Seuche à la carte

22. August 2008
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Um herauszufinden, wo in der Welt neue Seuchen drohen, durchforsten US-Wissenschaftler seit zwei Jahren das Internet. Aus dem anfangs völlig experimentellen "Health Map"-Projekt ist mittlerweile ein Werkzeug geworden, das auch Seuchenprofis zunehmend ernst nehmen.

Als der Epidemiologe John Brownstein vom Children’s Hospital an der Harvard Medical School in Boston und der Softwareentwickler Clark Freifeld vor zwei Jahren die Idee entwickelten, die Weiten des globalen Internets nach Hinweisen für den Ausbruch von Seuchen abzusuchen, war die SARS-Krise schon ein paar Jahre vorbei. Trotzdem war und ist SARS bis heute der Prototyp für eine moderne Seuche: Sie bricht aus in einer schwer zugänglichen Gegend der Erde. Sie wird spät wahrgenommen, weil in dem Land ein repressives Regime herrscht. Und sie breitet sich dank Luftverkehr rasend schnell über die ganze Welt aus.

Health Map will Seuchen ergooglen

Hätte die westliche Welt früher über SARS informiert sein können? Brownstein ist sich da sicher: “Wir haben die frühesten Berichte über SARS in Internet-Chatrooms gefunden, wo Leute sich über die Probleme in der Guangdong-Provinz unterhalten haben”, berichtet er, “das war zu diesem Zeitpunkt für den Rest der Welt die einzige Möglichkeit, davon zu erfahren.” Aber damals hat noch niemand groß darauf geachtet. Heute würde eine ähnliche Konstellation wohl auffallen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO filtert gezielter als vorher lokale Nachrichtenportale. Und Brownstein und Freifeld haben mit Health Map ein Werkzeug entwickelt, das genau solche frühen Hinweise auf Seuchenausbrüche aus dem Meer an Informationen im Internet automatisiert heraus zu filtern versucht. Health Map interessiert sich vor allem für lokale Nachrichten, die in der Regionalpresse, auf den Portalen kleiner Gemeinden oder eben in Chatrooms oder Blogs die Runde machen. Mit Hilfe komplexer Text-Mining-Algorithmen durchforstet die Suchmaschine sämtliche Quellen, an die sie rankommt und versucht, Meldungen zu identifizieren, die auf einen Krankheitsausbruch hindeuten könnten. Der Ansatz zieht: Als reines Universitätsprojekt gestartet, bekommt Health Map mittlerweile Fördergelder der National Library of Medicine, der National Institutes of Health, der Canadian Institutes of Health Research und nicht zuletzt von Google, das immerhin 450000 US-Dollar zur Verfügung gestellt hat.

Spam-Filter für nutzlose Nachrichten

“Text-Mining” klingt einfach, ist aber in Wahrheit hoch komplex. Denn das Internet ist voll von gesundheitsbezogenen Nachrichten. Relevant im Zusammenhang mit Seuchenausbrüchen sind nur die allerwenigsten. “Es gibt viele tausend gesundheitsbezogene Artikel im Internet, in wissenschaftlichen Zeitschriften, zu gesundheitspolitischen Themen. Für unsere Alerts müssen wir all das von Nachrichten über wirkliche Ausbrüche separieren”, betont Freifeld. Damit das klappt, klassifiziert Health Map die gesammelten Textschnipsel nach Region, Erkrankung und Krankheitserreger. Es vergleicht Nachrichten, die zu ähnlicher Zeit aus ähnlichen Regionen kommen, filtert Dubletten heraus und kommt so Schritt für Schritt zu jenen wenigen Nachrichten, die am Ende zählen. Die werden dann als zusätzliche Maßnahme der Qualitätssicherung meist noch einmal per Hand durchgesehen. Erst dann finden sie Eingang in das dem Internetnutzer zugängliche Endprodukt von Health Map, eine auf Google-Technik aufbauende, interaktive Weltkarte. Auf dieser Karte sind Orte möglicher Ausbrüche mit kleinen Fähnchen markiert. Die Farbe der Fahne signalisiert, wie relevant der potenzielle Ausbruch sein könnte. “Das kann man sich in etwa so vorstellen wie einen Spam-Filter”, sagt Freifeld. Wie Spam-Filter werden auch die Text-Mining-Algorithmen von Health Map ständig angepasst und verändert, um maximal effektiv zu bleiben. Wie schwer das ist, das beschreiben die beiden Health Map-Gründer in einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift PLoS Medicine im Detail.

Unter den Besuchern sind viele Seuchenprofis

Health Map ist aber nicht nur eine interaktive Landkarte: Es versteht sich auch als Informationsportal. Mit wenigen Klicks erschließt es diverse Informationsquellen von Wikipedia über PubMed bis Google Trends. Und Health Map kann nicht nur Englisch: Relevante Seuchen treten bekanntlich oft in Entwicklungsländern oder tropischen Gefilden auf. Entsprechend decken die Algorithmen derzeit bereits chinesische, russische, französische und spanische Nachrichtenquellen ab. Hindi, Portugiesisch und Arabisch sind in Vorbereitung. Rund 20000 Besucher (“unique visitors) hat Health Map pro Monat. Dass die Seite Ernst genommen wird zeigt sich daran, dass überdurchschnittliche viele Anfragen von der WHO, von den Centers for Disease Control und vom European Centre for Disease Prevention and Control kommen.

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