Präpkurs – Lehre, Spannung & Ohnmacht

22. Juli 2008
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Der Kursus der makroskopischen Anatomie (kurz: Präpkurs) sorgt wie kein anderes Fach in der Vorklinik für mythische und konfuse Geschichten. Für die meisten Studierenden ist dieser Kurs die erste handfeste Berührung mit dem Tod. Nicht jeder kann diese Erfahrung so einfach wegstecken, wie unser folgendes Interview zeigen wird.

Für unser Interview zum Thema "Präpkurs" habe ich mich mit zwei ehemaligen Kommilitonen getroffen. Andreas (28) befindet sich bereits im klinischen Abschnitt seines Studiums; Petra (25) hat ihr Studium nach dem ersten Semester abgebrochen und studiert mittlerweile Biologie und Englisch auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe.

MS: Petra, du hast ja das Studium nicht zuletzt aufgrund Deiner Erfahrungen im Präpsaal abgebrochen. Wie kam es denn dazu?
Petra:
Ich habe mit 20 – also recht jung und direkt nach der Schule – das Medizinstudium begonnen und war total motiviert. Mein großer Traum war es seit meiner Kindheit, Allgemeinmedizinerin zu werden. Mir war natürlich klar, dass es so etwas wie den Präpkurs während des Studiums gibt, und wir wurden ja auch frühzeitig auf diesen vorbereitet. Aber trotzdem hat mich der erste Tag mit der Leiche völlig kalt erwischt und mir das weitere Studieren eigentlich unmöglich gemacht, für mich war das eine ganz schlimme Erfahrung.

MS: Darf ich Dich fragen, was für Dich der "Schlüsselreiz" war, der Dich so kalt erwischt hat?
Petra:
Der Geruch und die angespannte Atmosphäre während des ersten Tages wären noch erträglich gewesen. Aber bei den ersten Präparationen bin ich fast umgekippt. Es handelte sich hierbei um das Entfernen der Haut und des Fettgewebes am Rücken. Als unser Assistent am Tisch die Hautlappen so weggeklappt hat und sich gleich ein paar ganz Eifrige auf das Entfernen des Gewebes gestürzt haben, ist mir wirklich schwarz vor Augen geworden.

MS: Andreas, Du warst ja witzigerweise direkt am Nachbartisch von Petra. Wie hast Du den ersten Tag empfunden? Gab es an Eurem Tisch auch solche "Ausfälle"?
Andreas:
Nein, gar nicht. Ich kann zwar Petras Aussagen irgendwie nachvollziehen, aber für mich persönlich lag eine große Herausforderung im Präpkurs. Ich habe mich zwar auch anfänglich ein bisschen geekelt, als wir das Fettgewebe abtragen mussten, aber für mich wäre das jetzt kein Grund gewesen, den Kurs in Frage zu stellen oder gar das Medizinstudium abzubrechen. Man sieht wirklich noch weit schlimmere Dinge, bis man ein fertiger Arzt ist.
Petra: Da gebe ich Dir völlig Recht. Mich hat das totale Zerfleddern der Leiche enorm irritiert. Zudem tat mir die kleine, zierliche Frau leid, wie sie so nackt auf dem Seziertisch lag.

MS: Petra, meinst Du, dass es noch bessere oder sinnvollere Methoden gäbe, die Studierenden an das Thema heranzuführen?
Petra:
Das ist eine schwierige Frage, da mein Fall sehr subjektiv und auch extrem ist. Außer mir hat glaube ich kein anderer Student aus unserem Semester das Studium wegen des Präpkurses geschmissen. Es scheint also eher die große Ausnahme denn die Regel zu sein.
Andreas: Trotzdem, man darf nicht vergessen, dass ein Mensch in unserem damaligen Alter noch keine oder nur sehr periphere Berührungen mit dem Thema "Tod" hatte.
Das Thema "Mitleid" habe ich während des Präpens auch erlebt. Man fragt sich wirklich ständig, ob die Spender geahnt haben, wie mit ihren Körpern im Präpkurs umgegangen wird. Damit meine ich nicht irgendwelche pietätlosen Sprüche oder ähnliches, die glücklicherweise eine Seltenheit darstellen, sondern das totale Zerfleddertwerden. Natürlich dient das der Ausbildung junger Mediziner, ist aber kein besonders schöner Anblick.

MS: Gäbe es Eurer Meinung nach echte Alternativen zum Präpkurs?
A.:
Nein, keinesfalls. Der menschliche Körper ist so aufwändig und raffiniert konzipiert und konstruiert, dass man den Aufbau niemals an Modellen oder mit Computerprogrammen erlernen könnte, nicht in dieser Detailfülle. Man muss die Muskeln, Nerven und Organe schon selbst in der Hand gehabt haben, um eine klare Vorstellung des Konzeptes zu erhalten.
P.: Ich bin hier voll auf Andreas’ Seite. Ich sehe meinen damaligen Ausfall auch eher als eine Art Signal, dass der Beruf wohl doch nicht so das Richtige für mich war. Im Arztberuf muss man zwar einfühlsam sein, darf aber gleichzeitig auch nicht zu zart besaitet sein. Die Anatomie lässt sich nun mal am besten am echten "Objekt" erlernen.

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