Neues vom Tchibo-Onkel

6. August 2008
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Dass Kaffeeanbieter längst zu potenten Vermarktern fremder Leistungen avancierten ist bekannt - doch jetzt prescht Branchenprimus Tchibo mit einem Novum vor: Im Angebot des erfolgreichen Rösters befindet sich erstmals auch eine gesetzliche Krankenkasse. Kalter Kaffee, oder wirklich gut? Wir haben uns das Angebot genauer angeschaut.

Denn die Aktion ist, schon rein juristisch betrachtet, nichts anderes als reine Werbung: Tchibo darf Mitglieder einer Kasse der GKV nicht vermitteln, sondern lediglich für die Kasse per se werben. Das beherrscht der Konzern offensichtlich perfekt. Ein eigens dazu versandter Newsletter des Konzerns informierte am vergangenen Freitag all jene, die bislang Kaffee-, Klamotten- oder Dessousangebote erwarteten, was nun angeblich in Punkto Krankenversicherung zu tun sei: “Diagnose: günstig. Jetzt zu BIG – Die Direktkrankenkasse wechseln”.

Wechsel im Turbo-Tempo

Wer sich angesichts der Headline skeptisch zeigte, wurde umgehend aufgeklärt:
“Die Direktkrankenkasse ist eine der preiswertesten gesetzlichen Krankenversicherungen Deutschlands. Neben einem günstigen Beitragssatz werden Ihnen alle gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen sowie innovative Zusatzleistungen geboten. Wenn Sie jetzt wechseln, sparen Sie – je nach Einkommen und derzeitigem Beitragssatz – bis zu 400,- Euro im Jahr! Ihr Tchibo Bonus: Schnellwechsler erhalten bei Abschluss bis zum 31.12.2007 zusätzlich eine Auslandsreisekrankenversicherung für 1 Jahr von SIGNAL IDUNA kostenlos”.

Werbe-Beratung im Schnellverfahren, Wechsel im Turbo-Tempo, alles Weitere dann bei BIG? Tatsächlich sorgte der Tchibo-Vorstoß unter Fachleuten für Furore, selbst das Bundesversicherungsamt (BVA) nahm sich des Falls an.

Kein sexy Ergebnis

Denn gesetzliche Krankenkassen sind, anders als die privaten Pendants, Anstalten öffentlichen Rechts. Entsprechend sind die Bedingungen für eine Mitgliedschaft- auch bei der BIG – immer gleich. Wer von sich aus dorthin gelangt, erhält keine schlechteren Konditionen als jemand, der bei einem Kaffee den Weg über Tchibo wählt. Auch in Punkto Leistung vermag Tchibo keine Vorteile zu verschaffen, wie Stiftung Warentest dazu schreibt: “Gesetz und Satzung der Kasse regeln, was Versicherte zu zahlen haben und welche Leistungen sie dafür bekommen”. “Mit Tchibo hat das alles nichts zu tun. Der Kaffeeröster macht Werbung für die BIG”, kommentierte Stiftung Warentest die Aktion.

Ohnehin fällt das Urteil der Tester wenig sexy aus – und liest sich, im Gegensatz zu Tchibos Werbebotschaft, wesentlich nüchterner:

“Wo die BIG Spielraum hat, hält sie sich im Vergleich zu anderen Kassen zurück. Erweiterte Satzungsleistungen übernimmt sie nur in geringem Umfang, und bei der Erprobung und Förderung neuer Vorsorge- und Behandlungsmethoden bietet sie nur für wenige Indikationen Programme an”. Schwächen leiste sich “die selbsternannte “Direktkrankenkasse” auch beim Service. Tatsächlich erhielt der Tchibo-Liebling beim FINANZtest-Vergleich Krankenkassenservice- und -beratung lediglich ein “ausreichend”. Schlechter als das ging kaum: Nur die BKK ATU und die IKK-Direkt platzierten sich in diesem bereich noch ungünstiger.

Werbung ja, aber bitte kein Abschluss

Der Vorstoß der BIG beschäftigte indes neben Qualitätsprüfern auch Sozialrechtler. Denn Anstalten des Öffentlichen dürfen keine Provisionen für die Vermittlung neuer Mitglieder bezahlen. Hingegen, und darauf basiert die Tchibo-Aktion, ist Werbung erlaubt. Mitunter ein Grund, warum auch das Bundesversicherungsamt (BVA) als Aufsichtsbehörde die Tchibo-Aktion duldet. Denn die Kasse zahlt nach eigenen Angaben lediglich einen vom Erfolg der Aktion unabhängigen Betrag an Tchibo – von Provision im juristischen Sinne ist demnach nicht die Rede.

Was für Patienten wichtig ist, wäre die Frage nach dem Preis der BIG-Mitgliedschaft. Der angebotene Beitragssatz der BIG ist mit 12,5 Prozent in der Tat günstig – doch es ginge noch besser. So bietet die IKK-Direkt einen aktuellen Beitragssatz von 12,0 Prozent an und rangiert damit von laut Stiftung Warentest an erster Stelle. Im Vergleich zur größten deutschen Krankenkasse, der DAK, macht das schon einen enormen Unterschied aus: 14,5 Prozent verlangt der Kassenriese aus Hamburg, ganze zwei Prozent mehr als die BIG.

Einfach ein wenig warten

Wer keinen gesteigerten Wert auf Beratung legt, kann guten Gewissens wechseln. Zumindest rein mathematisch lohnt der Eintritt in eine günstigere Kasse allemal: Bei einem Verdienst von 2500 Euro im Monat etwa ließen sich rund 25 Euro im Monat einsparen.

Zwei Dinge vergaß der Röster trotzdem zu erwähnen: Ein Wechsel funktioniert natürlich auch ohne Tchibo. Vor allem aber entpuppt sich die Aktion langfristig als Werbung für die Katz': Denn ab dem 1. Januar 2009 kommt der von der Bundesregierung eingeführte Gesundheitsfonds – spätestens dann haben alle Kassen der GKV den gleichen Beitragssatz.

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Kassen, Politik Wirtschaft

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