Stoffwechselerkrankungen: Fettmasse als Indikator

7. Oktober 2013
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Bei der Einschätzung des Risikos, durch Übergewicht an Störungen des Stoffwechsels zu erkranken, setzt man bislang vor allem auf die Ermittlung des BMI. Forscher entwickeln nun Prognoseverfahren, bei denen die Verteilung der Fettmasse im Körper eine wichtige Rolle spielt.

Die Einschätzung des Risikos, durch Übergewicht bzw. Fettleibigkeit an Störungen des Stoffwechsels zu erkranken, bedarf geeigneter Prognoseparameter. Bislang setzt man dabei in der klinischen Praxis vor allem auf die Ermittlung des Body Mass Index (BMI = kg/m2). Dieser Index wird über die Empfehlung des britischen Ernährungswissenschafters John Garrow seit 1985 primär zur Risikoabschätzung eingesetzt. Forscher der Medizinischen Universität Graz entwickeln nun aussagekräftigere Messverfahren, bei denen die Verteilung der Fettmasse im Körper eine entscheidende Rolle bei der Verifizierung des Risikos für Stoffwechselerkrankungen einnimmt.

Body Mass Index vs. Fettmasse

Bei der Ermittlung des Body Mass Index werden lediglich die Parameter Körpergewicht und Körpergröße berücksichtigt. Dadurch ist der BMI ein grober Richtwert, da weder das Alter oder Geschlecht, noch der Anteil des Muskelgewebes in die Ermittlung einfließen. Seit Beginn der 1980er Jahre wird der BMI auch von der WHO als Messgröße zur Bestimmung von Fettleibigkeit angewendet. Ergebnisse aus groß angelegten Populationsstudien ergeben bei einem BMI > 30 eine verstärkte Inzidenz von kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen. Betrachtet man dieses Ergebnis statistisch über die gesamte Bevölkerung ist die Aussage zwar richtig, jedoch ist der BMI zur Bestimmung der tatsächlichen Gesundheit des Einzelnen nicht immer das richtige Instrument, da zum Beispiel der Anteil der Muskelmasse bei der Messung völlig unberücksichtigt bleibt.

Dies führt zum sogenannten „Obesity Paradoxon“, sprich der Tatsache, dass manche Personen mit einem BMI > 30 sich sogar besserer Gesundheit erfreuen, als normalgewichtige Personen mit einem BMI < 25. In diesem Fall ist der BMI kein geeigneter Indikator zur Feststellung des Risikos an einer Stoffwechselstörung zu erkranken. Deshalb liefert die Verteilung der körpereigenen Fettmasse bessere Daten zur Risikoabschätzung.

Entwicklung von Messverfahren zur klinischen Diagnostik

Unter der Leitung von Assoz.-Prof. Dr. Sandra Wallner-Liebmann, Forschungseinheit „Ernährungsforschung/Nutrition and Metabolism“, wird an der Med Uni Graz schon seit einigen Jahren an der Entwicklung neuer Messverfahren zur besseren Prognose von Stoffwechselerkrankungen geforscht. Dabei liegt der Fokus auf dem Verhältnis von Körpergewicht und Fettmasse. Im Rahmen eines Dissertationsprojekts mit internationaler Beteiligung stellt Sandra Wallner-Liebmann die Wichtigkeit der Fettmessung im Vergleich zur Bestimmung des BMI dar. „Besonders starke Aussagekraft hat die Fettmessung vor allem auch bei der geschlechtsspezifischen Risikoeinschätzung, ein Aspekt der mit dem BMI nicht erreicht werden kann“, so Sandra Wallner-Liebmann.

„In vergleichenden Studien unterschiedlicher Messsysteme, wie Computer Tomographie, Magnet Resonanz, Dual-Röntgen-Absorptiometrie, Plethysmographie, Lipometer (Möller Messtechnik, wurde an der Med Uni Graz entwickelt und Anfang April 2009 als Medizinprodukt europaweit zertifiziert), Ultraschall, Bioimpedanz, Kaliper werden diagnostikrelevante Zugänge für diverse Krankheitsbilder, Altersstufen, aber auch Lebensstilprofile entwickelt und validiert“, erläutert Sandra Wallner-Liebmann.

Differenzierte BMI-Klassifizierung notwendig

Vor allem in Betracht auf körperlich aktive junge Menschen, welche durch sportliche Betätigung oft eine höhere Muskelmasse aufweisen und damit einhergehend auch ein höheres Körpergewicht haben können, scheint der BMI als Parameter zur Ableitung des Lebensstils und des damit einhergehenden Gesundheitszustandes ungeeignet. „Wir möchten in den kommenden Jahren an der weiteren Schärfung der Messgenauigkeit  durch zielgruppenorientiert standardisierte Methodenanwendung arbeiten und damit einen Beitrag zur Entwicklung einer differenzierten BMI-Klassifizierung für einzelne Bevölkerungsgruppen leisten. Darüber hinaus werden wir das komplexe Zusammenspiel von Energie-und Geschmackssensoren mit der Fettmasse als zentrale Drehscheibe unseres Essverhaltens weiter beforschen“, so Sandra Wallner-Liebmann abschließend.

Originalpublikationen:

Detecting Body Fat-A Weighty Problem BMI versus Subcutaneous Fat Patterns in Athletes and Non-Athletes
Renate Kruschitz et al.; PLoS One, doi: 10.1371/journal.pone.0072002; 2013

Physiology. The health risk of obesity – better metrics imperative
Rexford S. Ahima, Mitchell A. Lazar; Science, doi: 10.1126/science.1241244; 2013

25 Wertungen (3.96 ø)

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4 Kommentare:

Ärztin

@ Kaufmann
leider sieht man den schweren Menschen nicht immer die Muskulatur die unter dem Fettgewebe steckt an. Häufig werden sehr muskulöse Menschen mit mäßigem Fettansatz schon für “zu fett” erachtet. Sie haben auch oft einen BMI deutlich über 35.
Was leider auch sehr oft übersehen wird ist, dass wirklich kranke Menschen sehr viel Flüssigkeit eingelagert haben. Diese Menschen wirken auch im Gesicht oft sehr aufgedunsen und bewegen sich sehr schwerfällig. Auch sie werden gerne als “fett” dargestellt. Insgesamt werden Menschen, die nicht den derzeitig modernen Normmaßen (forever young) entsprechen noch oft als fettleibig diskriminiert.

#4 |
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Es ist ein alter Hut, dass der BMI nur eine grobe Übergewichtseinteilung darstellt,
die sich wegen der Einfachheit durchgesetzt hat, aber als individueller Prognosefaktor erst über 40 ausreichenden Krankheitswert dokumentiert.
Wesentlich genauer ist schon das Verhältnis von Größe zu kleinstem Bauchumfang, das also die Fettlokalisation berücksichtigt.
Ein körperlich wirklich aktiver ist bis mindestens BMI 35 gesünder und hat eine höhere Lebenserwartung als ein “normalgewichtiger” couch-potato.

Die “Krankheit” ist also der Stoffwechsel nicht das Gewicht als solches,
auch Muskeln sind sehr schwer, aber sehr gesund!
Frauen haben leichte Vorteile durch ihr Östrogen, das übrigens auch bei stärkerem Übergewicht deutlich leidet.
Man könnte fast sagen “Optik” geht hier analog zur Gesundheit.

mfG

#3 |
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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Weiß nicht, ob man da so viel messen nd forschen muß. Den meisten Leuten sieht man es doch an, ob sie schlapp sind oder nicht.

#2 |
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Ärztin

Im Ansatz gefällt mir die Studie, insbesondere wird endlich zwischen Alter, Geschlecht, Fettmasse und Muskelmasse differenziert.
Allerdings sollte man sein Augenmerk einmal auf stoffwechselbedingte bzw durch Stoffwechselerkrankung bedingte Fettleibigkeit und nicht auf Stoffwechselerkrankung durch Fettleibigkeit setzen. Schließlich gibt es einen Grund weshalb manche Menschen bei gleicher Ernährungs-und Bewegungssituation schlank bleiben und andere nicht.
Selbst bei (noch) schlanken Menschen ist nicht jeder vom Körperbautyp Leichtathlet (für den die BMI-Bedingungen zutreffen) sondern
“Mischtyp” oder Schwerathtlet
Schade, wenn wieder nur junge sportlich aktive Menschen untersucht werden sollen. Diese haben in der Regel noch gut funktionierende Stoffwechselfunktionen, vor allem, wenn sie sportlich aktiv sind bzw sein können.
Menschen, die nicht mehr in der jugendlichen Aufbauphase, sondern bereits in der Phase körperlichen Abbaus (ab ca. 30J.) sind, sind die Gruppe mit nachlasssender Stoffwechselleistung und damit auch statistisch sichtbar diejenigen mit zunehmenden BMI-Werten. Hier gilt es zu belegen, dass Menschen mit grundsätzlich mehr Muskelmasse (ich nenne sie einmal “Anaboliker”) auch zu mehr Fettansatz neigen als der leptosome oder Läufertyp.
Aber sind das wirklich neue Erkenntnisse? Wenn man nur die vier Grundtypen:
1. wenig Muskulatur, wenig Fettgewebe – Leichathlet
2. wenig Muskulatur, viel Fettgewebe – Pykniker
3. viel Muskulatur, wenig Fettgewebe- Athlet
4. viel Muskulatur, viel Fettgewebe -Schwerathlet (im Alter sehr korpulent)
voraussetzt, einen zusätzlichen Umbau von Muskelgewebe in Fettgewebe als Alterungsprozess berücksichtigt und all die vielen Einflüsse wie Ernährung, Bewegung, Erkrankungen, Umelteinflüsse wie Nahrungszusätze/Zusammensetzung industrieller Nahrung, Umwelt/Luftverschmutzung/chronische Vergiftungserscheinungen, Stoffwechselalterationen durch chronische Schwermetall- und Pestizidbelastung, Medikamenteneinflüsse, Tag/Nachtarbeit uvm inpliziert, dann muss man sich nicht mehr über dicke Menschen wundern.

#1 |
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