Gruseln aus der Tube

22. August 2008
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Sommerzeit ist Leidenszeit für Menschen mit Allergischer Rhinitis. Die Therapie mit topischen Steroiden gilt als "state of the art", doch viele Patienten haben Angst vor der Kortison-Therapie. Allein der Begriff ruft oft negative Assoziationen hervor. Zur kaum erforschten Kortisonangst wurde in Deutschland die weltweit größte Studie durchgeführt.

Die allergische Rhinitis betrifft mit einer Lebenszeitprävalenz von 23 Prozent gegenwärtig jedes dritte Kind und jeden fünften Erwachsenen in unseren Breiten. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinischer Immunologie (DGAKI) wird aber nur ein Drittel der Patienten mit allergischer Rhinitis überhaupt behandelt und nur jeder Zehnte leitlinienkonform. Dies hat bei der großen Zahl der Erkrankten natürlich weit reichende Konsequenzen, wenn man die Folgekrankheiten wie Asthma-Bronchiale bedenkt. Eine Studie zur Steroidphobie in Deutschland zeigt, dass trotz dieser erfolgreichen Therapieoption immer noch viel zu viele Patienten unterversorgt sind, weil die Befragten häufig die Behandlung mit Steroiden ablehnen. Aus den Umfrageergebnissen geht hervor, dass zwei Drittel der Patienten mit allergischer Rhinitis (AR) und fast die Hälfte der Patienten mit atopischer Dermatitis (AD) Bedenken gegenüber Kortison hat. Die Kortisonablehnung führt zu unsicherem Verhalten sowie mangelnder Compliance und begünstigt eine schlechtere Versorgung der Patienten, was gesundheitsökonomisch problematisch sein kann.

Patienten überschätzen die Nebenwirkungen

Diese Einschätzung teilt auch Prof. Professor Bernd Tischer von TNS Healthcare der die Studie unter Einbeziehung von 800 Patienten mit AR bzw. AD leitete: "Das teuerste Medikament in unserem Gesundheitssystem ist das, das vom Patienten nach dem Einlösen des Rezepts aus Angst vor Nebenwirkungen nicht angewandt wird." Viele der AR- bzw. AD-Patienten reagieren auf eine Verordnung von topischen Steroiden mit negativen Gefühlen (Frustration, Abneigung, Ärger, negative Überraschung). Dies hat auch Auswirkungen auf die Arzt-Patienten-Kommunikation, d. h. die behandelnden Ärzte müssen sich auf unterschiedliches Vorwissen und auf emotionale Blockaden einstellen. "Patienten wissen zu wenig über die modernen kortisonhaltigen Präparate und überschätzen deren Nebenwirkungen", weiß Prof. Tischer nach Auswertung der Studie zu berichten. So glaubten 82 Prozent der Patienten mit AR und 87 Prozent der Patienten mit AD, dass Steroide zur Gewichtszunahme, zu Hautveränderungen und zu Müdigkeit führen – was für moderne Kortison-Derivate so nicht stimmt. Die Befragten verglichen im assoziativen Teil des Tests Kortison sinnbildlich mit einer Vogelspinne, einem Kugelfisch, einem Wolf oder gruseligen Gespenstern. Kortison wird für stark, aber hoch gefährlich gehalten, weshalb der Wirkstoff auch am häufigsten mit der Farbe rot assoziiert wurde.

Ärzte richten sich zu selten nach den Leitlinien

In den Umfragen wurde deutlich, dass die Befragten keinen Unterschied zwischen systemischer und topischer Kortisontherapie machten. Vielmehr meinten 79 Prozent der Befragten, dass Kortison in topischer Anwendung genau so gefährlich sei wie in systemischer. Außerdem wissen sie auch selten etwas über den entzündungshemmenden Effekt als wichtigste gewünschte Wirkung des Kortisons. 69 Prozent glauben, der Körper gewöhne sich bis zur Abhängigkeit an Kortison und brauche immer höhere Dosen. Als eine weitere Ursache für die niedrige Rate der Anwendung von nasalen Steroiden zeigte sich auch das in einem weiteren Arm der Studie untersuchte Verschreibungsverhalten verschiedener Ärztegruppen. So boten nur 43 Prozent der Allgemeinmediziner und 39 Prozent der Pädiater ihren Patienten ein nasales Steroid an – im Gegensatz zu den HNO-Ärzten, von denen immerhin 70 Prozent ein nasales Steroid verordneten und damit den geltenden Leitlinien eher Folge leisten. Nun sollen neue Schulungsprogramme für Ärzte, Apotheker und Patienten erarbeitet werden, die eine leitliniengerechte Therapie fördern.

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