Aufbruch in die eHealth Ära

1. Oktober 2008
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Was Experten des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung TA-SWISS unter die Lupe nehmen, hat seit 1992 in der Schweiz Gewicht. So auch jetzt: Der Bericht "eHealth publifocus" analysiert erstmals im Detail die Erwartungen von Ärzten und Patienten in Punkto digitales Gesundheitswesen. Fazit: Vor allem Hausärzte müssen sich umstellen.

Die Vorgeschichte ist ebenso einfach wie bekannt. Bereits im vergangenen Jahr segnete der Bundesrat die Strategie "eHealth" Schweiz ab – und unterzeichnete mit den Kantonen den lang ersehnten Rahmenvertrag zur Umsetzung des Vorhabens ab. Tatsächlich käme die Realisierung einer Zeitenwende gleich. Denn läuft alles nach Plan, sollen alle Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz über das eigene elektronische Patientendossier verfügen. 2009 wird dann ein Chip auf der Versichertenkarte "vorwiegend administrativen Zwecken" dienen, wie es im TA-SWISS Papier heißt. Und ab 2012 dürften Ärzte mit Hilfe digitaler Signaturen endlich Informationen untereinander austauschen – ob solchen Tempos bei der Umsetzung schielen andere europäische Nachbarn neidvoll auf das Alpenland.

Alles steht und fällt mit den Kantonen

Doch sind die hehren Ziele auch wirklich zu erreichen, und wenn ja, wie kommen sie bei den Doktoren an? Auf rund 60 Seiten geht die Analyse der TA-SWISS diesen Fragen nach, mehr als 10.000 Schweizer nahmen aktiv am Verfahren teil. Das Paper geht freilich mit einem Schocker einher: “Die Strategie des Bundes bleibt weitgehend Makulatur, wenn die Kantone nicht mitziehen”. Tatsächlich erweist sich die föderale Struktur des Landes als Problem. Denn die Kantone bestimmen ihre Gesundheitspolitik selbst – käme es in einigen Teilen der Schweiz zur Ablehnung der Strategie, stünde das ganze Vorhaben “eHealth Schweiz” vor einem Desaster.

Um die Akzeptanz und Begehren der Betroffenen – Laien und Ärzte – zu eruieren, setzte TA-SWISS daher auf ein "partizipatives Mitwirkungsverfahren", das publifocus. Während Teilnehmer simple Umfragen meist als zeitraubend und damit nervend empfinden, bot das publifocus mehr als 10.000 Schweizern die aktive Mitwirkung am Projekt. Die Ergebnisse sind beachtlich. So setzen im Tessin Ärzte und Patienten weitgehend auf die direkte Beziehung untereinander- und lehnen die Einführung eines digitalen Patientendossiers im Grunde ab. Noch gilt im Tessin der Arzt als "der dominante Partner", der es als "Misstrauensbeweis auffasst, wenn der Patient Einsicht in die Laborbefunde oder andere Akten fordert", wie die Studie dokumentiert. Mit diesem Arzt-Patienten Verhältnis stehen die Tessiner freilich alleine da. Weder die Romandie, noch die deutsche Schweiz weisen bei Ärzten und Patienten ähnliche Ansichten auf.

Patientendossier als Hausarzt-Ersatz?

Gleichwohl scheint die Erkenntnis überall zu reifen, dass die Zeichen der Zeit auf Digitalisierung stehen. Die digitalen Dossiers werden, geht es nach der Vorstellung der publifocus Patienten-Teilnehmer, jene Rolle übernehmen, die einst der Hausarzt ausübte: Sie avancieren zum zentralen Sammelpunkt aller krankheitsrelevanter Daten. Was Hausärzte wiederum entlasten könnte, und neue Perspektiven bietet. Denn die Nutzung der elektronischen Daten auch durch den Patienten von zu Hause aus eröffnet eine neue interaktive Beziehung zwischen Mediziner und Patient. Der Arzt stellt seinem Patienten die digitalen Daten online zur Verfügung, so dass sich dieser dazu im Internet weitere Hintergrundinformationen besorgen kann – um dann im persönlichen Gespräch mit dem Arzt das weitere Vorgehen zu planen.

Ärzte indes sehen "die digitalisierte Zukunft nicht ganz so rosig und technisch ausgereift", wie es im TA-SWISS-Papier dazu heißt. "Wenn ich schon elektronisch dokumentiere, kann ich nicht einfach ein Extrakt aus meinen Krankengeschichten online stellen. Das ist ein massiver Mehraufwand, dieses zu administrieren, damit es dann sinnvolle Daten gibt", befürchtet beispielsweise ein von der TA-SWISS befragter Mediziner.

Doch trotz solcher Vorbehalte scheint der Zug nicht mehr aufzuhalten. “Große Unternehmen treiben die Entwicklung voran”, resümieren die TA-SWISS Experten, und liefern ein exemplarisches Beispiel gleich mit: Mit Google-Health setzten auch die Datensammler aus Mountain View auf die neue Zeitenrechnung, nicht nur in der Schweiz. Skeptischen Hausärzten gibt die Studie dennoch einen positiven Ausblick mit auf den Weg. Hausärzte werden womöglich, treffen die Erwartungen der Teilnehmer ein, zu so genannten “Gatekeepern” avancieren – “Pförtner, die vom Patienten ermächtigt werden, die mannigfaltigen Daten zu verwalten”.

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2 Kommentare:

Konrad Dysli
Konrad Dysli

Soeben habe ich im Radio die neuste Spiegel-Enthüllung über 17 Mio gestohlene Daten der Telekom De vernommen……..soviel zur E-Sicherheit!
Ein weitres Problem stellt für mich erwähnte Internet Hintergrundinformation dar; jetzt schon muss ich viel Zeit darauf verwenden, um Wahrheit und Dichtung heraus zu filtrieren.Diese Art Arbeit ist nicht wirklich beziehungsaufbauend!

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Dr. med. Peter Eckenfels
Dr. med. Peter Eckenfels

“Der Mensch als Summe seiner Daten”, da braucht es keinen Hausarzt mehr, da reicht ein Gatekeeper.
Da ersteres nicht stimmt, wird es letzteres zwar vielleicht trotzdem geben, es wird aber niemandem einen echten Vorteil bringen.
Die elektronische interaktive Beziehung wird die echte inetraktive Beziehung vielleicht ersetzen,wer da Vorteile sieht, ist ein Ignorant.

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