Japsend in Peking

8. August 2008
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Ungefähr jeder fünfte Sportler, der ab dieser Woche in Peking an der Olympiade teilnehmen wird, braucht ein Asthmaspray, um genug Luft für Höchstleistungen zu bekommen. Dabei ist der Smog in Chinas Hauptstadt ein zusätzlicher Gegner schon vor dem Wettkampf. Doch auch nach Peking werden viele Sportler mit ihren Atemwegen kämpfen. Denn Asthma ist bei ihnen mittlerweile eine Berufskrankheit.

Für die Olympiasiegerin von 1992 sind es die fünften Olympischen Spiele. Die Amerikanerin Dara Torres wird in Peking wieder um die Medaillen mitschwimmen, obwohl die 41-jährige Sportlerin chronisch krank ist. Nur dank ihrer Medikamente kann sie mit der Konkurrenz mithalten. Mit ihrem Leiden ist sie jedoch bei weitem nicht allein. Rund 20 Prozent aller Teilnehmer an den Spielen, so schätzen Experten, leiden an Asthma.

Chlor und trockene Luft

Besonders bei Ausdauersportarten wie Radfahren und Langstreckenlauf, aber auch bei Schwimmern ist die Zahl der Athleten mit rasselndem Atem besonders hoch. Und sie steigt immer weiter an: In den letzten 25 Jahren hat sich der Anteil der Olympioniken, die an Belastungsasthma leiden, in etwa verdoppelt.

Das ständige Training in kalter und trockener Luft macht den Atemwegen zu schaffen. In einem Übersichtsartikel der Fachzeitschrift “Breathe” nennt der Norweger Kai-Hakon Carlson zwei Faktoren, die zur typischen Atemwegskrankheit bei Leistungssportlern beitragen: Der schnellere Atem verlangt nach einer Kühlung der Kanäle. Die Folge: Vasokonstriktion der Bronchialgefäße und Hyperämie mit einer Verengung der Atmewege. Zum zweiten stört der hohe Flüssigkeitsverlust bei trockener Luft das osmolare Gleichgewicht. Die dabei ausgeschütteten Entzündungsmediatoren bewirken dann ebenso die Konstriktion. Im Schwimmbecken sind es die Chlorverbindungen, die Atemwege reizen und zu entsprechenden Reaktionen führen. Sogar Schukinder, die viel Zeit im Hallenbad verbringen, erkranken leichter, so eine belgische Studie aus dem Jahr 2003.

Weit über den europäischen Grenzwerten

Belastet das Streben nach Höchstleistung allein schon Atemwege, kommt in Peking noch die Furcht vor Staub und Abgasen in der Luft der 14 Mio-Einwohner-Stadt dazu. Der Weltrekordhalter im Marathonlauf, Haile Gebrselassie, hat seine Teilnahme daran aus Rücksicht auf seine Lungen abgesagt, ebenso die belgische Tennisspielerin Justine Henin. Tatsächlich geben die Luftwerte in der chinesischen Hauptstadt zu denken. Der Feinstaubgehalt der Luft in Peking lag 2006 bei einem Jahresmittelwert von 161 Gramm, während die EU einen Grenzwert von 40 Gramm vorsieht. Damit stellt das Training besonders große Anforderungen an Lunge und Immunsystem. Die Befürchtungen sind berechtigt. Bei den Weltmeisterschaften der Ruder-Junioren im letzten Jahr auf der olympischen Regattastrecke bekamen es die deutschen Athleten trotz einer medaillenglänzenden Bilanz nach einigen Tagen mit Asthma und Bronchitisanfällen zu tun und mussten behandelt werden. “Erst ganz kurzfristig anreisen”, lautet deswegen der Ratschlag des australischen olympischen Komitees an seine Sportler. Wer allerdings um den halben Globus reisen muss, dem macht die Zeitumstellung einen Strich durch eine solche Rechnung. So empfiehlt der Schweizer Olympische Verband, sich mindestens fünf Tage an das chinesische Klima anzupassen, wenn möglich, mit Staubschutzmasken zu trainieren und sein Belastungsasthma mit Medikamenten in Schach zu halten.

Asthma-Beweise fürs IOC

Kortikosteroide und Beta-2-Agonisten sind die Mittel, die das Olympische Komitee für asthmatische Olympioniken zulässt. Besonders letztere erweitern schnell und effektiv die Bronchien. In Tierversuchen steigern diese Mittel aber auch die Muskelmasse und Kraft. Daher erlauben die Doping-Spezialisten nur die Inhalation und einen Wert von weniger als 1 Mikrogramm pro Mikroliter im Urin. Sportärzte empfehlen Beta-2-Agonisten nur für den Notfall und raten eher zu den Glucocorticoiden. Studien haben inzwischen bewiesen, dass gesunde Athleten mit den zugelassenen Mitteln keine Leistungssteigerung herauskitzeln können. Dennoch verlangt das IOC mehr als einen kurzen Spirometer-Test als Asthma-Nachweis. Wer die Ausnahmegenehmigung für sein Asthmaspray möchte, muss einen bestandenen Provokationstest, den positiven Effekt der Wirkstoffe auf seine Atmung oder ein FEV1-Protokoll unter Belastung vorlegen.

Aber auch die Veranstalter haben versprochen, die heimische Luft olympischen Bedürfnissen anzupassen. Auf Befehl der Regierung liegen viele rußende Kamine still, die Zahl der Autos auf den Straßen ist durch entsprechende Vorgaben um die Hälfte reduziert und kann bei Bedarf noch weiter heruntergefahren werden. 17 Milliarden Dollar für saubere Luft hat China seit 2001 investiert. Die Zahl der jährlichen Sonnentage hat durch das “Blue-Sky-Programm” im letzten Jahrzehnt um 100 zugenommen. Nicht zu stoppen war jedoch der Pollenflug in der Hauptstadt, wie das Organisationskomitee bekannt gab.

Wer unter diesen Bedingungen sein Training röchelnd abbrechen muss, für den steht im Olympischen Dorf ein Lungenfacharzt zur Verfügung. Auch die Kliniken Pekings sind auf Asthma-Notfälle vorbereitet. Denn auch unabhängig vom Großstadt-Smog fordert Belastungsasthma noch immer einen hohen Tribut: Einer Untersuchung zufolge starben in sieben Jahren von 1993 bis 2000 in den USA 263 Menschen beim Sport, 61 davon durch Asthma. Dass gezielte Kontrolle die Krankheit nicht zum Hindernis für sportliche Leistung machen muss, zeigt die Statistik ebenfalls. Nur einer der 61 Toten benutzte ein Asthmaspray.

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