MS: „Schlafende Viren“ stören Selbstheilungskräfte

30. September 2013
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„Schlafende“ oder inaktive Viren, die im Laufe der menschlichen Evolution durch Virusinfektionen ins menschliche Erbgut gelangt sind, können bei einer Reaktivierung die Selbstheilungskräfte des zentralen Nervensystems stören.

Die Wissenschaftler um den Zellbiologen Prof. Dr. Patrick Küry von der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf vermuten schon länger, dass diese sogenannten humanen endogenen Retroviren (HERV) auch den Krankheitsverlauf sowie die Regeneration bei Multipler Sklerose beeinflussen. Diesem möglichen Nachweis sind die Wissenschaftler nun ein Stück näher gekommen.

Nervenreize werden immer schlechter weitergeleitet

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der das fehlgeleitete Immunsystem die schützende Isolationsschicht der Nervenfasern – die Myelinscheiden – im Gehirn und Rückenmark angreift und zerstört. Da das ZNS nur über eine beschränkte Regenerationsfähigkeit verfügt, kann die Wiederherstellung der schützenden Isolationsschicht nur unvollständig erfolgen. Die Folge: Nervenreize werden immer schlechter weitergeleitet, es kommt zu bleibenden neurologischen Behinderungen wie Lähmungen und Erblindung.

Regeneration wird durch reaktivierten Virus gestört

Die internationale Arbeitsgruppe um Prof. Küry konnte nun nachweisen, dass die für die funktionelle Erholung des ZNS wichtige Regeneration der Myelinscheiden durch das Hüllprotein Env eines reaktivierten, „schlafenden“ Virus gestört wird – das HERV-W. Prof. Küry: „Sein Hüllprotein scheint durch Immunzellen ins Gehirn gebracht zu werden und trifft dort auf viele für die Wiederherstellung der Myelinscheiden erforderlichen Vorläuferzellen, die durch diesen Kontakt in ihrer Reifungsfähigkeit geschwächt werden.“

Retrovirus HERV-W im Detail untersuchen

Ziel weiterer Untersuchungen mit den beteiligten Forschungsgruppen an den Universitäten in Homburg und Grenoble sowie mit Unterstützung des HERV-W Entdeckers Dr. Hervé Perron in Genf/Lyon ist es, die Funktionalität des Retrovirus HERV-W im Detail zu untersuchen. Dazu wurden bereits neutralisierende Antikörper, die gegen das ENV Protein gerichtet sind, entwickelt – mit dem Ziel, diese bei der MS-Therapie einzusetzen.

Originalpublikation:

Human endogenous retrovirus type W envelope protein inhibits oligodendroglial precursor cell differentiation
Patrick Küry et al.; Annals of Neurology, doi: 10.1002/ana.23970, 2013

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8 Kommentare:

Studentin

Hallo Herr Noschinski,

vielen Dank für Ihre Denkanregung. Das Wollknäuel ist bereit entwickelt zu werden.

Herzliche Grüße

#8 |
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Hallo Herr Wiegand,
super Video, das kannte ich noch nicht.
Vielen Dank für den Link :-)
Herzliche Grüße unbekannterweise

Dirk-Rüdiger Noschinski

#7 |
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Georg Wiegand
Georg Wiegand

Herr Noschinski, sehr gut erklärt.

Ein guter Startpunkt für Wissbegierige ist z.B. hier
http://www.ted.com/talks/mina_bissell_experiments_that_point_to_a_new_understanding_of_cancer.html

LG,
G. Wiegand

#6 |
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Hallo Frau Heitz,
Der Unterschied zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde liegt weniger in der „Wahl der Mittel“, sondern vor allem in der grundsätzlichen Sicht der Dinge.
Wir gehen weniger gegen einen Erreger vor, unser Ansatz ist die Veränderung des Milieus. Eventuell finden Sie einmal die Zeit, sich mit Claude Bernard bzw. Max von Pettenkoffer zu beschäftigen, von Ersterem stammt der Satz „Le microbe n’est rien, le terrain c’est tout“.
Ich könnte die Unterschiede in der „Sicht der Dinge“ noch erweitern, z.B.
„Das Allergen ist nicht die Allergie“ und „Der Tumor ist nicht der Krebs“.
Naturheilkunde wirkt immer dann sehr effizient, wenn man das Denkmodell verinnerlicht hat und danach handelt.
Ich hoffem, Sie haben jetzt kein „Kochrezept“ erwartet, das gibt es in der Naturheilkunde nämlich nicht wirklich. Aber wenn es Sie ernsthaft interessiert, wie man mit schlafenden Virusinfektionen therapeutisch umgehen kann, dann haben Sie jetzt das Ende des Wollknäuels in der Hand ;-)

#5 |
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Georg Wiegand
Georg Wiegand

Hallo Frau Heitz,
Vielleicht finden sie das im Rahmen ihres Studiums noch selbst heraus, es gibt mehr zu lernen als sie sich vielleicht vorstellen können.

G. Wiegand
Facharzt

#4 |
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Studentin

Es sollte natürlich heißen: (sicher ist man sich hier trotz der Studienlage, welche durchaus widersprüchlich ist, NICHT).

#3 |
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Studentin

Hallo Herr Noschinski,

es ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen, dass gut bekannte und weitverbreitet Viren an der Entstehung einer ED (MS) beteiligt sein könnten (sicher ist man sich hier trotz der Studienlage, welche durchaus widersprüchlich ist).

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen. Aber welche Methoden gibt es denn in der Naturheilkunde, solche “schlafenden Viren” zu therapieren?

#2 |
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Kleine Ergänzung:
Es gibt hier Zusammenhänge mit verschiedenen Erregern, u.a.
EBV (z.B. Levin LI et al. Multiple Sclerosis and Eppstein-Barr virus. JAMA 2003 Mar26;289(12):1533-6)
HHV6 (z.B. Tejada-Simon MV et al.: Cross-reactivity with myelin basic protein and human herpesvirus-6 in multiple sclerosis. Ann. Neurol. 2003; 53:189-197)
EBV (Cepok S. Identification of Epstein-Barr virus proteins as putative targets of the immune response in multiple sclerosis. J Clin Invest. 2005;115:1352-60), Borna (Yuan-Ju W et al. Borna disease virus-induced neuronal degeneration dependent on host genetic background and prevented by soluble factors PNAS, doi: 10.1073/pnas. 1214939110; 201310.1073/pnas.)
Diese Liste lässt sich bequem um einige erweitern.
In der Praxis spielt die Behandlung solcher „schlafender Viren“ bei Autoimmunopathien im Allgemeinen und bei MS im Besonderen eine wichtige Rolle, wie ich nach fast zwanzig Jahren Beschäftigung mit einer großen Zahl an Patienten immer wieder feststellen kann.
Aude sapere!

#1 |
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