Sezieren, präparieren – Anatomie!

24. Juli 2008
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Das Gebiet Anatomie umfasst die Lehre vom normalen Bau und Zustand des Körpers mit seinen Geweben und Organen einschließlich systematischer und topographisch-funktioneller Aspekte, sowie der Embryologie.

Das Interview haben wir mit dem Facharzt für Anatomie, Herrn Dr. med. Steffen-Boris Wirth, geführt. Herr Dr. Wirth hat derzeit u.a. einen Lehrauftrag in der Anatomie am neuen Mannheimer "Marekum" (Mannheimer reformiertes Curriculum für Medizin – Universität Heidelberg).
(DSW = Dr. Steffen-Boris Wirth / MS = medizinstudent.de)

MS: Was stellt für Sie persönlich das Interessante oder Besondere Ihres Berufes dar?
DSW: Ich gehöre nicht zu den Spezialisten, die gerne von Ihrem Hauptfach behaupten, es sei das einzig Wahre. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass die Anatomie nicht einen wesentlichen und zentralen Teil der gesamten Medizin darstelle.
Nur von ihr ausgehend kann eine klinisch-orientierte und fächer-übergreifende Lehre hervorragend vermittelt werden. Durch Klarheit, Systematik, sinnvolle Verknüpfungen und dem Einfügen der Wissenselemente in übergeordnete Zusammenhänge muss ein guter Dozent das "vernetzte Denken" gleichsam mit den Studenten "leben". Gemeinsame Aktivität und Begeisterung für dieses wundervolle Fach prägen meine Haltung und Lehreinstellung.
In der Medline ausgesuchte Publikationen und case reports zu Anatomie, Klinik, Sportmedizin, Physiotherapie u.a. können – miteinander verzahnt – aufgearbeitet und in die Lehre eingebaut werden.
Alle Medien finden hervorragend in der Anatomie ihren Einsatz, wie Videofilme, Powerpointpräsentationen, anatomische Modelle, Plastinationspräparate und echte menschliche Körper.

MS: Sieht denn Ihre tagtägliche Arbeit auch wirklich so aus, wie Sie Sich das vielleicht während des Studiums oder Ihrer Facharztausbildung gedacht haben?
DSW: Ein klares Ja! Bereits in der Anfangsphase meines Berufslebens als AIP im Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Heidelberg wurden meine Lehrfähigkeiten von meinem ersten Chef, Herrn Prof. Wilhelm Kriz (Ordinarius für Anatomie und Zellbiologie) sehr gefördert und unterstützt.
In Gutachten von Frau Prof. Heym und Herrn Prof. Unsicker, wurden die Lehrfähigkeiten lobend hervorgehoben, für mich eine starke Motivation, diese weiter auszubauen. Als Anatomie-Dozent in der Abteilung "Anatomie und Entwicklungsbiologie" des CBTM (fachübergreifendes biomedizinisches Zentrum) am neu im Herbst 2006 entstandenen MaReCuM (Mannheimer reformiertes Curriculum für Medizin) der Universität Heidelberg arbeite ich zusammen mit Herrn Prof. Ralf Kinscherf didaktisch wertvolle, neuartige Konzepte der klinischen Lehre aus.
Die Kinscherf-Wirth-Konzepte basieren auf einer individuellen mehr als 10- bzw. 20-jährigen Lehr- und Prüfungserfahrung, auf eigener Teilnahme an Fortbildungen zu neuesten didaktischen Methoden und auf die deutschlandweit bekannten Wirth-Repetitorien "Anatomie- Embryologie-Histologie" für Studierende der Medizin zum M1 (1. med. Staatsexamen, früheres Physikum) und für Physiotherapeuten zu ihren Examina.
Die Konzepte treffen im Studiengang des MaReCuMs auf ein sehr positives Echo. Umgesetzt werden sie in Kleingruppen- Objektseminaren. Dies sind Präpariersaal-Analoga mit den qualifizierten anatomischen Somso-Modellen, Plastinationsscheiben, Plastinationspräparaten und echten Demonstrationskörpern in einer für die Studierenden optimalen Studenten-Dozenten-Relation.
Die studentische Evaluierung der Lehre fiel für uns sehr positiv aus, was uns sehr motiviert, unsere Lehrdidaktik in dieser Richtung weiterzuentwickeln.
Als fächerübergreifender Dozent und Leiter des Fachbereichs "Wissenschaftstransfer" unterstütze ich das neue "Didaktik- orientierte" Konzept am Privatinstitut für medizinische und psychologische Bildung "me-di-kom" von Dr. Damir Lovric und Dr. Andreas Reinert.
Seit ca. 12 Jahren unterrichte ich fächerübergreifend neben Anatomie und Physiologie 10 weitere medizinisch-klinische Fächer an der Lehreinrichtung für Physiotherapie der orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg-Schlierbach. Ich glaube sagen zu dürfen, dass ich einer der ersten war, der die fächerübergreifende, klinisch-orientierte Anatomie systematisch gelehrt hat und diesen Begriff auch mitgeprägt hat.

MS: Wie haben Sie denn prinzipiell Ihre Ausbildungszeit empfunden?
DSW:
Die Ausbildungszeit hat mir sehr viel Freude gemacht. Famulaturen u.a. in Australien und auf einer Leprastation in Sumatra und Heilpflanzenstudium auf den Botanik-Exkursionen u. a. nach Georgian, North/South-Corolina, Tennessee und Florida während meines Biologie- Diplom und Biologie- und Chemie-Lehramt- studiums halfen meine Abenteuerlust zu stillen. Die medizinischen Lehrinhalte in meinem Studium waren unvollständig. Es wurde zu wenig fächerübergreifend gelehrt. Auch heute noch ist es nicht selbstverständlich, dass in allen Bereichen an den medizinischen Universitäten sehr gute Lehre angeboten wird.
Ich war animiert, Lehre zu verändern. Daher bot ich bereits als Student Repetitionen für Studenten an, in denen ich vor den Klausuren den Lehrstoff übersichtlich präsentierte, mit Lernhilfen und klinischer Orientierung, so wie ich mir das immer gewünscht hätte. So wurde der Grundstock für meine Tätigkeit als anatomischer Repetitor gelegt.

MS: Worauf sollte man Ihrer Meinung nach während der Ausbildung besonders achten?
DSW:
Anatomie hat sich gewandelt. Die Anatomie, die ein Kliniker benötigt, sollte in Kooperation mit Biologen und Medizinern klinisch-orientiert gelehrt werden. Auf Vielfalt sollte geachtet werden, auf Horizonterweiterung auf allen Ebenen der Medizin, in die man die Kenntnisse der Anatomie einbauen kann und auf klar konzipierte und durchdachte Lehrkonzepte.
Die Lehrkonzepte wie die oben erwähnten Kinscherf-Wirth-Konzepte sollen ärztliche Kernkompetenzen vermitteln, naturwissenschaftlich ausgerichtet sein, fächerübergreifend klinische Lehrinhalte ins Grundstudium integrieren und durch sinnvolle kontinuierliche Leistungsüberprüfung und Leistungsrückmeldung durch Mentoren- programme die Studierenden optimal im Zeit-Leistungsverhältnis der heutigen Wissensflut unterstützen.
Leider wird Didaktik an vielen Universitäten immer noch zu wenig ernst genommen. Doch immer mehr Lehrende erkennen diese Defizite. Neben dem MaReCuM entstehen mittlerweile Institute, die mit großem Aufwand eigene Lehrkonzepte und Lehrmaterialien entwickeln und damit innovative Impulse setzen. Ein solches Institut ist "me-di-kom". Medikom, dessen Konzepteffizienz durch wissenschaftliche Studien an der Universität Köln belegt wurde, bietet ab Herbst 2007 didaktisch hochwertige Seminare und Prüfungsvorbereitungen für unterschiedliche medizinisch- therapeutische Berufsgruppen an. Wie am MaReCuM liegt auch dort die Betonung auf der Didaktik und der Ausarbeitung effektiver und innovativer Lehrkonzepte.
In Zusammenarbeit mit klinischen Fachdozenten sollten didaktisch ausgefeilte Lehrkonzepte für die Anatomie stets weiterentwickelt werden. Es geht um Verständnis und Begreifen von Zusammenhängen, um den starken Praxisbezug und damit auch um ein "Lernen für das ärztlich-therapeutische Leben".

MS: Wie schätzen Sie denn die Weiterbildungsmöglichkeiten im Fachgebiet "Anatomie" ein?
DSW:
Sehr gut. Als vielseitiger Facharzt für Anatomie können viele Inhalte medizinischer und physiotherapeutischer Kongresse in die Lehre integriert werden. Dank zahlreicher Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Disziplinen und mit vielen Fachkollegen bestehen viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Die Anatomie lebt…

MS: Herr Dr. Wirth, wir danken Ihnen herzlich für das wirklich interessante Gespräch!

 

Das ungekürzte Interview mit Herrn Dr. Wirth steht in unserem Bereich Facharzt Anatomie .

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