere werden aus eigennützigen Zwecken angeschafft
• Mensch ist egoistisch, oft narzisstisch, hat keine Schuldgefühle oder Mitgefühl (fehlende Empathie)
• Auftreten ist selbstbewusst
• kann Behörden und andere Menschen beeindrucken und lange in die Irre führen (guter Schauspieler)


Mod. nach Deininger, E, Akademie für Tierschutz, Neubiberg, kleintier konkret 2010; 13(2): 26-31

Hoarder auf der Flucht

Um einer Strafverfolgung zu entgehen, ziehen die Betroffenen einfach in einen anderen Bezirk, für den ein anderes Veterinäramt zuständig ist. Den Betroffenen ist meist nicht bewusst, dass ihr Verhalten abnorm ist. Dieses Verhalten ist typisch für viele Süchte und Manien. „In annähernd zwei Drittel der Fälle waren die Tiere verletzt, in jedem dritten Fall fehlten Nahrungs- und/ oder Trinkmöglichkeiten“, so Dr. med. vet. Tina Susanne Sperling, die an der Tierärztlichen Hochschule Hannover über das Thema Animal hoarding ihre Dissertation anfertigte. Zwanghaftes Horten erzeugt bei den Betroffenen und deren Angehörigen beträchtlichen Leidensdruck und soziale Beeinträchtigung. Das auffälligste Symptom beim zwanghaften Horten ist die krasse Unordnung, die durch das Ansammeln von Gegenständen entsteht.

Nach Frost und Hartl wird zwanghaftes Horten durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • zwanghafter Erwerb von Dingen, die unnütz und wertlos oder von nur geringem Wert sind bei gleichzeitiger Unfähigkeit, diese unnützen, wertlosen Dinge zu
    entsorgen / wegzuwerfen
  • Vermüllung des Wohnraums, so dass dieser nicht adäquat genutzt werden kann
  • die Symptomatik verursacht starken Leidensdruck und soziale Beeinträchtigung

Ursachen

Suchterkrankungen, Zwangsstörungen und die gesamte Palette der Neurosen können Ursache für das Animal hoarding sein. Ebenso Persönlichkeitsstörungen wie beispielsweise Borderline und Psychosen, Schizophrenie sowie manisch-depressive Erkrankungen. Relativ häufig finden sich bei den Tiersammlern auch Alterserkrankungen wie Demenz und Alzheimer oder aber auch ADHS.

Meistens wurde die Symptomatik allerdings bei Betroffenen mit Zwangsstörungen beschrieben und erforscht. Der Anteil der Patienten mit Zwangsstörungen, die gleichzeitig zwanghaft horteten, beträgt, je nach Studien, zwischen 18 und 40 Prozent. Saxena u. Mitarb. publizierten die Ergebnisse einer PET-Studie. Im posterioren zingulären Kortex der Hoarder fanden sie einen verminderten Glucosestoffwechsel. Verglichen mit Zwangspatienten ohne zwanghaftes Horten (n = 33) zeigten die Patienten mit zwanghaftem Horten zudem einen geringeren Glucosestoffwechsel im dorsolateralen präfrontalen Kortex.

Therapie: (Tier)Entzug

Mit Gesprächen, Bußgeldern und durch Tierzahlbegrenzungen oder Beschlagnahmung des Tierbestandes versuchen die Veterinärämter, die betreffenden Tierhalter zum Umdenken zu bewegen. In den USA haben Steketee u. Frost basierend auf dem kognitiv-behavioralen Modell für zwanghaftes Horten von Frost und Hartl ein 26 Sitzungen umfassendes Therapieprogramm erarbeitet. Die Behandlung dauert etwa sechs Monate und sieht neben Behandlungsstunden in der Praxis oder Klinik auch Therapiesitzungen in der häuslichen Umgebung der Patienten vor. Pharmakologisch haben sich Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI häufig nicht als effizient erwiesen. In einer placebokontrollierten Citalopram-Studie über 12 Wochen mit 401 Hoardern erwies sich die Therapie als gering wirksam. In einer offenen Paroxetin-Behandlungsstudie mit 97 Patienten war die Therapie bei einem Drittel der Patienten erfolgreich.

Die Akademie für Tierschutz hat das Problem erkannt und stellt folgende Forderungen auf:
  • Die Informationen über Animal Hoarding müssen in Fachkreisen (Tierärzte, Amtstierärzte, Juristen, Psychologen, Sozialarbeiter) weiter verbreitet werden.
  • Der Amtstierarzt benötigt bei dem Vorliegen eines Verdachts auf Animal Hoarding ein Zutrittsrecht.
  • Es ist ein Zentralregister nötig, auf das alle Veterinärämter Zugriff haben und in dem Informationen über Tierhalter, die wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz aufgefallen sind, abgerufen werden können.
  • Forschungsarbeiten aus der Psychologie und Humanmedizin, v. a. im Hinblick auf Therapie und Prophylaxe, sind nötig.
  • Um den Menschen und den Tieren zu helfen, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, den kranken Menschen professionell durch geschulte Therapeuten behandeln zu lassen.

In ihrer Dissertation beziffert Dr. Sperling die Zahl der gehorteten Tiere in Deutschland auf 52.569. Diese werden von lediglich 501 Hoardern gehalten. Zitat in der Westdeutschen Zeitung: „Wer mehr als 100 Tiere besitzt, hat möglicherweise ein Problem“.

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Medizin

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9 Kommentare:

Christiane  Lücker
Christiane Lücker

Käse, Milch, Joghurt und Quark wachsen nicht auf Bäumen. Menschen und Tiere habe eine hohen Eiwweißbedarf- der muß gedeckt werden. Ob das nur mit Rindern x 10 zu decken ist, weiß ich nicht. Ökolog. sinnvoller ( Menge an Gras und Körnern pro kg Fleisch) ist es,kleinere Pflanzenfresser zu verspeisen- wie Kaninchen und Hühner.

#9 |
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Weitere medizinische Berufe

Chris Eßer/ abgesehen davon, daß Ihr Kommentar meines Erachtens völlig vom Thema abweicht, hätte es mich doch interessiert wie Sie zu dieser irrsinnigen Ansicht kommen.
Um die Vegetarier zu ernähren müsste man die Tierhaltung auf der Welt verzehnfachen (???). Oder habe ich da was falsch verstanden?
Tatsache ist, daß nur der Verzicht auf Fleisch das Problem zu lösen vermag. Auch eine völlige Umstellung auf ¿Bio¿ ¿ ¿Artgerecht¿ ¿ ¿Tiergerecht¿ ¿ u.s.w. kann die Massentierhaltung nicht verhindern, dazu ist die Nachfrage einfach zu groß. Entweder also ein Verzicht oder zumindest eine signifikante Einschränkung des Fleischverzehrs. Aber wie gesagt, das ist nicht das Thema!

#8 |
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Chris Eßer
Chris Eßer

Ich hoffe, es kommt hier auch keiner auf die wirre Idee, Vegetarier wären eine Lösung gegen die Massentierhaltung. Denn um diese dann zu erbnährn, müsste man die Tierhaltung auf der Welt verzehnfachen….. aber wenn keiner diese Tiere dann verspeist, wohin mit dem Abfall (Fleisch)…..?
Egal das ist hier nicht das Thema.
Animal Hoarding ist eine psychische Störung, die man behandeln muss. Denn es leiden darunter nicht nur der Patient, sondern auch die Tiere und seine Umwelt (Belästigung durch überhöhte Fäkalienbelastung)

#7 |
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Andrea Schumm
Andrea Schumm

Hier wird am eigentlichen Problem vorbei disskutiert. Es geht hier doch nicht um Züchter die Tiere anschaffen und mit mehr oder weniger Gewinn wieder verkaufen, sondern um Menschen die sich Tiere, aus welchen Gründen auch immer, zulegen und unfähig sind sie wieder ab zu geben. Ihre eigene Überforderung mit der Situation wird geleugnet oder nicht bemerkt. Ich selber arbeite Teilzeit in einem Tierheim und habe die Ergebnisse der ungezügelten Leidenschaft leider schon viel zu oft gesehn.

#6 |
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PD Dr. Hartmut Grimm
PD Dr. Hartmut Grimm

Wenn viele Tiere gehalten werden (müssen), verliert das Einzeltier beim Betreuer die Individualität und wird konsequenterweise zur Ware. Das habe auch ich im Praktikum mitgemacht – es erscheint erstmal allen Beteiligten logisch und m.o.w. unproblematisch – solange die (Mindest-)Ansprüche gewahrt werden und keine Leiden/Schäden im Sinne des Tierschutzes auftreten. Dafür haben wir ja recht viele Gesetze, Vorschriften und Richtlinien.

Bitte das “Hoarding” davon trennen, es ist auch so schon problematisch genug. Nach meiner Erfahrung treten in der Diskussion die meisten Missverständnisse und Aggressionen dann auf, wenn das eigene Emotional-Irrationale mit dieser Vielzahl an nur vordergründig ähnlichen Problembereichen gemischt wird!

#5 |
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Dipl.Tzt Ursula Eybel
Dipl.Tzt Ursula Eybel

ich kann Frau Lücker nur zustimmen, solange die großen Lebensmittelketten Fleich und Fleischwaren zu Billigstpreisen verkaufen und der Konsument nicht bereit ist für so hochwertige Lebensmittel mehr zu bezahlen wird sich an der Massentierhaltung nichts ändern. Das gleiche gilt übrigens für die Michproduktion. Das ganze noch verschönt durch die Werbung.
Dieses animal hoarding bezieht sich aber größten Teils auf Privatpersonen, und es immer etwas bedenklich wenn von einer Person mehr als 10 Tiere einer Art in einem Haushalt gehalten werden. Also als Tierarzt wird man da immer sehr nachdenklich ist aber noch fröh darüber, wenn die Tiere wenigstens noch zum Tierarzt gebracht werden.

#4 |
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Christiane  Lücker
Christiane Lücker

Sehr geehrter Dr. #E.v.M.,
wenn Landwirte ” 1000-ende” von Tieren einer Gattung halten, liegt das eher an den Fleischpreisen und der min.Gewinnspanne, die nur über Masse kompensiert werden kann- es sei denn man geht den Bio- Weg- aber auch da schwankt der Absatz. auch ein Landwirt möchte von seiner Arbeit leben können! Das als Krankheit zu bezeichnen, finde ich abstrus.

Fr. M.Sc. V. Smith-
Tierzüchter und tiervermehrer in einem Atemzug zu nennen ist ebenfalls sehr oberflächlich und bedient Klischees. Es gab und gibt und wird immer gute und verantwortungsvolle Züchter geben, die am Bedarf orientiert züchten, und es gibt Vermehrer. Die sind allerdings der o.g. Gruppe der Ausbeuter eindeutig zuzuordnen, und denen fehlt auch eindeutig jegliche Empathie für anderes Leben als dem eigenen.

Ansonsten interessanter Artikel- der Ausdruck Horder erscheint mir treffender als der des Messies.

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Toxikologin

Dr. v. Muehl,

Ich denke eher dass gewerbliche Tierzuechter/Vermehrer rein aus purer Geldgier vom Hoarding Syndrom befallen sind. Das Motto diesr Gierschlunde ist mit wenig finanziellem Einsatz und Muehe den groessten Profit zu gewinnen. Leider leiden dann die Tiere darunter. Skrupellos nennt man solche Leute.

#2 |
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Dr. med. Emil v. Mühl
Dr. med. Emil v. Mühl

Gelten Landwirte mit tausenden von Schweinen auch als Hoarder? Im Ernst: kann es sein, dass die mangelnde Empathie von gewerblichen Tierzüchtern bzw. -Vermehrern auch etwas mit diesem Syndrom zu tun hat?

#1 |
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