Therapieplatz: Please hold the line

9. Oktober 2012
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Wartet man auf einen Therapieplatz, so ist man besser jung als alt, besser Mann als Frau und in seinen Geschlechtsrollenvorstellungen besser liberal als traditionell. Dann hat man es laut einer aktuellen Studie jedenfalls leichter, die Wartezeit zu überbrücken.

Wenigstens wird’s nur bei wenigen schlimmer: Bei 48% von 106 Patienten, die in der aktuellen Studie auf einen Psychotherapieplatz warteten, veränderten sich die subjektiven Beschwerden in der Wartezeit nicht. Bei etwa 23% der Patienten verschlechterten sich die Symptome, bei den übrigen 29% verbesserten sie sich.

Dies ist ein Teilergebnis der Studie von Thomas Frank Huckert und seinen Kollegen. Die Autoren untersuchten die Symptombelastung von Patienten einer Hochschulambulanz, die sich zu einem psychotherapeutischen Erstgespräch angemeldet hatten. Sie wollten herausfinden, wie sich die Beschwerden zwischen Anmeldung und dem Termin des Erstgespräches veränderten.

Viel Geduld ist gefragt

Wer sich zu einer Psychotherapie anmeldet, der ist meistens schon einen weiten Weg gegangen –häufig beginnt mit der Anmeldung für viele eine weitere Tortur: die Wartezeit auf einen Therapieplatz. Die mittlere Wartezeit beträgt in Deutschland zwischen 2,5 und 4 Monaten. Das ist für viele ein psychischer Kraftakt, auch, wenn sich allein durch die Anmeldung schon viel verändert. Die Anmeldung zur Psychotherapie ist ein Eingeständnis vor sich selbst, dass man Hilfe braucht. Das bedeutet auch, dass der Patient bisherige Abwehrmechanismen teilweise aufgegeben hat. Dies kann ein erster Schritt hin zu einem neuen Umgang mit den eigenen Bedürfnissen sein. Außerdem schöpfen die Patienten mit der Anmeldung zur Psychotherapie oft neue Hoffnung. Die Autoren gingen daher davon aus, dass sich die Symptombelastung in der Wartezeit abschwächen würde.

Innerhalb eines Jahres meldeten sich in der Hochschulambulanz 282 Patienten an. Mit der schriftlichen Bestätigung der Anmeldung erhielten die Patienten eine Fragebogenbatterie. Nachdem die Patienten die Fragebögen zurückgeschickt hatten, wurden sie auf eine Warteliste gesetzt. Die Wartezeit bis zum probatorischen Erstgespräch betrug hier 6,2 Monate (Standardabweichung [SD] = 2,31 Monate).

Nur ein Drittel kam nach der Wartezeit zum Erstgespräch

Am probatorischen Erstgespräch nahmen 106 Patienten teil – also 38% von 282 Patienten, die sich ursprünglich angemeldet hatten. Zu diesem Erstgespräch erhielten die Patienten erneut eine Fragebogenbatterie, die sie eine Woche später zum Zweit-Gespräch mitbringen sollten. Die Autoren werteten die beiden Fragebogenbatterien aus und verglichen den Zustand der Patienten zur Anmeldezeit mit demjenigen zum Zeitpunkt des Erstgesprächs. Sie räumen ein, dass dieses Vorgehen möglicherweise das Studienergebnis verzerrt, da sich die Patienten häufig in einem psychotherapeutischen Erstgespräch entlastet fühlten. So spiegelt das Ergebnis nicht direkt den Zustand in der Wartezeit wider.

Die Studiengruppe bestand aus 65 Frauen und 41 Männern im Alter von 18–61 Jahren (Durchschnittsalter: 37,1 Jahre; SD = 11,31 Jahre). Erwerbstätig waren 65%, von 5% gab es keine Antworten und 30% der Patienten waren nicht erwerbstätig (hiervon waren 16% Studenten). 43% der Patienten wurden zuvor bereits von einem Neurologen, Psychiater, oder einem Psychotherapeuten ambulant oder fachklinisch behandelt. Die meisten Patienten litten gemäß ICD-10 an affektiven Störungen (35%), an Angststörungen (21%) oder an Anpassungsstörungen (13%). Von Essstörungen waren 5% betroffen, von Belastungsstörungen 4% und von somatoformen Störungen 3%. Bei 31% der Patienten wurde eine Zweitdiagnose gestellt. 15% erhielten aus verschiedenen Gründen keine Diagnose.

Symptomverbesserung innerhalb einer hohen Symptombelastung

Zur Messung der Symptombelastung verwendeten die Autoren unter anderem das “Brief Symptom Inventory” (BSI). Mit dem “Veränderungsfragebogen zum Entspannungserleben und Wohlbefinden – Psychotherapie” (VFE-PT) wurden Symptomveränderungen erfasst. Hier kam es zu unterschiedlichen Ergebnissen: In den BSI-Skalen zeigte sich eine signifikante Symptomabnahme zwischen den Zeitpunkten “Anmeldung” und “Erstgespräch”. Aber: Bei der Abnahme der Symptome handelt es sich lediglich um eine relative Symptomverbesserung. Auch zum Zeitpunkt des Erstgesprächs litten die Patienten deutlich, denn es bestanden immer noch Symptome von Krankheitswert.

Anhand des Kennwerts “GSI” (Global Symptom Impairment, grundlegende psychische Belastung) als Teil des BSI kamen die Autoren zu diesen Ergebnissen: Bei 68% der Patienten blieb die Symptombelastung gleich. Bei 29% der Patienten haben die Symptome in einem klinisch bedeutsamen Maße abgenommen, bei 4% haben sie zugenommen. Die Messung des direkten Veränderungserlebens der Patienten (VFE-PT) zeigt ähnliche Relationen: 48% der Patient erlebten subjektiv eine gleichbleibende Symptombelastung, 29% stellten eine Verbesserung fest und 23% eine Verschlechterung.

Soziales Vertrauen hilft

Die Autoren fanden einige Faktoren, die es möglicherweise erlauben, vorherzusagen, wie sich Patienten in der Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz wahrscheinlich fühlen werden. Je älter die Patienten, je geringer ihr soziales Vertrauen und je rigider ihre Vorstellungen zu den Geschlechterrollen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Symptome in der Wartezeit nicht verbessern. Interessanterweise erhöht auch ein ausgeprägtes positives Selbstkonzept die Gefahr, dass sich die Symptome in der Wartezeit verschlechtern. Dies könnte damit zusammenhängen, dass diese Patienten rigide an dysfunktionalen, eigenen Problemlösestrategien festhielten, so die Autoren. Insgesamt ging es den Männern in der Wartezeit besser als den Frauen, was die Autoren auf ein mögliches aktiveres Bewältigungsverhalten der Männer zurückführen.

Langes Warten – was kann man tun?

Lange Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz lassen viele Patienten verzweifeln. Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert, die Wartezeiten auf höchstens drei Wochen zu kürzen. In ländlichen Regionen warten die Patienten deutlich länger auf einen Psychotherapieplatz als in städtischen Gebieten. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat in Zusammenarbeit mit der Datenjournalistin Judith Pulg die Wartezeiten-Situation für das Jahr 2011 aufgeschlüsselt: Spitzenreiter ist die Stadt Bottrop mit einer Wartezeit von 45 Wochen.

Zwar können sich psychische Symptome in der Wartezeit manchmal verbessern – beispielsweise zeigt eine amerikanische Studie mit 111 leicht depressiven Patienten, dass sich bei 9–13% der Patienten die Symptome innerhalb von vier Wochen zurückbildeten (Hegel et al. 2006). In der Regel aber leiden die Patienten sehr – in vielen Internetforen geht es um die Frage: “Wie kann ich die Wartezeit überstehen?”

Tipps für die Wartezeit

Manchmal können kleine Schritte helfen, z.B. haben Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen mitunter weniger lange Wartezeiten, sodass einige Patienten bei diesen Anlaufstellen Halt finden, bis die Therapie beginnt. Auch kann der Versuch, einen Psychotherapieplatz in der Nachbarstadt zu finden, gelegentlich schneller zum Ziel führen. Zum “Durchhangeln” in der Wartezeit ist für manche Patienten auch der Service der Telefonseelsorge hilfreich. Sie ist 24 Stunden erreichbar. Patienten, die eine tiefenpsychologische oder psychoanalytische Therapie machen möchten, können sich auch an Ausbildungsinstitute wenden.

Hier erhalten sie oft schneller einen Platz bei einem Arzt oder Psychologen in Ausbildung zum tiefenpsychologischen Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker. Auch kann es hilfreich sein, aktiv freudige Erlebnisse aufzusuchen. Passives Rückzugsverhalten verschlechtert anscheinend den Zustand (Hegel et al. 2006).

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8 Kommentare:

Psychotherapeut

Die Problematiken sind sehr vielschichtig. Natürlich haben wir in Deutschland einen hohen Standard. Aber ich bin kein Fan davon, im Vergleich mit anderen Staatssystemen in puncto Gesundheit daraus zu schlussfolgern, dass wir hier nicht weiter arbeiten sollten – im Gegenteil.
Meiner ganz persönlichen Auffassung nach ist das Psychotherapiegesetz AUCH (nicht nur) ein Lobbygesetz. Ich bin der absoluten Überzeugung, dass es Therapeutinnen und Therapeuten gibt, die nicht nur besser ausgebildet sind, sondern auch besser behandeln. Zumal diese auch mal etwas moderne Methoden anwenden, z.B. wie in meinem Fall die Arbeit mit wingwave, die überaus wirksam und dennoch außerordentlich schonend ist. Weitere Beispiele gibt es sicherlich zu Dutzenden.
Klar, es gibt überall so`ne und so`ne. Aber auffällig ist doch trotzdem, dass die sogenannten freien Therapeutinnen und Therapeuten in einem solchen Artikel gar nicht erst vorkommen.
Sicherlich müssen diese in den meisten Fällen privat bezahlt werden – aber auch hier gibt es Ausnahmen: nach entsprechender Gutachtenerstellung (PT 3a Antrag) habe ich mehrfach Kostenübernahmen erreicht.
Davon sogar zwei Male aufgrund von Mobbing(!) – und darauf bin ich fürchterlich stolz! Das gab es in unserem Bundesland noch nie!
Es geht also. Aber warum finden wir “Freien” keine Erwähnung, wo wir doch häufig kurzfristige Termine haben?
Ich finde es schlichtweg unter den derzeitigen Bedingungen – noch schlimmer ist ja der Psychotherapie”markt” in Bezug auf Termine bei Kindern und Jugendlichen – nicht haltbar, nur Ärztinnen und Ärztinnen sowie Psychologinnen und Psychologen zuzulassen und alle anderen auszugrenzen. Viele haben eine Ausbildung nach der anderen gemacht und sich ständig und stetig weiter gebildet – wo ist dann der Unterschied? Nur der Grundberuf? Was haben wir denn die ganzen Jahre vorher gemacht?
Sorry, aber das ist mir zu billig.
Ich habe in meiner Praxis ein Infoschreiben entwickelt, wie man zu einer Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse kommt und wer dazu was zu tun hat.
Dieses wird reichlich genutzt und die Kostenübernahme erfolgte manchmal auch tatsächlich – meistens aber nur bei Menschen, die noch in der Lage waren, gegen die erste Ablehnung Widerspruch einzulegen. Die “Ruhigen” waren somit verloren oder sie mussten selbst zahlen. Ist das der Effekt, der gewünscht war und ist?

#8 |
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Dipl. -Psych. Axel Ralph Smolarek
Dipl. -Psych. Axel Ralph Smolarek

X jenseits von allem akademischen Geschwafel. Seit 1985, nach 5-jähriger Antragsstellung!, Arbeit in eigener Suchtberatungspraxis. Parallel dazu, auf VT Basis Therapie bei Erkrankungen von Depressionen, Angst-und Panikattacken (über Krankenkasse finanziert) tätig. Nach Erlangung der Approbation 1995( Uni Marburg Übergangsregelung) nicht mehr zugelassen für Kassentherapie!!. Auf Intervention bei der KV; wir müssen u. a. den alkoholkranken Patienten zur Verfügung stehen. Nach Einwand: wieso ein Gynäkologe in BS, der ja bekanntlich den Damen zur Verfügung stehen muss, Psychotherapie durchführen kann freundlich verabschiedet worden! Abgesehen davon, dass unsere Standesvertretung die NS Psychotherapeutenkammer den Ärzten zu Munde redet, hätte irgendjemand mir ja vorher sagen können, dass eine Übergansregelung und diese noch mit erheblichen Kosten verbunden, gar nicht von der KV anerkannt wird. Wieso eigentlich KV, ich bin nicht Arzt sondern Psychologischer Psychotherapeut? Nun stehen Monat für Monat etliche Patienten vor der Tür, die wegen der langen Wartezeiten keinen Therapieplatz erhalten und wir dürfen nicht helfen. Eine einzige, weitere Schweinerei im Aufbau von Hürden der KV und den Krankenkassen, da herrscht plötzlich Einigkeit. Nun ja so ist dass mit der Definitionshoheit. Meiner Meinung nach geht es hier überhaupt nicht um effiziente Hilfe, sondern um Verteidigung der Pfründe, koste es was es wolle. Da grenzt es schon an ein Wunder, dass sich jährlich nur ca. 11000 Menschen, pro Tag 30,13 % ! Suizid begehen. Mein Fazit: Es interessiert hier eigentlich keinen so wirklich richtig.

#7 |
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Anayro Müller
Anayro Müller

leider gibt es für betroffene wenig alternativen. wenn ich unterstützung brauche, bezahle ich diese priv.doch das ist sicher nur wenigen möglich. die privaten preise sind horent. ich übe auch eine therp. beruf aus und kann von solchen preisen nur träumen. wenn die kassenpreise auch für priv. patienten gelten würden, wäre es unter umständen mehr klienten mögl. dies selbst zu bezahlen. . mein sohn hat nach einem klinikaufenthalt keine weiterbetreuung kassenärztlich gefunden. die kasse war auch nicht bereit übergangsweise einen priv. therapeuten zu bezahlen. ein vertauensverhältnis aufzubauen ist in labilen psych. zuständen eh schon schwer genug. klinik und ambulanz (die es auch nicht gab)keine alternative. auch wenn es gute ansätze, z.b. hamburg gibt. 1000 km weit weg…doch “hilf dir selbst, so hilft dir gott”

#6 |
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Dr. Christian Messer
Dr. Christian Messer

Wartezeiten sind künstlich erzeugte Unwuchten, die durch eine massive Fehlsteuerung in der Versorgung psychisch und vor allem psychosomatisch erkrankter Menschen verursacht ist. Wenn man die komplette Bevölkerung durch Richtlinien-Psychologen medikalisieren will, wird auch die Zulassung vieler weiterer tausenden Psychologen nichts an den Wartezeiten ändern. Die Psychologen-Kammer weiß gut genug, dass seit Jahren der Bedarf dem Angebot folgt. Dieser Poitik ist es geschuldet, dass die wirklich Kranken meist gar keine Behandlung bekommen: die können nämlich von Wartezieten nur träumen!

#5 |
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Michael Kulfanek
Michael Kulfanek

Was sind die Ursachen für so lange Wartezeiten? Wir, die Gesellschaft, sind nicht bereit mehr Geld in die Behandlung psychologischer Störungen zu investieren. Und wir, die Ärzte Pädagogen und Psychologen, sind nicht bereit mehr vom Kuchen abzugeben. Denn es gibt ausreichend qualifizierte Psychotherapeuten. Leider gibt es nicht genügend Kassenzulassungen, weil die Anzahl der Zulassungen auf den Stand von 1999 eingefroren wurden. Offiziell gibt es ja “überversorgte” Regionen und selbst hier sind die Wartezeiten enorm.

#4 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Was ist mit denen die nicht mehr kamen? Kann es nicht auch dadurch zu Verzerrungen gekommen sein? Jene, die die Wartezeit nicht geschafft haben und den Mut bzw. die Hoffnung wieder verloren haben? Ich finde es ist eine absolute Zumutung unter solchen Umständen so lange hingehalten zu werden!

#3 |
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Psychologin

Danke für den Artikel.
Es gibt allerdings auch verhaltentherapeutische Hochschulambulanzen. Zum Beispiel in Frankfurt.

#2 |
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War es Absicht, den Ort der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz nicht zu erwähnen? Was mögen ggf. die Gründe dafür sein?

#1 |
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