Kopfschmerzen “homemade”

8. August 2008
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Mit der Hitze im Sommer haben besonders Migränepatienten und andere kopfschmerzgeplagte Menschen ihre Last. Doch die Selbstmedikation ohne ärztliche Diagnose birgt Gefahr: Handelt es sich bei den Kopfschmerzen gar nicht um Migräne, wird aber trotzdem ein rezeptfreies Migränemittel eingenommen, droht Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch.

“Bei etwa 20 Prozent der Patienten in unserer Kopfschmerzambulanz diagnostizieren wir Kopfschmerz durch übermäßige Einnahme von Medikamenten”, konstatiert Prof. Dr. med. Ingo Wilhelm Husstedt, Neurologe am Universitätsklinikum Münster. Diese Menschen befinden sich in einem circulus vitiosus: Nur Patienten mit idiopathischem Kopfschmerz – und dazu zählen sowohl Migräne als auch Spannungskopfschmerz – können einen Kopfschmerz durch Medikamentenabusus entwickeln. “Aufgrund unzureichender Anamnese und die immer mehr ausgeweiteten Möglichkeit zur Selbstmedikation greifen viele Kopfschmerzpatienten auf Präparate zurück, die für die Therapie ihres Leidens überhaupt nicht geeignet sind.

Das betrifft häufig Menschen mit Spannungskopfschmerz, einer Schmerzkrankheit, die bei einer auf die Lebenszeit bezogenen Prävalenz von 30 Prozent weit verbreitet ist. Die Prävalenz von Migräne beträgt hingegen 14 Prozent”, weiß Prof. Husstedt im Interview mit DocCheck zu berichten. Aufgrund der sich für den Laien ähnelnden Symptomatik kann der Patient in den Irrglauben geraten, an Migräne zu leiden und besorgt sich in der Apotheke ein Mittel gegen Migräne – etwa das als sehr effektiv geltende Naratriptan, das seit April 2006 in der Dosierung von 25 mg Wirkstoff pro Tablette rezeptfrei verkauft wird.

Herunterfahren der Schmerzinhibition

Durch den überhöhten Gebrauch eines jeden Analgetikums kann es zu einem Herunterfahren der Schmerzinhibitoren kommen – auch mit einem Wirkstoff wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure. Bei diesen Präparaten liegt das gefährdende Potential bei  etwa 100 Tabletten pro Monat. Triptane sind ungleich potenter: der Effekt tritt sehr viel schneller auf und ist mit einer weitaus niedrigeren Menge erreicht, im Falle des rezeptfreien Naratriptan schon mit neun bis zehn Tabletten pro Monat, so die Aussage von Prof. Husstedt. Das Fatale daran: Wenn der an Spannungskopfschmerz leidende Patient dieses Medikament in erhöhtem Maße eingenommen hat, treten immer wieder dann Schmerzen auf, wenn der Wirkstoffspiegel im Körper abfällt –  das neue Krankheitsbild, der “hausgemachte” Kopfschmerz, hat sich manifestiert.

Ineinandergreifen von falscher Selbstdiagnose und -medikation

Hat der Patient dieses Stadium erst einmal erreicht, wird er sich in der Annahme, dass ihm ebendieses Präparat hilft, bestätigt fühlen: denn das Einzige, was dann gegen den Schmerz hilft, ist die erneute Einnahme  des Präparats. Tatsächlich wird durch weitere Einnahme aber nicht der zugrunde liegende Schmerz therapiert, sondern lediglich der durch die Medikamente induzierte Kopfschmerz. In der Praxis kommt man dem Ineinandergreifen von falscher Selbstdiagnose und -medikation recht einfach durch die Frage auf die Schliche, wann der Patient das letzte mal eine Woche lang ohne eine Kopfschmerztablette auskam. “Viele Patienten schauen dann groß und sagen, dass sei drei oder vier Jahre her. Damit haben sie im Grunde die Diagnose für den Kopfschmerz durch Medikamentenabusus”, so Prof. Husstedt.

Jeder Zweite ohne gesicherte Diagnose

Dr. rer. nat. Joachim Kresken, Fachapotheker für Offizinpharmazie und Arzneimittelinformation, hat den rezeptfreien Verkauf von Naratriptan seit April 2006 in seiner Viersener Apotheke beobachtet. Er und seine Mitarbeiter vergeben das Präparat erst auf die Nachfrage, ob ein Arzt das Vorliegen einer Migräne bestätigt habe., Dr. Kresken kommt zu dem Schluss, dass bei etwa jedem zweiten Kunden, der Naratriptan verlangt, keine ärztlich gesicherte Diagnose auf Migräne vorliegt. Der Apotheker empfiehlt auf Nachfrage von DocCheck seinen Kollegen, das potente Migränepräparat nicht ohne die Frage nach einer ärztlichen Diagnose abzugeben, um so die möglicherweise weit reichenden Folgen einer falschen Selbstmedikation einzudämmen.

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