Vorstoß der Cardioviren

26. September 2008
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Sie sind wenig bekannt, doch sie breiten sich nahezu unbeachtet aus: So genannte Cardioviren, die bisher vorwiegend in Nagern nachgewiesen wurden, treten auch beim Menschen auf – wohl häufiger, als man bis jetzt annahm. Das Tückische: die Erreger kommen im Gastrointestinaltrakt vor und sind nur schwer nachweisbar.

Schon die Orte der Probeentnahmen könnten unterschiedlicher kaum sein. Einerseits: Schäumende Atlantikwellen, brasilianische Schönheiten und strahlender Sonnenschein in Salvador da Bahia. Auf der anderen Seite der Erde indes, wie so oft, graues, norddeutsches Schmuddelwetter in Hamburg – dafür aber bessere hygienische Bedingungen der Patienten. Allen Unterschieden zum Trotz untersuchten Mediziner um Jan Felix Drexler an der Federal University Salvador Bahia und sein Team in Hamburg und Bonn insgesamt 844 Stuhlproben von Gastroenteritis–Patienten. Sehr zum Erstaunen der Forscher zeigten Brasilianer und Deutsche nach den PCR-Analysen eine unerwartete Übereinstimmung: Viele Kinder waren mit den Cardioviren infiziert.

Den Menschen entdeckt

Die Erreger gelten seit der Entdeckung ihrer humanen Variante vor rund 25 Jahren, dem Saffold-like Virus, als üble Zeitgenossen des Menschen. Tatsächlich vermögen Cardioviren in Nagern gleich eine ganze Reihe von Erkrankungen auszulösen. Zur Liste des Grauens gehören Gebrechen wie Multiple Sklerose, Myocarditis oder Diabetes und Encephalomyelitis. Doch bislang schienen die Erreger den Menschen als Objekt der Begierde auszulassen. Genau das hat sich womöglich gründlich geändert. Immerhin 7,8 Prozent der deutschen Kindergartenkinder und 1,1 Prozent der untersuchten brasilianischen Kleinen hatten die Viren im Stuhl. Allein das hätte freilich niemanden sonderlich aufgeregt, nur: Bei den Erregerstämmen handelte es sich um sehr nahe Verwandte – ein wichtiges Indiz, dass „eine globale Verteilung beim Menschen“ stattfindet, wie die Wissenschaftler in der Septemberausgabe des vom CDC herausgegebenen Emerging Infectious Diseases berichten.

Beunruhigende Neuigkeiten

Tatsächlich kommt die Publikation, für die Drexler auch am Bernhard Nocht Institut für Tropenmedizin in Hamburg und an der Uni Bonn arbeitete, zu einem mehr als brisanten Zeitpunkt. Denn nahezu zeitgleich veröffentlichte auch das Fachblatt PNAS eine Arbeit kanadischer und US-amerikanischer Biochemiker um Patrick O. Brown von der School of Medicine der Stanford University – mit ebenfalls alarmierenden Aussagen (PNAS vom 16. September 2008, vol. 105, no. 37). Das Team um Brown konnte nämlich erstmals aufzeigen, dass bei gleich 8 Cardioviren-Arten im sogenannten VP1-Gen der Erregers „signifikante Mutationen“ stattgefunden haben. Dass die große Familie der Picornaviridae neun Genera, mehr als 142 Spezies und 200 Serotypen umfasst, von denen die Cardioviren 2 tierpathogene Formen aufweisen, war bisher die gängige Lehrmeinung. Doch die Ergebnisse in Stanford lassen die Frage aufkommen, ob die winzigen Erreger entgegen aller Erwartungen nicht in einer wesentlich größeren Vielfalt existieren. Es sei davon auszugehen, dass „diverse neue Gruppen von Cardioviren, die im Gastrointestinaltrakt vorkommen, bisher unentdeckt blieben“, interpretiert Brown die beobachteten PCR-Ergebnisse.

Viren in puncto Mutationen überwachen

Über die Folgen für den Menschen kann man indes nur spekulieren. Sollten sich die neuen Cardioviren auf Grund der jetzt nachweisbaren Mutationen tatsächlich zum globalen Durchbruch aufgemacht haben, wären Humanmediziner gut beraten, die Erreger nicht aus dem Auge zu verlieren. Veterinärmediziner wissen über das pathogene Potenzial der Viren nur zu gut Bescheid: Mit Cardioviren infizierte Zooelefanten fallen mitunter einfach tot um. Damit nicht genug – in freier Wildbahn treten die Erreger bei den Dickhäutern epidemisch auf.

2 Wertungen (4.5 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Heilpraktiker

Vorab ein großes Lob für Herrn Georgescu – selten finde ich ein so brisantes Thema so interessant gestaltet.
Ja, Veterinäre haben ein größeres Potential an immunologisch relevanten Themen in Ihrem Studium!
Schade, daß sich die Cardiologen so wenig Gedanken um mögliche (primär oder secundär)infektiöse Schädigungen machen.
Das “rheumatische Fieber” und seine (immunologischen)Spätfolgen werden zwar nach wie vor unterschätzt, ist aber dennoch im Studium vorhanden.
Sehr verehrter Herr Georgescu, schreiben Sie doch einmal einen Beitrag über die sogenannte Erkrankung “the fifth desease”, die Ringelröteln – kaum bemerkt durchseucht diese “Kinderkrankheit” zweimal jährlich ganz Deutschland. Fast völlig unbemerkt infizieren diese Herz, Gefäße und das Knochenmark und hinterlassen Schäden, die kaum bemerkt, falsch diagnostiziert, falsch therapiert Hunderte von Patienten das Leben nach un nach zerstören.
Mit freundlichen Grüßen

#10 |
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Sonja Rutten
Sonja Rutten

als im ausland lebende deutsche bieten sich die peinlichen regelmaessigen panikmachereien in deutschland immer wieder fuer ein abweretendes lachen an. nicht einmal H5N1 hat uns “den arsch gekostet”! das liegt sicher nicht an den antitodesgrippesets die man kaufen konnte oder an den armen freigelassenen wellensittichen…
zum eigentlichen artikel: veterinärmediziner wissen voorlallem, dass RNA-viren immer mutieren. wenn der mensch meint schlauer zu sein als ein stueck RNA sollte man sich mal den AIDS virus vor augen holen der uns schon jahrzehnte zum narren macht. ich schliessen mich einigen beitraegen an und faende es sinnvoll den “einfachen buergern” sowie dem bimbo mal zu erklaeren wie beschraenkt das wissen der der heutigen schulmedizin ist.

#9 |
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Sinay Sevimli
Sinay Sevimli

Nach dem Artikel zu Urteilen (die genaue Signifikanz der Studien habe ich nicht studiert..) sind die Cardioviren bei 7,5 % der Kinder in DEUTSCHEN Kindergärten betroffen, während 1,1% der Kinder in Brasilien. Daraus kann man nicht gleich schliessen, dass die Cardioviren aus dem Amazonas kommen, vielleicht schleppen wir diese in die betroffen Länder. Denkt doch mal an die Grippeviren, die “wir” damals nach Amerika eingeschleust haben. Sicher gibt es so viele Keime aus Ländern Nahe dem Äquator,die eine Bedrohung für uns bedeuten. Aber die Globalisierung ist nicht mehr aufzuhalten. Wir folgen dem Strom..

#8 |
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Immer mehr Enden und Ecken der Welt ohne Hemmung schneller und unvorbereitet bereisen, Produktionskonzentrationen und Transport von Lebensmitteln im weitesten Sinne ohne Quarantäne ist mit eine Ursache denke ich. Nur alle können mitmachen gegen die Globalisierung und Zerstörung.

#7 |
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Cornelia Schumann-Heberle
Cornelia Schumann-Heberle

Ich denke, dass man in erster Linie selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist (gesunde Ernährung, keine Genussgifte, Sport etc) eigentlich ganz einfach. Was nicht zu vergessen ist, jeder hat einen inneren Arzt und je mehr ich mir die chemischen Keule gebe um so mehr wird er verstummen. Ich habe die ewige Panikmache seitens der Pharmaindustrie satt, ein Restrisiko bleibt immer.

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Oh oh… waren die Viren nicht schon immer die heimlichen (Be)Herrscher auf diesem Planeten?
Und je wärmer, desto mutationsfreudiger?
Falls mir etwas Angst macht ist es nicht der steigende Meerwasserspiegel in Folge der Klimaänderung, sondern diese kleinen …
Ansonsten werde ich mir merken:Rezeptpflicht ist kein Gütesiegel, sondern ein Warnhinweis.Das hat was.

#5 |
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monika jansen
monika jansen

Merkt Ihr nicht ,das sich ständig neue Krankheiten entwickeln ,je mehr geforscht wird ?!Eins ist klar ,die Pharma verdient weiter gut und wird der Gewinner bleiben !!In den Köpfen der Menschen muss sich etwas ändern !!

#4 |
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Martin Goth
Martin Goth

Ich kann hier Herrn Ohliger in allen Punkten nur beipflichten Meine Erfahrungen im Gesundheitswesen seit 1979 decken sich mit seinen Ausführungen.
Gesundheitliche Prävention, ganzheitliche Ernährungsmedizin und naturheilkundliche Heilverfahren wären wären allemal sinnvoller, besser und kostengünstiger als die bisherigen Vorgehensweisen von Politik, Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen.

Funktion

#3 |
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dipl. Umwelt-Wiss. Manfred Hessel
dipl. Umwelt-Wiss. Manfred Hessel

Es ist erschreckend, reihenweise fallen die Elefanten um. Bei meinem letzten Zoobesuch konnte ich das hautnah beobachten. Es war der letzte seiner Art. Und in Afrika sterben sie auch aus, wie wir alle wissen.
Wie gut, dass es solche hochqualifizierten Wissenschaftler gibt, die nun endlich die Ursache dafür gefunden haben und die uns sicher vor Angriffen dieser bösartigen Viren schützen werden. Was brauchen wir da noch ein funktionsfähiges Immunsystem. Solche Forschung ist reif für den Nobelpreis.
Was würden wir nur tun, wenn uns nicht täglich ein Grund zur Panik geliefert würde.
Wie sagte Einstein sinngemäß so freundlich über die Menschen: Bei der Unendlichkeit des Alls sei er sich nicht ganz sicher, bei der menschlichen Dummheit schon.
Aber vielleicht habe ich das ja auch nur geträumt.

#2 |
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Matthias Müller
Matthias Müller

Man sollte mal die Regenwälder in Ruhe und Tiere
und Pflanzen dalasssen wo sie hingehören. Aber es
muß ja alles abgeholzt und weggeschleppt werden.
Es ist ja kein Wunder, daß man sich allerlei Anhängsel einhandelt, was vorher im verborgenen
geschlummert hat.

#1 |
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