Laber doch nicht!

15. September 2008
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Gesundheitswesen und Ärztementalität werden gerne schlecht geredet. Wer unser System für brauchbar - wenn auch verbesserbar - hält oder gar selber Medizin studiert, kann sich Anfeindungen ausgesetzt sehen. Hier zwei Denkanstöße für den Realisten im Streit mit dem Moralisten.

1. Die globale Verantwortung

Ist es nicht dekadent, dass in Deutschland dem Dicken ein Magenband gesetzt oder der Faulen ein Bewegungstraining gezahlt wird, wenn zur gleichen Zeit in armen Ländern Kinder sterben, weil es am Nötigsten fehlt? Wenn man "Magenband" vs. "Tod an Durchfall" sieht, ist das durchaus dekadent und empörend. Wenn man aber an die zwei verschiedenen Gesundheitssysteme denkt, dann ist es besser, wenn der Dicke sein Magenband hat und nicht an Folgen seines Übergewichts – Gelenk- und Gefäßschäden – erkrankt: Netto gerechnet spart diese OP dem Gesundheitssystem Geld, weil der Dicke zum Normalgewichtigen wird, und die sind eben gesünder.

Dieses Geld, ob in Deutschland gespart oder nicht, hat nun keinen Einfluss darauf, wie es armen Leuten in armen Ländern geht. Die teils miserable Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern hat viel mehr mit unserer Wirtschaftspolitik und unserem Kaufverhalten zu tun. Nicht unser Gesundheitswesen verwehrt der armen Südafrikanerin die Krankenversicherung (wie sollte es auch!) – es ist unsere "Geiz-ist-geil-Mentalität".
"It’s the economy, fool!", so Bill Clintons Wahlkampfthema gegen das von George Bush. Der Entwicklungsunterschied liegt vor allem in der Wirtschaftsstruktur begründet. Wer im Discounter Rosen für 1,99 kaufen will, ist im Grunde mitverantwortlich für die von Pestizid hervorgerufenen Hautausschläge und Allergien der südafrikanischen Hilfsarbeiterinnen auf Blumenfarmen.
Also: Finger weg von den billigen Sachen aus billigen Ländern, oder das Jammern aufhören! Sich das nicht eingestehen zu wollen und stattdessen auf den Dicken mit dem Magenband zu schimpfen, ist das eigentlich Dekadente.

2. Den Zufall hat niemand im Griff

Aber kann man als "Öko" tatsächlich durch persönlichen Verzicht diesen Planeten retten? Jeder verbraucht Ressourcen, auch wenn er das nicht wahr haben will, Stichwort "virtuelle Energiebilanz". Hierbei zählt nicht nur, wie viel Energie ein Produkt in der täglichen oder einmaligen Anwendung verbraucht – es will ja auch hergestellt, transportiert und entsorgt werden. Das muss man im Auge haben; erst dann werden ökologisch einwandfreie oder eben problematische Konsumgüter unterscheidbar.

Auch Arzneimittel wollen erforscht, hergestellt, verpackt und transportiert werden. Das bedeutet Wasserverbrauch, chemische Rückstände, Abgase und vieles mehr. Um die Umweltbelastung einer einzigen Packung Tabletten zu erreichen, muss man sicher viele Tassen spülen. Egal, ob mit der Hand oder mit der Spülmaschine. Jeder Mensch, auch der Umweltbewussteste, muss also in puncto Ressourcenverbrauch Kompromisse eingehen können, weil ihn sonst die Realität bald einholt.
Ein anderes, nicht ganz so alltägliches Szenario illustriert außerdem die Machtlosigkeit des Einzelnen, der dem Zufall ausgeliefert ist: Bei einer einzigen Operation werden Ressourcen verbraucht, von denen ein Otto Normalbürger auf konventionelle Art wohl etliche Jahre seines Lebens bestreiten könnte. Und OPs kann man bekanntlich nicht immer umgehen – was soll man auch anderes tun nach Autounfällen, Krebsdiagnose oder bei Grauem Star?

Also: In der individuellen Energiebilanz eines jeden Einzelnen spielen nicht irgendwelche selbst auferlegten, heldenhaft empfundenen Einschränkungen im Alltag die wesentliche Rolle, sondern gewichtige Einzelfaktoren. Zum Beispiel Festivalbesuche, Flugreisen, Autokäufe. Oder eben Operationen, denn es kann auch der Chirurg meines Vertrauens sein, der nach einer ach wie abgefahrenen Party mein kaputtes Knie operiert und dadurch Ressourcen verbraucht, für deren Einsparung ich zehn Jahre lang auf vieles Angenehme verzichtet habe. Dumm gelaufen, wenn es denn so war.

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