Weizenallergene: Eine Frage der Ähre

7. Oktober 2013
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Zur Diagnose einer Weizenallergie müssen sich Mediziner derzeit mit unzuverlässigen Tests abfinden. Bis Ende des Jahres sollen die meisten der wichtigen Weizenallergene entschlüsselt sein. Das könnte Diagnose sowie Therapie von Weizenallergikern maßgeblich verbessern.

Wer unter einer Weizenallergie leidet, muss auf das beinahe allgegenwärtige Getreide verzichten, sonst drohen Durchfall, Erbrechen und andere Symptome bis hin zu einem lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock. Rund 1% der europäischen Gesamtbevölkerung ist betroffen.

Unsichere Diagnose

Eine Weizenallergie zweifelsfrei zu diagnostizieren ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen, denn die derzeitig verwendeten Allergietests sind alles andere als zuverlässig. “Auch bei Betroffenen, die Lebensmittel mit Weizen symptomfrei essen können, sind Bluttests aufgrund von Kreuzreaktionen sowie Reaktionen auf Kohlenhydrate oft positiv, auch wenn es sich nur um eine Pollenallergie handelt. Etwa 50 Prozent der Pollenallergiker werden daher auch als Weizenallergiker eingestuft”, erklärt Sandra Pahr, Wissenschaftlerin an der Medizinischen Universität Wien. Andererseits könne es auch zu falsch negativen Ergebnissen kommen, da in den derzeitig verwendeten Test-Extrakten nicht alle Allergene enthalten seien.

Egal ob Vollkorn oder Weißmehl

Das könnte sich in Zukunft dank der Forschungsarbeiten von Frau Pahr und ihren Kollegen ändern. Das Forscherteam der Abteilung für Immunpathologie an der MedUni Wien hat eines jener Proteine im Weizen entdeckt und charakterisiert, welches maßgeblich für schwere allergische Reaktionen verantwortlich ist. “Alpha Purothionin” (Tri a 37) heißt der Übeltäter, der eigentlich den Weizen vor Schädlingen schützt und daher auch in großen Menge dort zu finden ist. “Man weiß, dass sich das Alpha Purothionin im sogenannten Endosperm, dem Nährgewebe des Weizenkorns befindet”, so Pahr. Sowohl Weißmehl, das nur aus dem Endosperm hergestellt wird, als auch Vollkornmehl, das aus dem ganzen Weizenkorn besteht, enthalten das Allergie-auslösende Protein.

Ein Produkt moderner Züchtung?

Da Allergien in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen haben, könnte man vermuten, dass Tri a 37 erst durch moderne Züchtungsverfahren in den Weizen gelangte. Doch Sandra Pahr klärt auf: “Bereits 1942 haben Forscher dieses Protein in Weizenmehl nachgewiesen, jedoch noch nichts über deren Eigenschaft als wichtiges Weizen-Nahrungsmittelallergen gewusst. Da Alpha Purothionin die Pflanze vor eindringenden Schädlingen schützt, nimmt man an, dass dieses für die Pflanze wertvolle Protein nicht erst durch moderne Züchtungsverfahren entstanden ist. Homologe Proteine findet man außerdem in Roggen und Gerste, jedoch nicht in Dinkel, Hafer, Reis, Mais, Soja und Sonnenblumenkernen.”

Verlässlichere Allergietests

Pahrs Entdeckung könnte die Allergietests verlässlicher gestalten, damit nur jene Patienten erfasst werden, die auch wirklich an einer Weizennahrungsmittelallergie leiden. Ziel der Wissenschaftler ist es, die bestehenden Bluttests zu verbessern und die schlechtdefinierten Weizenextrakte zu ersetzen, um so eine gesicherte Diagnose inklusive einer Unterscheidung diverser Weizen-induzierter Allergien zu ermöglichen. In ihrer aktuellen Studie fanden die Forscher nämlich außerdem heraus, dass Patienten, die allergenspezifische Antikörper (IgE) gegen “Tri a 37” im Blut hatten, ein viermal höheres Risiko besitzen, schwere allergische Reaktionen beim Verzehr von Lebensmitteln mit Weizen zu zeigen. Aufwendige, teure und zudem gefährliche Provokationstests könnten so bald durch verbesserte Antikörpertests ergänzt oder sogar abgelöst werden. Einer exakten Diagnose könnte eine personalisierte Therapie bzw. eine Diät-Empfehlung folgen.

Ziel: Alle Weizenallergene entschlüsseln

Die Entdeckung des Proteins Tri a 37 ist ein Schritt auf dem Weg zu jenem großen Ziel, das am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien verfolgt wird: “Wir wollen das vielfältige Mosaik an Weizenproteinen, die allergische Reaktionen auslösen können, entschlüsseln”, so Pahr. Grundsätzlich gibt es drei Arten von Weizenallergien:

1)    Die Weizennahrungsmittelallergie, bei der Allergene über die Nahrung aufgenommen, und in  den Verdauungstrakt gelangen.

2)    Das sogenannte Bäckerasthma, bei dem die Allergene durch Einatmen über die Atemwege in den Körper gelangen.

3)    Die Pollenallergie, die durch kreuzreaktive Proteine, die im Weizenkorn und in Gräserpollen vorhanden sind, ausgelöst wird.

Im Weizen findet man vier Arten von Proteinen, die sich aufgrund ihrer Löslichkeit einteilen lassen:

– wasserlösliche Albumine

– salzlösliche Globuline

– alkohollösliche Gliadine

– säure-, basenlösliche Glutenine

Albumine und Globuline zählen zu den Auslösern des Bäckerasthmas und Weizen-Nahrungsmittelallergie, während Gliadine und Glutenine hauptsächlich mit der Weizen-Nahrungsmittelallergie in Verbindung gebracht wurden. Bis Ende dieses Jahres könnte das Wiener Team unter der Leitung von Prof.Dr. Rudolf Valenta bereits die meisten Weizenallergene entschlüsselt haben. Auch ein industrieller Partner ist bereits mit im Boot: In Zusammenarbeit mit Thermofisher Scientific werden die Weizenallergene bereits im Rahmen eines Christian Doppler Labors und eines EU-Projektes zu Forschungszwecken in Studien (MeDall Projekt – Mechanisms of the Development of Allergy) verwendet.

Hintergrund: Weizenallergie und Zöliakie

Eine Weizenallergie ist nicht zu verwechseln mit einer Zöliakie. “Die Weizenallergie ist eine sogenannte Typ-I-Reaktion, in der die humorale Immunantwort des adaptiven Immunsystems mit der Ausbildung von IgE-Antikörpern eine wesentliche Rolle spielt”, erklärt Sandra Pahr von der Medizinischen Universität Wien. Proteine, die im Weizen natürlich vorhanden sind, und in gesunden Menschen keine Reaktion auslösen, können in genetisch vorbelasteten Menschen zu Allergien führen. Grundsätzlich kann jedes Weizenprotein eine Allergie auslösen. Sandra Pahr erklärt: „Im Pathomechanismus spielen IgE-Antikörper im Blut eine übergeordnete Rolle. Wenn eine genetisch prädisponierte Person über Haut, Atmung oder den Verdauungstrakt in Kontakt mit dem Allergen kommt, wird das Allergen von Antigenpräsentierenden Zellen aufgenommen, prozessiert und an T-Zellen präsentiert. Daraufhin produzieren TH2-Zellen Interleukine, welche die B-Zellen aktivieren. Diese B-Zellen produzieren dann die allergen-spezifischen IgE-Antikörper. Diesen Vorgang nennt man Sensibilisierung.” Bei einem erneuten Kontakt mit dem Allergen bildet das Allergen mit den IgE-Antikörpern, die auf Mastzellen gebunden sind, Immunkomplexe. Mastzellen degranulieren und setzten Histamin, Lipidmediatoren, Chemokine, Cytokine etc. frei, was zu den typischen Allergiesymptomen führt.

Bei einer Zöliakie spielen beide Teile des adaptiven Immunsystems, sowohl die zelluläre Immunantwort unter der Beteiligung der zytotoxischen T-Zellen, als auch die humorale Immunantwort mit der Produktion von IgA-Antikörpern, eine Rolle. Im Pathomechanismus führen letztendlich Gliadine, Bestandteile des Weizen-Klebereiweißes Gluten, zu einer Zerstörung der Dünndarmzotten. Beide Erkrankungen haben jedoch eine Gemeinsamkeit: Die einzig mögliche Therapie zurzeit ist der ausnahmslose Verzicht auf Weizen sowie weizenhaltige Nahrungsmittel.

68 Wertungen (4.66 ø)

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13 Kommentare:

Hallo Frau Kollegin Schuster,

erfreulicherweise haben wir in der Komplementärmedizin mit der Bioresonanz-Diagnostik und -therapie eine ausgezeichnete Möglichkeit, diese Nahrungsmittelallergien zu diagnostizieren und zu behandeln!!!
Bekanntermaßen sind die Allergietests mit IgG-Ak und IgE-Ak sehr ungenau und bringen häufig falsch positive Resultate!

Dr. med. Rolf Oesterle
Internist-Gastroenterologie

#13 |
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Kinderkrankenschwester

Nachtrag: Es wird wohl low carb genannt, hab mir da aber noch keine Gedanken drüber gemacht.

#12 |
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Kinderkrankenschwester

Hallo Frau Schuster,
ich ernähre mich eher fett- und eiweißorientiert, mein Stoffwechsel befindet sich offensichtlich noch im Neandertaler-Modus und wenn ich bei Obst aufpasse, gehts mir gut. Herr Ursius propagiert sie und Metabolic Balance wohl auch. Kohlenhydratlieferanten sind maßgeblich Gemüse in sämtlichen Variationen. Eiweiß in Form von Sojajoghurt, Käse und Fleisch, Fette über Nüsse und hochwertige Öle. Mais mag ich nicht, Maismehlprodukte werden sehr schnell trocken und fusselig und Kartoffeln verursachen heftiges Sodbrennen. Das bekomme ich auch, wenn ich zuviel `Brot`esse, das ich auf Basis von Vollreis-, Hirse- oder Buchweizenmehl überwiegend selbst backe. Reiswaffeln gehen auch, aber halt nur in Maßen. Und ich esse tatsächlich nur 2-3x am Tag. Das reicht völlig.

#11 |
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Ärztin

@Frau Liebler
Das streite ich doch leidenschaftlich auf Ihrer Seite mit. Die Empfehlungen der DGE mögen für junge, gesunde und sportlich sehr aktive Menschen zutreffen und für einige die zufällig damit Stoffwechsel-kompatibel sind. Für viele Menschen sind sie schlicht falsch. V.a. den Kohlenhydraten wird wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Die geforderten Mengen sind viel zu hoch und befriedigen allenfalls die Nahrungsmittelindustrie, welche die Empfehlungen zum Rechtfertigen viel zu energiedichter Lebensmittel nutzen.
Welches Problem haben Sie mit Mais und Kartoffeln? Ernähren Sie sich no carb oder low carb?

#10 |
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Kinderkrankenschwester

@ Herr Pawlowsky: stimme Ihnen zu, deckt sich mit meiner Erfahrung (selbst betroffen)
@ Frau Schuster: mir wird schon schlecht vom Geruch der glutamat- und sonst wie versetzten `Braunen Grundsoße`.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass ungläubig staunend mit entsprechenden Kommentaren zur Kenntnis genommen wird, dass ich keine Kartoffeln und Nudeln esse und mich auch nicht nach den üblichen Empfehlungen ernähre. Seither habe ich auch weniger Probleme mit meinem Gewicht. Die glutenfreien Alternativen sind üblicherweise aus Maismehl und damit keine Option für mich. Unsere Ökotrophologin versucht nach wie vor, mich von den Leitlinien der DGE zu überzeugen, ich streite mit Begeisterung mit ihr, weil ich diese Empfehlungen für überholt und längst nicht auf alle Menschen anwendbar halte (unterschiedliche Stoffwechseltypen).

#9 |
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Ärztin

@ Pawlowsky: meine Reaktion auf das Problem entspricht ihren Empfehlungen
@ Noschinski: Danke für die Literaturtips, das leaky gut syndrom habe ich im Rahmen meiner Gluten-Recherchen auch schon entdeckt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Unverträglichkeit nach einer Knie-OP in Blutsperre aufgetreten ist.
@ Redaktion: ich kann Werbung von echter Literatur gut unterscheiden und bedaure die Kürzung des Kommentars!
@ Frau Geissler: Sie haben recht. Die Klinik-Kantine ist auch schon seit geraumer Zeit ein no-go. Für Berufstätige, Diensthabende nicht immer leicht umsetzbar.

#8 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Solange unser Getreide mit Pestiziden sprich Glyphosat etc. massiv behandelt wird, werden auch die Allergien weiter zunehmen. Wir als Verbraucher haben es in der Hand, schon beim Einkauf von Getreideprodukten darauf zu achten, daß keine Vorerntespritzung erfolgt ist oder können auf umweltfreundliche BIO-Podukte ausweichen, die nachweislich nicht gespritzt werden. So sinken auch mit Sicherheit die Allergien und als angenehmer Nebeneffekt werden sich die Kosten im Gesundheitswesen reduzieren.

#7 |
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Nachtrag: Ja, das sich dann die Probleme häufen sehe ich auch in der Praxis, ein gutes Stichwort ist hier das “Leaky Gut Syndrome”.

#6 |
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Hallo Frau Schuster, es finden sich zahlreiche Hinweise in der Literatur zu dem Thema Gluten – Hashimoto bzw. Gluten – Rheuma, hier sind nur einige als Beispiel:
Cuoco L. et al. Ital. J. Gastroenterol. 1999;31(4):283-7
Ch’ng CL et al. Clinical Endocr. 2005;62(3):303-306
O’Farrely C et al. Lancet 1988;332:819-822
Lindqvist U et al. Rheumatology 2001;41(1):31-37.
[Kommentar aufgrund werblicher Inhalte von der Redaktion gekürzt]
Herzliche Grüße
Dirk-Rüdiger Noschinski

#5 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Es gibt inzwischen genügend Hinweise, daß der übliche Konsum von Kohlenhydraten sehr nachteilig für die Gesundheit ist. Weizen steht dabei als Grundstoff für Brot und Nudeln besonders im Visier.
Übergewicht mit Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes II und Krebs sind die Folge.
Einfach weglassen !!! statt zu warten, bis die Forschung die komplexen Zusammenhänge irgendwann ( vollständig ? ) aufdeckt.
Dieses Experiment kann jeder ohne gesundheitliche Risiken durchführen!
Kohlenhydrate aus Getreide, Kartoffeln und Reis einfach durch Kalorien aus gesunden Fetten und Ölen, Nüssen und Käse ersetzen, schon is(s)t man viele Probleme los.

#4 |
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Ärztin

Ein interessantes Thema, das noch viel zu wenig erforscht ist. Schulmedizinisch ist über Weizen/Glutenunverträglichkeiten leider skandalös wenig bekannt. Als leider Betroffene offensichtlich Weizen/Gluten-abhängiger (pseudo?)rheumatischer Gelenkbeschwerden und generalisierter Ödeme habe ich allerdings auch den Verdacht, dass Umweltgifte wie Luftverschmutzung ebenso wie für “banale” Pollenallergien wichtige Kofaktoren sind.
Herr Noschinski, welche Literatur können sie mir zu den Kreuzreaktionen mit Transglutaminase und Endomysium empfehlen?
Neben der neu hinzugekommenen Getreide-Unverträglichkeit quäle ich mich schon seit längerem mit Glutamat- und Pökelsalz-Unveträglichkeit. Ich ahne, dass es da einen Zusammenhang gibt.

#3 |
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Kinderkrankenschwester

Nachdem nun auch festgestellt wurde, dass die Peptide von Weizen und Klebsiellen sehr ähnlich sind, kommt es auch hier zu Kreuzallergien..
Fehl besiedelte Därme nach umfangreichem Antibiotikakonsum sind nun keine Seltenheit, werden aber nach wie vor schulmedizinisch sehr stiefkindlich behandelt.

#2 |
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Das Problem ist sogar noch komplexer:
IgE-AK gegen Weizen
IgG bzw. IgG4-AK gegen Weizen (in der Schulmedizin derzeit noch “pfui bah”)
Typ IV Reaktion gegen Weizen
Zöliakie
Auftreten von Exomorphinen auf Basis von Gluten
Bei letzteren finden wir dann ein Sammelsurium von psychogenen Symptomen.
Nicht zu vergessen die Kreuzreaktionen mit Transglutaminase und Endomysium, bei denen man dann z.B. weichteilrheumatische Symptome finden kann und natürlich die Häufung bei Glutenunverträglichkeit und Hashimoto.
Aude sapere!

#1 |
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