Impfungen: Die Piekse gehen fremd

1. September 2008
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Ältere denken bei 'Impfung' an das Zuckerstück gegen Kinderlähmung. Auch die Pockenimpfnarbe am Oberarm erinnert an Impfkampagnen zu Kinderzeiten. Zuweilen hagelte es Kritik gegen ein "Zuviel" und eine stattliche Zahl an Eltern boykottierte Impfungen. Doch die vorbeugende Spritze gegen Krankheiten erlebt eine Renaissance. Ziel sind nicht mehr nur Bakterien und Viren, sondern Hormone, Drogen und Toxine.

Aus 285 Impfstoffen, die Forschungslabore 1996 entwickelten, sind im letzten Jahr 450 geworden. Es geht jetzt nicht mehr nur um Infektionskrankheiten, sondern beispielsweise auch um Krebs. Wenn auch umstritten, zählt die Spritze gegen das Zervixkarzinom in den jüngsten Empfehlungen der Ständigen Impfkommission STIKO. Weitere Immunisierungen gegen Krebsauslöser warten auf ihre Zulassung.

Endogene Antikörper gegen Angiotensin II

Neue Impfstoffe sollen jetzt auch Stoffwechselstörungen und Nervenleiden ihren Schrecken nehmen. Im März dieses Jahres berichtete "The Lancet" über eine Studie an der Berliner Charité mit einem Vakzin gegen Angiotensin II. Das Hormon spielt bei der Regulation des Blutdrucks eine zentrale Rolle. Dabei ging es für die 72 Patienten zunächst um die Verträglichkeit verschiedener Dosierungen. Besonders tagsüber und ganz besonders am Morgen konnte der Impfstoff den Blutdruck gegenüber der Placebokontrolle senken. Mit dem Erfolg dieses ersten klinischen Tests beginnen nun Untersuchungen zur Wirksamkeit des neuen Vakzins an Kliniken in Berlin, Leipzig, München und Hannover. Weil das Angiotensin II-Molekül nur acht Aminosäuren lang ist, wirkt es kaum immunogen. Die Entwickler der Schweizer Biotechfirma Cytos haben daher die Moleküle auf leere Virushüllen montiert und können auf diese Weise das Immunsystem zur Produktion von Antikörpern anregen. "Die wiederum fischen das im Blut zirkulierende Angiotensin II weg" erläutert Jan Menne von der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Warum aber einen Impfstoff, wenn es doch auf dem Markt günstige und wirkungsvolle Blutdrucksenker gibt? Die Antwort weiß Hermann Haller, Direktor der Klinik an der MHH: "Nur etwa ein Viertel der Patienten ist medikamentös gut eingestellt". Genauso hoch, berichtet er, sei die Zahl jener, die zwar von ihrem Leiden weiß, aber nichts dagegen unternimmt. Denn ohne offensichtliche Symptome ist die Bereitschaft nicht allzu groß, die tägliche Tablette zu schlucken. Ein kurzer Stich für eine lang anhaltende Kontrolle, das würde die Zahl der Toten nach Herz-Kreislauf-Beschwerden wahrscheinlich deutlich senken.

Ganz so einfach und risikolos ist die Sache allerdings nicht: Dann bei einer Halbwertszeit der Antikörper von rund vier Monaten ist es schwierig, die Angiotensin-Fangflotte auf ihrem Weg wieder zu stoppen. Ola Samuelsson und Hans Herlitz von der Universität Göteborg weisen in ihrem Kommentar zum "Lancet-"Artikel darauf hin, dass eine schnelle Aktivierung des Renin-Angiotensin-Systems zum Beispiel bei einem dehydrierten Körper, bei Schock oder Traumata überlebensnotwendig ist. Ein Antikörper, der jede Angiotensin-Aktivierung abfängt, führt dann zu einem Nierenversagen.

Impfen gegen Fettsucht und Drogen

Doch von diesen Hindernissen lassen sich die neuen Impfstoff-Entwickler nicht abschrecken. In der Pipeline für Stoffwechselkrankheiten befinden sich beispielsweise auch Impfstoffe gegen Diabetes Typ 1. Forscher an der Universität Pittsburgh versuchen dabei, dendritische Zellen mit antisense-RNA Schnipseln so umzuprogrammieren, dass sie den Abbau der Betazellen aufhalten. Und schließlich konnten Mitarbeiter des Scripps-Forschungsinstituts in Kalifornien mit einer Immunisierung gegen den Appetit-Regulator Ghrelin Erfolge erzielen und Ratten zum Abnehmen bewegen. Eine ähnliche Studie am Menschen mit einem Impfstoff hatte dagegen keinen Erfolg.

Ganz neue Perspektiven tun sich auf, wenn sich Impfstoff-Entwickler das menschliche Gehirn vornehmen. In den USA koppelte Thomas Kosten vom Baylor College für Medizin in Houston einzelne Kokain-Moleküle an das Choleratoxin. Die produzierten Antikörper des Immunsystems binden dann den Suchtstoff, sodass er nicht mehr durch die Blut-Hirnschranke passt und damit wirkungslos bleibt. Eine dauerhafte Abstinenz gelang den Ärzten damit bisher zwar nicht, dennoch reduzierte fast jeder dritte Abhängige zunächst seinen Drogenkonsum nachhaltig, jeder zehnte verzichtete eine Zeit lang ganz darauf. Produkte der Schweizer Cytos-Labors sollen in ähnlicher Weise dem Verlangen nach Nikotin ein Ende und damit der Anti-Raucher Pille Champix Konkurrenz machen.

Rückschläge beim Alzheimer-Impfstoff

Mindestens drei Firmen, die österreichische Affiris, Cytos sowie der amerikanische Merck-Konzern entwickeln schließlich ein anti-Alzheimer-Vakzin, das sich auch schon in den ersten klinischen Prüfungen befindet. Im Jahr 2001 ist in der Schweiz allerdings ein erster Versuch am Menschen gescheitert. Etwa sechs Prozent der Teilnehmer entwickelten eine Meningoenzephalitis. Diese Probleme sollen nun aber ausgeräumt sein.

In den nächsten fünf Jahren hoffen die Firmen, viele dieser neuen Impfstoffe auf den Markt zu bringen: 2010 soll es die Spritze gegen Kokain geben, 2012 das Langzeit-Präparat gegen Bluthochdruck. Nicht selten kommt es dabei zu Allianzen zwischen Pharma und Biotechnologie, um mit neuen Impfstoffe erfolgreich zu sein. Novartis hat sich so vor einiger Zeit den Vakzin-Spezialisten Chiron einverleibt, Pfizer genauso wie Novartis entsprechende Verträge mit Cytos geschlossen. Aus dem Zuckerwürfel gegen Polio ist die Spritze gegen Volkskrankheiten geworden.

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