Schmerzmittel häppchenweise

8. August 2008
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Heute gibt es fast alles "On Demand", seien es Filme, Musik oder Eintrittskarten. Gemeint ist die flexible und passgenaue Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen. Der Trend macht auch vor Krankenhäusern nicht halt. In einigen Kliniken in Florida wird deshalb gerade Medication on Demand mit Schmerz-Patienten getestet.

In den USA schrumpft die Zahl der Krankenpfleger. In den Krankenhäusern verursacht der Mangel an Pflegepersonal Stress bei Personal und Patienten gleicherweise. Wo es Verlierer gibt, da gibt es bekanntlicherweise auch Gewinner. In dem Fall sind es gleich zwei Unternehmen, die als Entwickler von “Medication on Demand” (MOD) aktuell in den Medien punkten. Die eine Firma, Avancen, LLC, wurde 2002 als Startup von der Erfinderin des MOD-Prinzips, Sharon Conley, gegründet. Als Onkologin am Halifax Health Medical Center in Florida hatte sie die Erfahrung gemacht, dass es aufgrund knappen Personals fast unmöglich ist, frisch operierte Krebs-Patienten immer zum richtigen Zeitpunkt mit Schmerztabletten zu versorgen.

RFID-basierte Medikation

Um die Rolle des zweiten Anbieters, der indischen Tochter Bartronics America Inc., zu verstehen, muss man wissen, dass das Unternehmen erst kürzlich RFID-Know-how in großem Rahmen eingekauft hat. U.a. die Firma Proximities, mit der Avancen zusammenarbeitet. Inzwischen wirbt auch Bartronics als Entwickler des RFID-Armbands für Medication on Demand. RFID (Radio Frequence Identification) bietet die Möglichkeit, Daten über Funk zu lesen und zu speichern. Die Technologie wird heute überwiegend in Warensystemen und in der Logistik eingesetzt. Anders als beim Barcodeleser funktioniert RFID ohne direkten Kontakt zwischen Leser und Empfänger.

Zeitliche Entlastung des Pflegepersonals

Und so funktioniert MOD: Die Patienten, die sich mit Schmerztabletten per MOD selbst versorgen können, tragen ein spezielles Armband, das einen RFID-Chip enthält. Im Chip ist die Patienten-Nummer gespeichert, über die der Kranke von dem Arzneimittel-Spender identifiziert wird. Diese so genannte MOD-Station ist an einem Infusionsständer befestigt. Wenn der Patient sein Armband vor das Ausgabegerät hält, signalisiert eine grüne Lampe, dass ein Kontakt entstanden ist. Daraufhin kann der Kranke die Stärke seiner Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 einstellen. Die entsprechende Dosis wird dann automatisch zur Verfügung gestellt. Nach 45 Sekunden schließt sich das Tabletten-Fach wieder. Als Vorteil von MOD wird angeführt, dass einerseits der Patient die Schmerzmittel bedarfsgerecht verabreicht bekommt und andererseits das Pflegepersonal zeitlich entlastet wird.

Medikamenten-Missbrauch ausgeschlossen

Damit die selbstbestimmte Pillen-Ausgabe klappt, muss das MOD-Gerät vom Pflegepersonal mit den individuellen Patientendaten programmiert werden. Dabei wird u.a. gespeichert, in welcher Dosis und wie häufig das Medikament verschrieben wurde. Die Daten werden auf einem Windows-basierten PC oder Handheld mit einer speziellen Software erfasst und mit Bluetooth auf das MOD-Gerät übertragen. Um Medikamenten-Missbrauch durch Dritte auszuschließen, funktioniert die Programmierung nur mit einer speziellen Identifizierungskarte. Das Armband ist ebenfalls gegen Missbrauch abgesichert. Die einzige Möglichkeit, es zu entfernen, besteht darin, es durchzuschneiden. Damit wird gleichzeitig die Verbindung zum RFID-Chip gekappt, sodass eine weitere Verwendung unmöglich ist. Das MOD-Gerät inklusive der Software wird von Avancen für 2.995 US-Dollar angeboten. Hinzu kommen die Kosten für das Armband und den Pillenspender. Getestet werden die MOD-Geräte und das RFID-Armband momentan in rund einem Dutzend von Krankenhäusern, vorwiegend in Florida. Die bisherigen Erfahrungen wurden sowohl von Patienten als auch vom Pflegepersonal überwiegend positiv kommentiert.

Bei Kosteneinsparung auch für deutsche Kliniken interessant

Für die Zukunft ist von Avancen geplant, den Schmerz-Level des Patienten und die Medikations-Zeit drahtlos von dem Ausgabegerät zum elektronischen Krankenblatt zu übertragen. Das heißt, die Dokumentation der verabreichten Tabletten erfolgt automatisch, was zu einer weiteren Entlastung des Pflegepersonals führen soll. Auch in deutschen Kliniken werden Lösungen zur automatischen Tablettenausgabe unter Kostenaspekten interessiert verfolgt, wie DocCheck aus den Unikliniken in Köln und Jena erfuhr. Die Möglichkeiten von RFID werden bereits länger diskutiert. Praktiziert wird teilweise die automatische Dokumentation der verabreichten Medikamente.

RFID als Sicherheitsrisiko?

Abgesehen von den relativ hohen Equipmentkosten könnten RFID-Lösungen als Gefahrenquelle einen Dämpfer erfahren. Niederländische Forscher testeten RFID-Systeme an 41 Geräten in einer Intensivstation und kamen zu erschreckenden Ergebnissen. Groteskerweise verwendeten sie eine Testmethode, die den amerikanischen Empfehlungen zur Überprüfung der Verträglichkeit medizinischer Systeme auf Radiofrequenz-Sender entspricht. Die gerade veröffentlichte Studie berichtet über Zwischenfälle wie Infusionspumpen, die unter RFID-Einwirkung stehen blieben, Dialysegeräte, die die Blutwäsche beendeten oder externe Herzschrittmacher, die aus dem Tritt kamen.

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