Nickerchen am Skalpell

14. August 2008
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Wer seinem Gehirn nicht regelmäßig Ruhe gönnt, muss mit Aussetzern rechnen. Um längere fehlerfreie Laufzeiten zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Kaffee, Powerpillen oder doch am besten der "Kurz-Nap"? Generell stellt sich dabei aber immer die Frage: Wie gefährlich ist die Übermüdung im OP?

OP-Kittel, Mundschutz und Handschuhe und vielleicht zu Sicherheit noch etwas Modafinil oder Donepezil. Warum eigentlich nicht? Anfang des Jahres startete eine Gruppe englischer Chirurgen aus dem Londoner Imperial College die Diskussion darüber: Sollten Chirurgen mit langen Arbeitszeiten nicht besser auf die Wirkung von Wachmachern vertrauen, als Fehler im OP zu begehen? “Patienten spüren immer besser die Unterschiede zwischen guter und schlechter chirurgischer Leistung.”, schreibt Oliver Warren in seinem Artikel im Journal of Surgical Results. Möglicherweise, so Warren weiter, würden sie bald danach fragen, ob Ärzte auf Mittel zum “Cognitive Enhancement” vertrauen oder nicht, und wenn Nein, warum nicht. Auch in Deutschland will man sich künftig mit dem Thema auseinandersetzen, so Hartwig Bauer, Generalsekretär der deutschen Chirurgen. In Kalifornien, so berichtet eine Studie aus dem Jahr 2006, profitierten übernächtigte Notärzte von Modafinil, wenn sie am nächsten Tag noch Fortbildungsstunden zu absolvieren hatten.

Erinnerung an falsche Informationen

In Deutschland stehen Arbeitszeitregelungen für klinisches Personal häufig nur auf dem Papier und werden laut einer Umfrage in mehr als der Hälfte deutscher Kliniken nicht eingehalten. Bleibt also der Griff zur Gehirnpower-Pille, wenn nach zwei Nachtdiensten noch die Vorlesung oder die schwierige Operation ansteht? “Im OP fällt alle Müdigkeit ab” behaupten manche Viel-Operierer und verlassen sich ganz auf die Reservekapazitäten ihres zentralen Nervensystems. Das gilt aber nur eingeschränkt, sagt die Wissenschaft.

Erst vor kurzem berichtete “Nature” über neue Ergebnisse aus der Gruppe des Lübecker Schlafforschers Jan Born. Nach einer schlaflosen Nacht gaukelt das Gehirn Erinnerungen von Ereignissen vor, die gar nicht stattgefunden haben. Die Testpersonen sollten sich an Begriffe zu einem Über-Thema erinnern, die ihnen zuvor genannt wurden. Unausgeschlafene waren sich ihrer eigenen neu dazu-erfundenen Begriffe sogar sicher, nachdem sie ihr Schlafdefizit nachgeholt hatten. Mit entsprechenden Dosen Kaffee sank die Zahl der Fehltreffer um 10 Prozent. Die Neurologen erinnern sich: Das Koffein entwickelt seine Wirkung im präfrontalen Kortex. Dort, wo das Gehirn Realität und Phantasie unterscheidet.

Wenig Schlaf – Risiko für das Herz

Was sich zum Beispiel im Gehirn übermüdete Schichtarbeiter abspielt, zeigt auch die Arbeit des Schlafmediziner Matthew Walker aus dem kalifornischen Berkeley. Nach 25 Stunden ohne Schlaf reagierten seine Testpersonen auf abstoßende Bilder im Vergleich zur Kontrolle mit dreimal stärkerer Aktivität der Amygdala. Der mandelgroße Gehirnteil verarbeitet Gefühle. Der Präfrontale Kortex kontrolliert die Aktivität der Amygdala und verhindert überdimensionale Gefühlsausbrüche. Dementsprechend waren bei den Probanden mit Schlafdefizit die Verbindungen dieser beiden Regionen nur schwach aktiv, sehr viel stärker aber zu autonomen Zentren des Hirnstamms. Wen wundert es da, dass bei der mangelhaften Gefühlskontrolle Wenigschläfer laut Statistik öfter auf den Herzinfarkt zusteuern und daran sterben.

Generell nimmt die Hirnaktivität bei Schlafmangel nicht ab. Nur die Steuerungsprozesse verschiedener Funktionen funktionieren nicht mehr so wie gewohnt. Im Mai erschien im Journal of Neuroscience eine weitere Untersuchung von Ausgeschlafenen und Übermüdeten mittels Magnetresonanz-Blick ins Gehirn. Während ein guter Schlaf hilft, kleine Momente der Unaufmerksamkeit schnell zu kompensieren, ist das beim Defizit anders. Besonders bei schwierigen “Sehen-verstehen-handeln”-Aufgaben stottert der Prozessor immer wieder. Es scheint, als ob die Zentralsteuerung gegen die benötigte Phase der Regeneration ankämpft. Die Gefahr besonders für Ärzte oder Trucker: Die Reaktionen bei Schlafdefizit unterscheiden sich meist nicht von normalen. Die Häufigkeit von Aussetzern ist aber weit höher.

Ruhe ist das beste Heilmittel

Ob Modafinil & Co dem Gehirn wieder zu einem runderen Lauf ohne Langzeit-Problem verhelfen können, wird zur Zeit noch heftig diskutiert und untersucht. Viele Chirurgen machen um Kaffee und Tee einen Bogen, um ihre ruhigen Hände nicht zum Zittern zu bringen. Sam Daetwyler von der Wake-Forest-Universität in North Carolina steigerte die Leistung des Gedächtnisses von übermüdeten Rhesusaffen durch Spraystöße mit dem Schlafhormon Orexin-A, eine Möglichkeit, die auch als OP-Vorbereitung interessant wäre.

Noch besser wäre es allerdings, dem Gehirn ein wenig Ruhe zu gönnen. Reinhard Pietrowsky von der Universität Düsseldorf berichtete vor einigen Wochen im Journal of Sleep Research, dass schon eine Ruhezeit von sechs Minuten ausreiche, um die Leistungsfähigkeit bei Konzentrationsaufgaben deutlich zu steigern.

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