Hirnstimulation beeinflusst Normverhalten

7. Oktober 2013
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Neuroökonomen haben eine spezifische Hirnregion lokalisiert, die die Einhaltung sozialer Normen steuert. Sie entdeckten, dass die Befolgung sozialer Normen vom Wissen über die Norm unabhängig ist und durch Gehirnstimulation verstärkt werden kann.

Wie steuert das menschliche Gehirn die Einhaltung sozialer Normen? Die biologischen Mechanismen, die der Befolgung von Normen zugrunde liegen, sind noch wenig erforscht. Christian Ruff, Giuseppe Ugazio und Ernst Fehr von der Universität Zürich zeigen in ihrer neuen Studie, dass der laterale präfrontale Kortex bei der Befolgung von Normen zentral ist.

Präfrontaler Kortex prägt Normverhalten

Für die Studie nahmen 63 Probanden an einem Experiment teil, bei dem sie Geld erhielten und gebeten wurden, sich zu entscheiden, wie viel davon sie mit einem anonymen Partner teilen wollten. Eine geltende Fairnessnorm in westlichen Kulturen schreibt vor, dass das Geld zwischen beiden Spielern gleichmässig aufgeteilt werden sollte. Dies steht jedoch im Gegensatz zum Eigeninteresse der Teilnehmer, so viel Geld wie möglich selbst zu behalten. Bei einem weiteren Versuch standen die Probanden vor der identischen Entscheidung, wussten aber im Voraus, dass sie vom Partner für einen unfairen Vorschlag bestraft werden konnten. Die Wissenschaftler erhöhten oder reduzierten während des Experiments die Aktivität der Nervenzellen an der Stirnseite des Gehirns, im rechten lateralen präfrontalen Kortex. Dazu verwendeten sie die sogenannte transkranielle Gleichstromstimulation, mit der die Erregbarkeit einzelner Gehirnregionen über schwache elektrische Ströme schmerzfrei beeinflusst werden kann. Christian Ruff, Professor für Neuroökonomie an der Universität Zürich, dazu: „Wir entdeckten, dass die Befolgung der Fairnessnorm direkt durch die neuronale Stimulierung im präfrontalen Kortex beeinflusst werden konnte, sowohl für freiwillige Normbefolgung als auch wenn Strafe für Normverletzung angedroht wurde.“

Auswirkungen für das Rechtssystem

Wurde bei den Teilnehmern die neuronale Aktivität in dieser Gehirnstruktur gesteigert, folgten sie der Fairnessnorm stärker, wenn eine Sanktion drohte; die freiwillige Einhaltung der Fairnessnorm – wenn keine Sanktionen möglich waren – sank aber. Wurde hingegen die neuronale Aktivität verringert, hielten die Teilnehmer die Fairnessnorm stärker freiwillig ein, die Einhaltung der Norm aufgrund befürchteter Sanktionen war aber weniger stark. Darüber hinaus beeinflusste die neuronale Stimulierung zwar das Verhalten der Teilnehmenden, aber sie beeinflusste nicht deren Wahrnehmung der Fairnessnorm. Sie veränderte auch nicht die Erwartung der Teilnehmenden darüber, ob und wie stark sie für Verletzungen der Norm bestraft würden. „Wir haben herausgefunden, dass der Gehirnmechanismus, der für die Einhaltung sozialer Normen verantwortlich ist, von den Prozessen getrennt ist, die Wissen und Glauben über die soziale Norm darstellen“, sagt Ernst Fehr, Leiter des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. „Dies kann wichtige Auswirkungen für das Rechtssystem haben, da die Fähigkeit richtig von falsch zu unterscheiden, vermutlich für die Fähigkeit soziale Normen einzuhalten nicht ausreicht.“ Christian Ruff ergänzt: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein sozial und evolutionär wichtiger Aspekt des menschlichen Verhaltens von einem spezifischen neuronalen Mechanismus abhängt, der durch Gehirnstimulation sowohl verstärkt als auch abgeschwächt werden kann.“

Originalpublikation:

Changing Social Norm Compliance With Noninvasive Brain Stimulation
Ernst Fehr et al.; Science, doi: 10.1126/science.1241399, 2013

27 Wertungen (4.15 ø)

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5 Kommentare:

Ärztin

@ Gast, ich hoffe Sie haben mich richtig verstanden. Meine Ausführungen waren durchaus provokant formuliert. Vor allem die “Gretchenfrage” sollte den Aspekt des Absurden dieser Studie hervorheben.
Die Testosteronstudie habe ich nicht erfunden, sie existiert tatsächlich mit fast identischem Studiendesign und von den Autoren entsprechend interpretiertem Ergebnis.
Frau Diederichs hat es, neutral formuliert, auf den Punkt gebracht: Da lehnen sich die Autoren meiner Meinung nach viel zu weit aus dem Fenster….

#5 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Ich denke auch, daß sowohl die der Studie zugrunde liegenden Annahmen, als auch die Bewertung der Studienergebnisse, einer kritischen Betrachtung bedürfen. Beispiele:

Die genannte “Fairnessnorm” ist keine Selbstverständlichkeit, sondern nur eine von diversen konkurrierenden Vorgaben, an denen solche Entscheidungen ausgerichtet werden können. Genau gegenläufig könnte man auch eine “Gewinnmaximierungsnorm” postulieren und dann überspitzt formuliert die “Fairnessnorm”, alles gleich zu verteilen, als eher sozialistische und die “Gewinnmaximierungsnorm” als eher kapitalistische Einstellung betrachten. Auch muß “Geld für sich behalten” nicht zwingend Eigeninterese sein, denn immerhin könnte das Geld auch gemeinwohldienlich verwendet werden.

Wenn ich dann weiter lese, die transkranielle Gleichstromstimulation führt zu einer stärkeren Polarisierung des Verhaltens in Abhängigkeit von den erwarteten Sanktionen, drängt sich mir eine andere Interpretation auf. Laut Studienergebnissen führt eine erhöhte neuronale Aktivität dazu, daß die Studienteilnehmer sich mehr daran orientieren, ob eine Sanktion zu erwarten ist oder nicht. Für mich klingt das berechnend:” Wenn ich Sorge trage, erwischt zu werden, dann gebe ich mich großzügig, wenn ich nicht erwischt werden kann, behalte ich alles für mich.”

Mein persönliches Fazit aus der Studie: Wie zu erwarten führt eine Stimulation des lateralen präfrontalen Kortex dazu, daß Verhalten stärker von kühlen Kalkulationen geprägt wird. Nichts wirklich Neues. Interessant fände ich, wenn man Vergleichstudien machen würde, bei denen geschaut wird, inwieweit die neuronale Aktivität im lateralen präfrontalen Kortex mit Persönlichkeitsmerkmalen oder Berufswahl korreliert.

Die Implikation hinsichtlich möglicher Auswirkungen der Studienergebnisse auf das Rechtssystem halte ich ebenfalls für sehr bedenklich. Da lehnen sich die Autoren meiner Meinung nach viel zu weit aus dem Fenster und ich hoffe sehr, daß diese Überlegung vorerst nicht aufgegriffen wird.

#4 |
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Gast
Gast

Liebe Frau @Silke Schuster, mit natürlichen Hormonen soll man nicht spielen,
weder bei Frauen, noch bei Männer,
bis auf ganz klare med. Indikationen.
Es gibt weder ein “Glückshormon”, noch ein “Aggressionshormon” noch ein “soziales Kompetenz-Hormon”, auch wenn der Gebrauch solcher Begriffe weit verbreitet ist.

Was mir Sorgen macht, ist das Bestreben vieler Seiten,
das Verhalten von Menschen sozusagen ohne deren Zustimmung zu manipulieren.
Sogenannte Umweltverbände und “Gender”-gruppen zeichnen sich da besonders aus.

mfG

#3 |
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Ärztin

Huch, beinahe der gleiche Studienaufbau liegt für eine Studie mit Testosterongaben vor, mit dem Ergebnis, dass höhere Testosteronspiegel bei Männern die soziale Kompetenz erhöhen. Klingt fast wie abgeschrieben. (Habe ich schon selbst beobachtet, gleiches Design, neuer Parameter, der Versuch hatte jedoch nie stattgefunden, der Untersucher ist mittlerweile habilitiert).
Die Gretchenfrage: Wie wirkt dann Testosteron auf den präfrontalen Kortex mit und ohne Stimulation? Oder wollen wir in Zukunft unsere Männer präfrontal elektrostimulieren um sie sozial kompetenter zu machen?
Ansonsten erinnert mich das ganze doch an “Einer flog über das Kuckucksnest” mit Jack Nicholson in der Hauptrolle.

#2 |
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DRR
DRR

Vielleicht bin ich die wissenschaftliche Arbeitsweise nicht mehr gewöhnt, aber:
Zeigt die Studie nicht vor allem eine Verschiebung von “freiwilliger” zu “offen sanktionierter” Befolgung der Norm? Könnte also eventuell weniger die Fähigkeit zur Befolgung von Normen als vielmehr die Angst vor Bestrafung stimuliert worden sein?
Davon abgesehen halte ich die Fairnessnorm für unzureichend umschrieben und die Grundannahme, es wäre zwingend im Eigeninteresse der Teilnehmer, möglichst viel Geld für sich zu behalten, für fragwürdig.
Ohne entsprechende weitere Hintergrundinformationen…
Ansonsten macht mir die Vorstellung, was sich aus derartigen Erkenntnissen alles folgern ließe, Gänsehaut.

#1 |
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