Migräne: Kopfschmerz der Perfektionisten

8. Oktober 2013
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Migränepatienten strengen sich im Vergleich zu Gesunden oft übermäßig an, um die ihnen gestellten Aufgaben möglichst perfekt zu erledigen. Nun konnten Forscher mit Hilfe eines Experiments zeigen, dass Migränepatienten Probleme anders verarbeiten als gesunde Personen.

Migränepatienten scheinen im Vergleich zu gesunden Personen auf Probleme schneller zu reagieren. Vermutlich läuft in ihrem Gehirn die Reizverarbeitung rascher ab. Nun konnte ein Forscherteam des Universitätsklinikums Rostock im Rahmen einer Studie nachweisen, dass Migränepatienten intensiver nach Lösungsmöglichkeiten als Gesunde suchen. Wie die Wissenschaftler um Professor Peter Kropp im Journal of Neural Transmission mitteilten, strengen sich die Migränepatienten viel stärker als die anderen Studienteilnehmer an, eine experimentell erzeugte Hilflosigkeitssituation zu bewältigen. Im Verlauf dieses Experiments mussten die Probanden auf verschiedene Töne hören und bei einem bestimmten Ton sehr schnell einen Knopf drücken, der diesen Ton ausschaltet.

Migränepatienten aktivieren mehr kognitive Ressourcen

Insgesamt untersuchten die Forscher um Kropp die Reaktion von 24 Migränepatienten und 24 gesunden Person. Für jede korrekte Reaktion bekamen alle Teilnehmer jeweils einen Euro als Belohnung. Dann wandelten die Forscher das Experiment um: Nach 16 der 32 Messdurchgänge konnten die Teilnehmer plötzlich den Reaktionston trotz korrekten Knopfdrucks nicht mehr abschalten, er dauerte dann jeweils mehrere Sekunden an und die bis dahin angehäufte Belohnung schmolz ab. „Eine Situation der Hilflosigkeit entstand. Die teilnehmenden Migränepatienten aktivierten mehr kognitive Ressourcen, den Ton abzustellen, als die Gesunden“, berichtet Kropp, der Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Rostock und Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft ist.

Verlauf des EEGs verändert sich nach Versuchsänderung

Dies konnten er und seine Mitarbeiter zeigen, indem sie die langsamen Gleichspannungspotenziale im Gehirn der Probanden mit Hilfe der Elektroenzephalografie (EEG) maßen. Nach Abschalten des Tons beobachten die Forscher einen charakteristischen EEG-Verlauf, der „post-imperative negative Variation“ (PINV) genannt wird. Während Gesunde nur kurz in Form einer vergrößerten PINV-Amplitude auf die Veränderung im Experiment reagierten, fiel die Vergrößerung dieser Kurve in der Migränegruppe deutlich länger und ausgeprägter aus. „Immer dann, wenn man seine Aufmerksamkeit besonders stark auf eine bestimmte Sache ausrichtet, verstärkt sich die Amplitude der Kurve“, erklärt Kropp. Zudem war die Reaktionszeit nach dem Ausschalten des Tons, also die Spanne zwischen Ton und Tastendruck, bei den Migränepatienten signifikant kürzer als bei den gesunden Probanden.

Hängen intensivere Reizverarbeitung und Anfälle direkt zusammen?

„Die Migränepatienten erhöhten ihre Aufmerksamkeit, was sich positiv auf ihre Reaktionszeit auswirkte“, sagt Kropp. „Sie resignierten nicht so schnell wie gesunde Personen und kämpften stärker gegen das Hilflosigkeitsgefühl an.“ Noch sind sich die Forscher um Kropp nicht sicher, ob Migränepatienten sich mit Reize intensiver auseinandersetzen, weil sie wissen, dass bald schon wieder die nächste Schmerzattacke folgt oder diese einfach eine Folge der intensiveren Reizverarbeitung ist. „Noch ist nicht klar, was Henne und was Ei ist“, so Kropp. Andere Experten sehen hier keinen direkten Zusammenhang, sondern eine gemeinsame Veranlagung: „Die spezifische Reizverarbeitung ist weder Ursache noch Folge der Schmerzattacken, sondern eine bestimmte genetische Veranlagung der Patienten führt unabhängig voneinander sowohl zur Migräne als auch dazu, dass deren Gehirn anders auf Reize reagiert“, sagt Professor Stefan Evers, Chefarzt der Neurologie am Krankenhaus Lindenbrunn in Coppenbrügge und Generalsekretär der International Headache Society.

Migränepatienten reagieren länger auf gleichartige Reize

Es ist bekannt, dass Migränepatienten über eine verzögerte Habituationsfähigkeit verfügen und immer noch auf gleichartige Reize reagieren, wenn gesunde Menschen sich daran schon gewöhnt haben. „Interessanterweise sind diese Verhaltensunterschiede kurz vor einem Anfall am größten, um dann während des Anfalls zu verschwinden“, sagt Kropp. „Es scheint sich dann etwas zu normalisieren, was zwischen zwei Anfällen nicht normal ist.“ Nach seiner Ansicht ist es für Migränepatienten das Beste, sich Schritt für Schritt an Reize anzunähern und diese nicht zu vermeiden, wie es jahrzehntelang propagierte wurde.

Entspannungstechniken beugen Schmerzattacken vor

„Migränepatienten haben zwar die Fähigkeit, Probleme vor allem auf kleiner Ebene besser als Gesunde zu lösen, doch wenn sie das zu stark betreiben, überfordern sie ihren Organismus und rutschen möglicherweise in einen Anfall hinein“, sagt Kropp. Deswegen plädiert er dafür, dass Migränepatienten sich Entspannungstechniken aneignen und leichten Ausdauersport betreiben. Damit, findet der Psychologe, lasse sich die Zahl der Anfälle bei Migränepatienten reduzieren, ohne dass deren Fähigkeit, Probleme zu lösen, unterdrückt werde. Auch Evers sieht die Entspannungstechniken als wesentlichen Bestandteil der Migräneprophylaxe: „Als vorbeugende Maßnahme eignen sich diese Techniken sehr gut, so dass man erst einmal versucht, Patienten am Anfang der Behandlung keine prophylaktisch wirksamen Medikamente zu verschreiben.”

145 Wertungen (4.64 ø)

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18 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Hallo,
Also meine Migräne begann nach der Schilddrüsen-Operation. Bis dahin wusste ich nicht was Kopfschmerzen sind. Triptane sind meine Leidensbegleiter. Hormone sind auch eine sehr häufige Ursache. Dieser Punkt wird gerne ignoriert. Habe jetzt von einigen Fällen erfahren, wo Hormone die Ursache waren, aber über Jahre nicht in der Praxis beachtet wurde, obwohl die Symptomatikbeschreibung darauf hingewiesen hat.

#18 |
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Dipl.-Ing./cand.M.Sc Ute Hild
Dipl.-Ing./cand.M.Sc Ute Hild

Eine weitere Studie könnte weiterhelfen, denn viele Migränepatienten sind in sozialen Einrichtungen zu finden… hier überfordern sich die Menschen häufig,
weil sie oft gar nicht anders können.

Auch in Schulen nimmt Mirgäne immer mehr zu, dies jedoch nicht durch Perfektionismus, sondern schlicht durch Überforderung, was letztendlich immer Stress bedeutet.

Weiterhin ist zu bedenken, dass Spannungskopfschmerzen fast nicht von der
echten Migräne in ihrer Erscheinungssymptomatik zu unterscheiden sind.

Entspannung hilft sicher, noch besser ist aktive Bewegung an der frischen Luft. Hierzu läuft derzeit eine Studie.
Schaut man bei akuten Migräneanfällen auf die Verdauung, so funktioniert diese kaum, so dass die Stoffwechseltätigkeit im Bauchraum anzuregen ist,
um die zu starke Aktivität im Gehirn wieder zu reduzieren.

#17 |
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Nichtmedizinische Berufe

Von meinem 8. bis zu meinem 31. Lebensjahr hatte ich starke “klassische” Migräneanfälle unterschiedlich häufig, aber mit steigender Intensivität je älter ich wurde. Erhebliche Mengen an Medikamenten, auch immer öfter Morphiate, machten mein Leben nicht nicht leichter, aber erträglich.
Nachdem dann Professor Werner in Hamburg u.a. eine Hühnerei-Eiweiß-Allergie nachgewiesen hatte, ich keine Eier oder Speisen, in denen Eier enthalten waren, mehr aß, hatte ich nur noch selten Kopfschmerzen, aber keine Migräneanfälle mehr.
Allergie als Auslöser für Migräne.

#16 |
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DP Volker Ramm
DP Volker Ramm

Migrainepatienten sind überzufällig oft ‘Perfektionisten’ und Entspannung (AT, PMR ect…) hilft… so, so. Woher kommt mir das bekannt vor?
Richtig – 1988, als ich Berufsanfänger in einer neurologischen Fachambuanz war und wir dort unsere ambulanten ‘Kopfschmerzgruppen’ durchführten (übrigens recht erfolgreich, wie sich anhand katamnestischer Erhebungen zeigte).
Da war das auch schon so :)

#15 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Nach HE / OE und Verschluss eines PFO war meine Migräne weg, vollig verschwunden :)

Seit Jugendtagen mit Kopfschmerzen gesegnet und zu schlechter Letzt habe ich mich über 10 Jahre mit Migräne rumgequält.
Klar entspreche ich den sensiblen Perfektionisten, ;)) und Entspannungsübungen sind sicher nett. Psychosomatische Kuren, alles !!alles hab ich versucht , immer bemüht, diese Hölle im Kopf loszuwerden. Nix half, ausser frühzeitig Tabletten einzuwerfen, um halbwegs zu überleben.

Durch Zufall…einer TIA nach der HE / OE …. wurde beim Echo das PFO entdeckt. Der Verschluss erfolgte und welch herrlicher Zufall: Die Migräne ist verschwunden!! Einfach weg!!!
Beim Tauchen wie auch beim Joggen habe ich deutlich mehr Kraft bezw Luft.

Vielleicht mag das mancher BEhandler in die Liste der Möglichkeiten einbeziehen ?? Gerade in Taucherkreisen wurde es schon häufiger diskutiert und …..hocherfreut und erleichtert, bei mir hat es so funktioniert.

#14 |
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Stimme V. Degenhardt voll zu. Weder Lebensmittel (es war völlig egal, was ich wann und wo esse) noch Metallbelastungen im Mund (da waren und sind noch etliche vorhanden) oder “Darmbeschwerden” (schon immer) oder auch hormonelle Störungen (die “Frau” so hat) waren meines Erachtens Ursache für mehr als 20 Jahre Migräne. Genetik: möglicherweise, da familiär gehäuft. Die von manchen HP (Kollegen) so gerne gemachte Darmsanierung (perfekter, gesunder Darm) und Ausleitung……naja. Was wirklich geholfen hat, war tatsächlich eine Umstellung des “Denkens” (Reflektion darüber, was mir Stress macht und warum und wie kann ich das ändern) und eine konsekvent durchgeführte Entspannungstechnik. Reduzierung der Anfälle von 2-3 im Monat auf 2-3 im Jahr, und dann kann ich auch genau die Ursache benennen. (mal wieder unnötig einen Kopf gemacht ;-))

#13 |
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Heilpraktikerin

Nach Mangel schauen Magnesium, B12, Vitamin D3 u.a. oder / und Schwermetallbelastungen (Zähne, aber auch andere) und sonstige Umweltbelastungen, können neben den genannten Punkten Ursachen sein. Aber auch” kleine” HWS-Traumen “ohne” Schaden können Ursache für Migräne sein. Wer suchet der findet.

#12 |
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Heilpraktikerin

Noch ein Nachtrag.

@ Gabriela: Ja das mit den Nahrungsmittelunverträglichkeiten denke ich auch. Auch daher bekommen sicher einige Migränepatienten ihre Schmerzen

Im übrigen denke ich entgiften, ausleiten und Darm sanieren ist IMMER gut! Denn kaum einer von uns hat den perfekten gesunden Darm und/oder ein super Säure-Basen-Verhältnis.

Da kann man immer dran arbeiten. Und es verschwinden dann vielleicht nicht nur die Migräneattacken ;o)

#11 |
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Gabriele Schröter
Gabriele Schröter

Man findet nur wonach man sucht…

#10 |
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Heilpraktikerin

Ich glaube es gibt für Migräne ganz viele verschiedene Auslöser/Ursachen.

Dabei sind z.B.:

– Streß
– Hormonelle Situation (Frauen vor ihrer Periode, in den Wechseljahren,…)
– Die Anti-Baby-Pille (halt auch Hormone)
– Blockierungen der HWS und oberen BWS
– eine extrem gestörte Darmflora (zuviel Antibiotika und andere Medikamente)
– Analgetika-Kopfschmerz (ausgelöst durch zuiel Schmerzmittel)
– Psychosomatisch bedingt

Sicher gibt es auch eine genetische Veranlagung bzw. ist Typabhängig. Ich denke das jeder Mensch einen schwächsten Punkt (organ) im Körper hat, das schmerz- bzw. krankheitsanfälliger ist und dann eben in bestimmten Situationen (Stress, das Immunsystem ist geschwächt etc…) eher auffällig wird.

#9 |
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27 bzw. 35 Jahre lang Migräne haben, und dann beschwerdefrei sein, kann auch einfach Folge der normalen Migräne-Biographie mit Besserung im Alter sein.
Die meisten Kinder die ich mit Migräne sehe, essen weder anders als ihre Altersgenossen noch haben sie Metall in den Zähnen, sondern sie haben eine familiäre Belastung.
Auslösende Nahrungsmittel lassen sich in meiner Praxis nur extrem selten identifizieren.

#8 |
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Hp Gabriela Jonas
Hp Gabriela Jonas

Hat schon Jemand an den Zusammenhang: Nahrungsmittel und Histaminausschüttung gedacht? Was macht Stress mit dem Darm?

#7 |
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Zahnarzt

Das sind wertvolle Arbeiten, die zum Verständnis der Vorgänge beitragen können. Was das alles aber nicht erzielt, ist die Patienten von dem enormen Leidensdruck zu befreien.
Wird es den Kollegen denn nicht mulmig,wenn Sie vor den ca. 32.000 Arbeiten stehen, die in den letzten 25 Jahren zu diesem Thema veröffentlicht wurden. Alle Arbeiten haben zur Ursache nichts begetragen. Also ist die Therapie der Wahl, Tabletten oder Entspannung, wobei letztere die Wirksamere ist.
Ist es bei dieser Sachlage, denn nicht möglich, dass n.trigeminus und das TMJ nicht so funktionieren, wie es die gängige Vorstellung glaubt? In Tierversuchen existieren bereits alle Voraussetzungen, um die Dinge zu begreifen. Wer aber die Funktion nicht begriffen hat, kann auch nicht wirkungsvoll therapieren.
Ich hatte vor einiger Zeit an dieser Stelle den Kollegen zwei Fragen zu unbestrittenen Tatsachen gestellt. Offensichtlich war bisher niemand in der Lage, mir eine Antwort zu geben.
Im Interesse der riesigen Zahl der Patienten, würde ich mir wünschen, dass der eine oder andere Kollege beginnt, das Problem von einer neuen Seite zu betrachten. Die daraus resultierend Therapie ist dann einfach, wirkungsvoll, eher banal.

#6 |
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Ärztin

Meine 35 JAhre als Migränepatientin waren 2 Jahre nach kompletter Metallentfernung aus den Zähnen zum Glück dauerhaft beendet-seither habe ich noch nicht mal mehr Kopfschmerzen….

#5 |
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Ärztin

Ja, neben dem Stress, um den es ja geht, gibt es auch noch andere “Verdächtige” Migräneauslöser. Ich kenne jemanden der auf den Geruch von Dieselöl/Heizöl mit Migräne reagiert. Ein anderer mit bekannter Mensch hat Migräne seit seinem Schlaganfall (jugendliche Variante, Alter < 35 Jahre).

#4 |
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Psychotherapeut

@ Dr. Christine Amrhein:
Verneri Anttila, Bendik S. Winsvold, Padhraig Gormley et al (2013)
‘Genome-wide meta-analysis identifies new susceptibility loci for migraine’.
Nature Genetics. DOI: 10.1038/ng.2676
Published online 23 June 2013; URL: http://www.nature.com/doifinder/10.1038/ng.2676

#3 |
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Petra Heiermann
Petra Heiermann

Ich hatte 27 Jahre lang Migräne und habe auch lange Jahre auf Entspannungstechniken gebaut, doch diese haben keine Anfallsreduktion bewirkt. Erst eine Umstellung der Ernährung vom labilen Kohlenhydratstoffwechsel (keinen Industriezucker, so wenig Getreide wie möglich) auf stabilen Fettstoffwechsel, sowie auch mal Verzicht auf Nahrung hat eine Minderung und schließlich einen Anfallsstop bewirkt. Ich kann sagen, dass ich geheilt bin, obwohl Migräne in der Schulmedizin als unheilbar gilt.

#2 |
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Medizinjournalistin

Die Literaturquelle stammt von 2012 … Gibt es da noch einen aktuelleren Artikel?

#1 |
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