Mach mir die Elfe!

22. August 2008
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Für die einen ist es Selbstverstümmelung, für die anderen das ehrlichste Selbstbekenntnis der Welt: Body Modification treibt seit dem Aufkommen der Piercing- und Tattoomode Mitte der 90er Jahre seltsame Blüten in westlichen Industriestaaten. Ärzte werden sich in Zukunft möglicherweise auf bizarr anmutende Wünsche einstellen müssen.

Elfen oder Elben sind spätestens seit der Verfilmung der “Herr der Ringe”-Trilogie angesagte Fabelwesen, sie gelten als attraktiv und weise und sind auf den ersten Blick durch ihre spitzen Ohren von Menschen zu unterscheiden. Eine junge US-Amerikanerin wollte ihrem Wesensideal nun zumindest äußerlich entsprechen und ließ sich von einem Body-Modification-Artist die Ohrmuscheln spalten, Teile des Knorpels entfernen und wieder zusammennähen – mit dem Effekt, dass die Ohren des Mädchens fürderhin so spitz sind wie die einer Elfe. Gewöhnungsbedürftig klingt auch die Beschreibung der Body Modfication – kurz BodMod – die eine Soziologin aus New York auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin über sich ergehen ließ: Gegen Barzahlung fand sie einen Chirurgen, der ihr mittels Laserskalpell die Zunge von der Spitz zur Basis hin fünf Zentimeter tief spaltete. Da die Wundränder immer wieder zusammenwuchsen, musste der Eingriff zweimal wiederholt werden, bis das gewünschte Ergebnis dauerhaft war: Seitdem kann die Frau mittels der gespaltenen Zunge auch ihre Zigarette halten.

Allgegenwärtiger Wunsch nach Optimierung des Körpers

Nach Ansicht von Erich Kasten, Professor am Institut für Medizinische Psychologie der Universität Magdeburg und Autor des Buches “Body Modification”, sind diese Körperveränderungen letztlich nur eine Extremvariante eines Verhaltens, das jeder von uns an sich durchführt: Seit Urzeiten verändern Menschen ihr Äußeres. Viele Menschen färben sich die Haare und Fingernägel, durchstochene Ohrläppchen sind schon lange nichts Besonderes mehr, Männer und Frauen gleichermaßen gehen ins Bodybuilding-Studio und zunehmend mehr Menschen bezahlen viel Geld für Schönheitsoperationen. Fast jeder Mensch im westlichen Kulturkreis sei bestrebt, seinen Körper in der einen oder anderen Form zu optimieren.

Grenzziehung gestaltet sich schwierig

Diese Optimierungen verlaufen auch abseits der BodMod-Szene auf seltsam anmutenden Wegen: Um dem als Ideal geltenden Maßen 90-60-90 näher zu kommen, wählen manche Frauen Mittel, die ebenso extrem erscheinen wie BodMods: Entfernung der unteren Rippen für eine schmalere Taille, Beinverlängerung durch Knochenbrechen und anschließenden Heilungsprozess unter Zug, enorme Brustvergrößerungen – wo verlaufen die Grenzen zwischen ästhetischen Eingriffen und Body Modification? Menschen, die ihren Körper durch Schönheitsoperationen verändern, wollen sich einem gesellschaftlichen Ideal oder Über-Ideal anpassen – häufig mit der Zielsetzung, mehr Erfolg oder Anerkennung zu ernten. Anhänger der BodMod-Szene hingegen wollen ihre Körper den gesellschaftlichen Vorschriften entziehen. Wer lediglich auf den sichtbaren Effekt der Veränderungen abstellt – sei es eine operativ geschaffene Traumfigur oder Elfenohren – führt die Diskussion um das Für und Wider der Body Modifications mit gespaltener Zunge.

Arzt oder Dienstleister?

Die Beobachtungen des Kriminalbiologen Mark Benecke in deutschen Großstädten weisen darauf hin, dass die Subkultur sich auch in Mitteleuropa etabliert. Für den Großteil der Ärzte dürften die Body Modifications ein rotes Tuch sein und dementsprechend wird eifrig auf die Gefahren hingewiesen: nach subkutanen Materialimplantationen könne es zu Infektionen kommen, die zum Verlust ganzer Gliedmaßen führen. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die seltsam anmutenden Wünsche nach körperlicher Veränderung – mittels Piercings, Cuttings, Brandings und vielerlei weiterer Möglichkeiten – an den ein oder anderen deutschen Arzt herangetragen werden. Was an Trends und Neuerungen in der medizinischen Landschaft Nordamerikas Fuß fasst, schwappt mit etwa zehn- bis fünfzehnjähriger Verzögerung über den großen Teich. Jenseits des Atlantiks werden von manch niedergelassenem Zahnarzt auf Wunsch Zähne zu spitzen Raubtiergebissen gefeilt – der Kunde ist König.

Wenn sich hiesige Ärzte die Frage stellen, ob sie zu medizinisch ausgebildeten Dienstleistern werden möchten, sei ihnen die Lektüre des Plädoyers von Prof. Edmund Pellegrino vom Internationalen Bioethik-Komitee der UNESCO empfohlen. Vor einigen Jahren entbrannte unter deutschen Ärzten eine Diskussion um die Frage, ob Ärzte in ihren Praxen Piercings anbieten sollten, um den Kunden bessere hygienische Verhältnisse als in den Piercingstudios zu bieten. Die Diskussion hat sich überholt: die allermeisten Menschen, die sich piercen lassen, bevorzugen den Gang ins Studio statt in die Praxis – einem professionellen Piercer wird das korrekte Stechen eher zugetraut als einem Arzt. Ob der Ärzteschaft aufgrund dieses Vertrauensdefizits das durchaus einträgliche erscheinende Geschäft mit BodMods entgeht, ist abzuwarten.

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