Gewebetransplantation: Die unbekannte Lebensretterin

18. Juli 2008
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Während die meisten niedergelassenen Mediziner beim Thema Organtransplantation über ein umfangreiches Wissen verfügen, bleibt eine andere, weitaus wichtigere Transplantationsbranche für die Praxen im Alltag weitgehend unbeachtet: Die Gewebetransplantation.

Verpflanzungen von Augenhornhäuten, Herzklappen oder Blutgefäßen gehören mittlerweile zu häufigen Eingriffen. Die Sicherung und Vergabe der Gewebetransplantate auf Klinikebene wird von der Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) in Hannover koordiniert.

Am 7. November 2008 findet in Berlin eine Veranstaltung der DGFG statt, die jetzt schon durch ihren zungenbrecherischen Titel glänzt. “Recht, Ethik, Ökonomie in der Gewebespende, Prozessierung und Verteilung” heißt die 4. Expertentagung ihrer Art – im Vergleich zu den medial auf allen TV-Kanälen transportierten Pendants der klassischen Organtransplantation vor wenigen Wochen bleibt das Novemberdatum außerhalb der medizinischen Klientel ein kaum beachtetes Event. Dabei ist das, was Gewebemediziner in Berlin vorstellen werden, eine kleine Sensation. Denn während es bei Organtransplantationen von Nieren, Herzen oder Lungen nach wie vor einen erheblichen Mangel gibt, und Wartelisten über Leben oder Tod der Patienten entscheiden, gilt die Sicherung mit Gewebetransplantaten in vier Bundesländern schon heute als flächendeckend gesichert. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Bei der Spende von Augenhornhäuten kommen gleich 140 Spender auf eine Million Bewohner. “Würde überall so viel gespendet werden, könnte jeder der etwa 8.000 – 10.000 Patienten, die jährlich eine Transplantation benötigen, eine Hornhaut bekommen”, konstatiert die DGFG.

Neue Erfolge durch bessere Strukturen

Ein seit August 2007 geltendes, neues Gewebegesetz ermöglicht den Boom. Transplantierte Gewebe müssen nämlich zentral erfasst und die Herkunft der Transplantate genau dokumentiert werden. Folge des akribischen Prozedere: Erstmals können genaue Zahlen darüber vorliegen, wie viele Menschen ein Gewebetransplantat erhalten haben. “Zudem ist erstmals gesetzlich formuliert, dass analog zum Verbot des Organhandels mit Gewebetransplantaten wie Augenhornhäuten oder Herzklappen nicht gehandelt werden darf”, erklärt die DGFG einen weiteren Vorteil des Regelwerks.

Das DGFG-Netzwerk ermöglichte laut Jahresbericht 2007 insgesamt 1.415 Gewebepräparate – ein Jahr zuvor waren es 1.260. Doch was in einzelnen Bundesländern bereits einwandfrei funktioniert, ist noch lange kein Standard auf Bundesebene. Etwa 100.000 Hornhäute werden in Deutschland pro Jahr zur Transplantation benötigt, verfügbar sind derzeit lediglich 5.000-6.000.

Die Tatsache, dass Augenhornhäute, Herzklappen, Blutgefäße oder Haut in Routineeingriffen an Universitätskliniken transplantiert werden, nutzen die Gewebemediziner der DGFG aus: So wird das gemeinnützige Spendernetzwerk der Organisation von der Medizinische Hochschule Hannover, dem Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden sowie dem Universitätsklinikum Leipzig getragen, auch andere Kliniken verfügen über umfangreiche Gewebebanken. Wer als Niedergelassener seinem Patienten die Gewebeübertragung angedeihen lassen muss, kommt an den Unikliniken im Grunde nicht vorbei – je nach Ort ein schweres, oder aber wirklich leichtes Unterfangen.

Ein langer Weg …

“Unser Ziel es, an den Universitätskliniken entwickelte Spendestrukturen in die Fläche zu übertragen, um eine bundesweite Versorgung mit Gewebespenden zu sichern”, erklärt daher Detlev Michael Albrecht, Professor und medizinischer Vorstand am Dresdner Universitätsklinikum Carl Gustav Carus das Ziel. Immerhin: Vorwiegend im Osten der Republik scheint das geglückt zu sein, neben Mecklenburg-Vorpommern gelten auch Sachsen, Sachsen Anhalt und Thüringen als weitgehend mit Spendegeweben gedeckt. Und genau das könnte an sich überall so sein.

Anders als bei der Organtransplantationen trägt die Spenderbereitschaft in der Bevölkerung bei Gewebespenden zu einer regelrechten Explosion an nutzbarem Material. Schon ein einziger Spender dient nämlich als Quelle unzähliger Transplantate. Wer nach seinem Tod das eigene Gewebe zur Verfügung stellt hilft somit nicht einem, sondern vielen anderen Menschen. So spendeten innerhalb des DGFG-Netzwerkes im Jahr 2007 zwar nur 112 Menschen nach ihrem Tod muskulo-skelettales Gewebe. Doch allein diese recht geringe Zahl reichte aus, um mehr als 5.000 Transplantate zu generieren – und zu vermitteln.

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