Liebe: Das Transmitter-Gewitter

11. Oktober 2013
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„Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit“, diese Ansicht vertrat der Philosoph Platon. Aus molekularbiologischer Sicht sind Verliebtheit, Liebe, Hass und sogar Untreue vermutlich mehr die Störung des zerebralen, neurochemischen Gleichgewichts.

Jeder kennt das Gefühl beim ersten Rendezvous: Die Hände sind schwitzig, das Herz schaltet in den Tachykardiemodus, die Zunge klebt am Gaumen. Interessanterweise fühlt sich die „Vorfreude“ auf einen schmerzhaften Zahnarzttermin genauso an. Auch das auslösende Hormon ist dasselbe: Adrenalin. In freudiger Erwartung auf das Date interpretieren wir dieses Gefühl als Schmetterlinge im Bauch und vor dem Arzttermin als Aufregung oder gar Panik. Bei der Verliebtheit wird das „Feuerwerk der Hormone“ als angenehm empfunden, weil weitere Transmitter uns „den Verstand rauben“.

Wenn das Dopamin sich im Nucleus vergnügt

Das wohl wichtigste „Belohnungszentrum“ ist Teil des mesolimbischen Dopaminsystems: die VTA-Region (ventral tegmental area) und der Nucleus accumbens. Diese Regionen haben wir mit allen Säugetieren gemeinsam. Der nächste Solist im Konzert der Liebestransmitter hat hier seinen Angriffspunkt: Dopamin. Wird es freigesetzt, empfindet man ein „Gefühl der Zufriedenheit“ für belohnenswerte Aktionen wie Sozialverhalten, Nahrungsaufnahme und Fortpflanzungsaktivitäten. Der Verliebte gerät regelrecht in einen Rausch. Auch viele Drogen spielen mit den dopaminergen Synapsen. In den 1960er Jahren waren sogenannte „Lovepills“ in, ephedrinähnliche Substanzen, die die dopaminergen Synapsen zum Platzen bringen. Nicht selten wurden diese Liebespillen dem Zielpartner unbemerkt verabreicht. Der Theorie nach musste man sich nur noch in seiner Nähe aufhalten und Blickkontakt suchen, wenn die Wirkung einsetzt. Der Dopaminüberschuss wurde vom „Opfer“ als Verliebtheit interpretiert. Dumm nur, wenn ausgerechnet jetzt der Kellner die Drinks serviert.

Amor als Serotoninräuber

Der dritte Spieler ist Serotonin. Das Serotoninsystem entspringt im Mittelhirn in den Raphe-Kernen (Nuclei raphes). Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Serotoninrezeptoren. Ein ausgeglichener Serotoninspiegel sorgt für Ausgeglichenheit und innere Ruhe. Frisch Verliebte leiden an einem hochakuten Serotinmangelsyndrom. Der Gehalt ist so niedrig wie bei einigen psychiatrischen Erkrankungen. Ein Serotoninmangel passt nicht so recht ins Bild des „belohnten Liebenden“, denn auch Serotonin agiert im Belohnungssystem. Warum ist also der Transmitterspiegel niedrig und nicht hoch? Evolutionsbiologisch ist der Sinn nicht hinreichend geklärt. Dieser Mangelzustand versetzt den Verliebten in den Zustand eines Zwangsneurotikers. Verliebte können sich stundenlang einer Sache widmen. Das Rupfen von Blütenblättern und das orakelhafte Abzählen („sie liebt mich, sie liebt mich nicht, …“ ) ist der Gipfel der amourösen Zwangshandlung. Geht die Verliebtheit in Liebe über, normalisiert sich der Serotoninspiegel wieder. Für extreme Verliebtheit existiert sogar ein Fremdwort: Limerenz. Darunter versteht man das geradezu besessene konsequente Denken an die geliebte Person. Das Neurotropin NGF könnte zu diesem Zustand beitragen; es ist bei Verliebten für etwa ein Jahr in erhöhten Konzentrationen nachweisbar.

Und dann gibt es da ja noch das Hormon Oxytocin. Je mehr davon in der Phase des Verliebtseins ausgeschüttet wird, desto höher sind die Chancen, dass die emotionale Bindung an den Partner auf lange Sicht erhalten bleibt. Oxytocin scheint also auf tief greifende Gefühle wie Liebe und Treue einen Einfluss zu haben. Ideal wäre ein Oxytocinschnelltest, dieser würde eine prospektive Aussage ermöglichen, ob aus dem One-Night-Stand nicht doch lieber eine Dauerbeziehung werden könnte und sollte.

Monogam dank Molekül

Verabreicht man Präriewühlmäusen, dem Vorbild ehelicher Treue, einen Oxytocinblocker, verhalten sie sich wie lasterhafte und polygame Bergwühlmäuse. Die Präriewühlmaus (Microtus ochrogaster) gehört zu den etwa fünf Prozent der Säugetierarten, die im Regelfall lebenslang monogam leben. Andersrum geht’s auch: Injiziert man der von Natur aus promisken Bergwühlmaus (Microtus montanus) Oxytocin und Vasopressin, wird sie treu. Diese Treue der kleinen Nager ist jedoch nicht angeboren, sondern auch einer Mutation zu verdanken. Nach der ersten Paarung nimmt die Rezeptordichte für Serotonin und Vasopressin bei den Präriewühlmäusen zu. Dem Neurowissenschaftler Mohamed Kabbaj der Florida State University in Tallahassee gelang es, die Rezeptoren auch ohne Paarung zu vermehren. Allein durch soziale Reize gelang es, den Partner bedingungslos treu zu machen, auch ohne Sex.

Sind diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar? Eine Treuetablette in Sicht? Tablette nicht, Oxytocin würde nicht aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert werden. Aber ein Nasenspray wäre denkbar. Sprayen statt Swingen? Leider auch nicht machbar. Das Hormonsystem des Menschen ist ungleich komplexer aufgebaut als das der Nager.

Frau Fisher und die Liebe

Nicht nur die Chemie ist bei Verliebtheit und Liebe unterschiedlich, auch die anatomische Anregung im Gehirn. Bei der Verliebtheit wird bei beiden Geschlechtern der Caudate Nucleus, ein C-förmiger und reich mit Rezeptoren für das Hormon Dopamin ausgestatteter Teil in der Mitte des Gehirns, aktiviert. Auch die VTA-Region arbeitet auf Hochtouren. Das sind die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um die New Yorker Anthropologin Helen Fisher. Sind also Mann und Frau in Liebesdingen gar nicht so verschieden? Doch!

Bei verliebten Frauen sind die Areale aktiv, die für Aufmerksamkeit und die Verarbeitung von Gefühlen und Erinnerungen notwendig sind. Bei Männern werden Areale im oberen Schläfenlappen aktiviert, die für sexuelle Erregung, inklusive Erektion, und visuelle Stimulation stehen.

Bei Liebe werden andere Gehirnregionen aktiv. Jetzt sind auch Bereiche im Gehirn aktiv, die bei frisch Verliebten brachliegen – der Anteriore Cinguläre Cortex und der Insulare Cortex. Das fanden Andreas Bartels vom Tübinger Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik und sein Kollege Semir Zeki vom University College in London heraus. Diese beiden Hirnregionen sind vermutlich daran beteiligt, das Hormonchaos zu regulieren. Liebe und Verliebtheit haben nicht denselben Locus im Gehirn. Aber nicht nur diese „geografischen“, sondern auch die damit verbundenen neurochemischen Unterschiede verdeutlichen, dass die Gefühlszustände nicht identisch sind. Ihre jeweilige Chemie unterscheidet sich wie ein Aufputschmittel von einem Entspannungsdrink.

Und Schluss!

Wenn Verliebtheit und Liebe Hormonchaos anrichten, was ist dann mit Liebeskummer und Trennung? Seit Anfang der 1990er Jahre ist dieses Phänomen unter dem Begriff „Broken-Heart-Syndrom“ oder stressbedingte, dilative Kardiomyopathie bekannt. Das Herz der (meist weiblichen) Patienten nimmt durch zu viel Adrenalin die Form eines japanischen Tontopfes an, mit dem man Tintenfische fangen kann: Tako-Tsubo, und so heißt das dazugehörige Syndrom. Aus Herzrasen wird Flimmern, die Kammern machen gleich mit. Sind Männer abgebrühter, weil sie nur in zehn Prozent der Fälle ein derartiges Syndrom entwickeln? Frauen sind dafür besonders jenseits der Menopause prädestiniert. Der Estrogenmangel macht das weibliche Herz empfindlich gegenüber sympathoadrenergen Reizen. Der untere Teil der linken Herzkammer gibt sich geschlagen und gibt auf. Herzgefäße ziehen sich zusammen und es kommt zur Ischämie. Sogar Herzenzyme wie Kreatinkinase (CK), Kreatinkinase-MB (CK-MB) und Troponin T können marginal erhöht sein. Das Protein Sarcolipin kommt bei den Patientinnen in auffällig hohen Konzentrationen im Herzgewebe vor. Das Membranprotein reguliert die Aktivität einer Calciumpumpe. Zusammen mit anderen Mediator-Proteinen stört es in der Akutphase vermutlich die Freisetzung von Calcium. Wenig Calcium = wenig Kontraktionskraft.

Das Datinghormon

Eine hormonelle Dysregulation kann sogar das Seitensprungverhalten von Frauen beeinflussen. Das berichtet die Psychologin Kristina Durante in der Fachzeitschrift Biology Letters der britischen Royal Society. Sie befragte Frauen zu ihrem Sexualverhalten und bestimmte die Hormonlevel. Je höher der Estradiol war, desto mehr Seitensprünge wurden angegeben. Der Spiegel korrelierte auch mit Attraktivität und der Anzahl der Sexualpartner. Frauen mit hohen Werten schätzen sich zudem selber auch als attraktiv ein.

Testosteron, die Labertasche

Männer mit erhöhten Testosteronwerten sind übrigens besonders eloquent, mit steigendem Spiegel nimmt jedoch auch die Aggressivität zu. Man(n) könnte annehmen, dass beim starken Geschlecht in der Phase der Verliebtheit der Testosteronspiegel ansteigt. Das Gegenteil ist der Fall, bei Frauen ist ein Anstieg des Spiegels erkennbar. Der evolutionsmäßige Sinn könnte an dem Angleichen störender Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern sein. In der „Werbungsphase“ verzeiht man dem Partner viel mehr als später. Nach ein bis zwei Jahren haben sich die Level wieder normalisiert.

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11 Kommentare:

Dr. med. Gundel Plum
Dr. med. Gundel Plum

Es ist schon interessant zu wissen, wie das Gewitter funktioniert, aber ist die wesentliche Frage nicht die nach dem Auslöser?
Dr. med. Ursula Plum

#11 |
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ich würde auch gern mal wissen, woher Sie diese recht absolut vorgetragene Gewissheit haben, Herr Friedrich? Quellenangaben?

#10 |
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Medizinjournalist

Hallo Herr Friedrich,

ganz herzlichen Dank fuer Ihre interessante Meinung!! Spannende Kausalkette. Aber vermutlich ist es komplexer: finden wir Jemanden interessant, wird eine dominoartige Kettenreaktion ausgelöst, dir dann zu dem Gefuehl führt. Also drei Phasen, dass macht es leider nicht einfacher…

#9 |
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Heilpraktiker Lars Friedrich
Heilpraktiker Lars Friedrich

Interessanter Artikel, der leider dazu verleiten könnte, Ursache und Wirkung miteinander zu verwechseln.
Liebe ERZEUGT diese hormonellen Veränderungen und bewirkt über diesen biochemisch-physiologischen Prozeß die im Artikel erwähnten Veränderungen der Verhaltensweisen im Vergleich zu “nicht-verliebtem” Verhalten.
Dass man mit Hormongaben Verhalten steuern kann, ist kein Gegenbeweis. Wenn ich mich entscheide von A nach B zu reisen ist das Auto nur das Vehikel, quasi der “physiologische Mechanismus”. Der “materiellen” Umsetzung und Durchführung des Vorhabens von A nach B zu reisen geht aber zunächst eine “nicht-materielle” Entscheidung (Idee, Gedanke, Gefühl) voran. Wenn ich nun gegen meinen Willen in ein Auto gesetzt und von A nach B gefahren werde, sind die sichtbaren Ergebnisse zwar die selben (ich sitze in einem Auto und gelange nach B), aber der Ursprung, mein Wunsch dorthin zu gelangen bestand nicht. Somit induzieren die Hormone zwar die “Wirkungen” von Liebe, sind quasi die Werkzeuge der Liebe, aber weder ihre Ursache noch die Liebe selbst. Dies sind quasi dann pathologische Gefühle, weil chemisch durch Hormone erzwungen, vergleichbar mit eine Erotomanie.
Die Liebe steht, im Normalfall des sich Verliebens und der Liebe, VOR allen biochemischen Vorgängen.

#8 |
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interessant

#7 |
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Gabriele Papenhagen
Gabriele Papenhagen

Ein sehr guter und sehr interessanter Beitrag.
Vielen Dank Herr Bastigkeit :-)

#6 |
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Liebe und Sexualverhalten–offenbar Ursache eines gewaligen hormonellen Bombardements,ich dacht´s mir schon.
Dr.W.D.Albrecht

#5 |
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N.Walther
N.Walther

…also doch krank! Und manchmal sogar unheilbar…;-))

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

;-) Na dann…wars das wohl..lach..!

#3 |
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Hierzu kann ich Richard Daniel Prechts Buch ,”Die Liebe ein unordentliches Gefühl”,
empfehlen!
Dr.R.Mösch

#2 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Vermutlich hat die Evolution dafür gesorgt, dass wir erst zu Bewußtsein kommen, wenn die maßgeblichen Zeugungsakte vorüber sind, um den Fortbestand der Menschen zu sichern. Bis dato hat dies jedenfalls funktioniert.

#1 |
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