Altern liegt im Blut

6. Oktober 2008
Teilen

Der Volksmund sagt, man ist so alt, wie man sich fühlt. Für Mediziner entscheidet darüber das biologische Alter. Die bisherigen Verfahren der Bestimmung sind unzuverlässig. Ein jetzt in Ulm identifizierter Biomarker verspricht Abhilfe. Er könnte in Zukunft im Labor getestet werden und als wichtiger Indikator für therapeutische Behandlungen alter Menschen herangezogen werden.

Die Max-Planck-Forschungsgruppe für Stammzellalterung an der Uni Ulm, unter der Leitung von Professor Dr. med. Karl Lenhard Rudolph, hat kürzlich eine Gruppe von Proteinen identifiziert, die als Marker etwas über das biologische Alter aussagen können. Die Indikatoren werden bei DNA-Schädigung und Verkürzung der Telomere von den Stammzellen freigesetzt. Rudolph und Hong Jiang, eine chinesische Doktorandin in der Forschungsgruppe, stellten fest, dass diese Marker auch im menschlichen Blut gemessen werden können und dass ein deutlicher Anstieg im Alter und bei chronischen Erkrankungen nachweisbar ist. Ihr Ergebnis bestätigt auch die lang aufgestellte Hypothese, dass eine DNA-Schädigung zur Alterung von Zellen und Geweben führt. Die Forscher aus Ulm sehen für ihren Biomarker zwei Einsatzgebiete: im klinischen Bereich sowie im Bereich Nahrungszusätze und pharmakologischen Therapien zur Verlängerung von Alternsvorgängen. Klinikärzte stehen bei älteren Menschen oft vor der Frage, ob die Patienten noch die Regenerationsfähigkeit besitzen, um eine Operation zu überstehen. Der Marker könnte dazu beitragen, eine alternsgemäß individuelle Therapie zu entwickeln, hofft die Forschungsgruppe. Bei Nahrungsergänzungsmitteln könnte getestet werden, ob die Substanzen tatsächlich das Ansteigen der Biomarkerkonzentration im Alter verlangsamen. Damit wäre erstmalig ein verlässlicher Nachweis möglich, ob die Vitamine und Mineralstoffe aus dem Supermarktregal das halten, was sie versprechen.

Länger gesund im Alter

Rudolph, 38, leitet seit Herbst letzten Jahres das Institut für Molekulare Medizin sowie die Max-Planck-Forschungsgruppe Stammzellalterung an der Uni Ulm. Der junge Wissenschaftler hat auf dem Gebiet der Alterungs-, Regenerations- und Tumorforschung international einen renommierten Ruf. Sein Ziel ist angesichts einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft , „ein gesundes Altern des Menschen“ zu ermöglichen. Aus den USA, wo er sich gerade zu einem ‚aging meeting’ aufhielt, beantwortete er DocCheck folgende Fragen zu den Möglichkeiten der ‚Agingmarker’:

Wie lange wird es dauern, bis Ihr Biomarker in jedem Labor getestet werden kann?

Die von uns identifizierten Marker müssen jetzt für den diagnostischen Routine-Einsatz weiterentwickelt werden. Hier ergibt sich eine Chance für Firmen, die im Bereich von Diagnostik und Labortesten tätig sind. Ich denke, eine Diagnose könnte realistischerweise in einem Jahr zur Verfügung stehen.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit im klinischen Bereich die Biomarker für individuell angepasste Therapien eingesetzt werden können?

Dies erfordert klinische Studien. Man muss untersuchen, inwieweit die Biomarker die Prognose von Erkrankungen und den Krankheitsverlauf vorhersagen. Wenn man das weiß, können Therapien dem individuellen Risiko angepasst werden.

Könnte der Biomarker für alte Patienten Nachteile haben? Beispielsweise bei der Entscheidung, ob bestimmte OPs nicht mehr durchgeführt werden?

Nein, das ist nicht das Ziel. Schon heute ziehen Ärzte bei bestimmten Therapien (Chirurgie, Strahlentherapie, Chemotherapie) das Alter der Patienten in Erwägung. Bei hohem Lebensalter wäre es sehr wichtig, die individuelle Regenerationsfähigkeit vorhersagen zu können. Man kann dann solche Therapien dem individuellem Risiko anpassen. Wenn man weiß, dass eine bestimmte Therapie aufgrund einer eingeschränkten Regenerationsfähigkeit dem Patienten schaden würde, würde man versuchen mit nicht-invasiven Verfahren zu therapieren. Es kann aber auch genau andersrum sein, dass man sieht, dass ein alter Mensch noch sehr gute Regenerationsreserven besitzt. Dann möchte man ihm aufgrund des hohen Lebensalters eine Operation, von der er aller Wahrscheinlichkeit nach profitieren würde, nicht vorenthalten.

Von breitem Interesse ist sicherlich auch, wenn man mit dem Biomarker den Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln testen könnte. Wer sollte Ihrer Meinung diese Tests machen?

Hier ergibt sich eine Chance für die Nahrungsmittelindustrie. Nahrungsmittelzusätze gibt es heute in jedem Supermarkt und die Verkaufszahlen zeigen, dass die Menschen ein Interesse daran haben mit Nahrungsmitteln etwas für ihre Gesundheit und gegen die Alterung zu tun. Allerdings gibt es heute sehr wenig wissenschaftliche Daten, welche Nahrungsmittelzusätze wirklich etwas bringen. Die jetzt identifizierten Biomarker bieten hier eine gute Chance, den Anti-Aging Effekt von solchen Zusätzen wissenschaftlich zu bestimmen. Die Marker steigen im menschlichen Blut als Folge von DNA-Schädigung an. DNA-Schädigung ist einer der grundlegenden Mechanismen, die der menschlichen Alterung zugrunde liegen. Wenn bestimmte Nahrungsmittelzusätze die Anhäufung von DNA-Schädigung bremsen könnten, wäre dies eine sehr gutes Indiz, dass sich hierdurch der Alterungsprozess verlangsamen ließe.

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Dr. Frank Hausmann
Dr. Frank Hausmann

dem schließe ich mich an:
Dr. D. Schäfer
09.10.2008 – 23:24

#4 |
  0
Dr. Anton Safer
Dr. Anton Safer

Vorausschichen möchte ich, dass ich diesen Ansatz keineswegs “kleinreden” möchte. Er gibt Hoffnung auf einen wesentlichen Fortschrit. Mehr aber auch nicht!

Biomarker sind sicherlich nützlich, wenn sie denn eine nachweisbare Sensitivität und Spezifität aufweisen, die über den reinen Zufallswert hinaushgeht. Aber sie sind inmmer noch Korrelate zu bestimmten Stoffwechselvorgängen bzw. Erkrankungen, und keineswegs sonderlich “Beweiskräftig”.

Selbst der mir als am zuverlässigsten bekannte Biomarker zur Blutzucker-Regulation HbA1c ist nur ein Indikator für die “Beherrschung” von Diabetes. Im Einzelfall kann man aber feststellen, dass es Patienten mit niedrigem Markerspiegel gibt, die dennoch einer raschen Progression zB in Nephropathie unterliegen, während andere Patienten mit relativ hohem Markerwert über lange Zeit stabil gehalten werden können. Die Mortalitätswerte können bei einem niedrigen HbA1c-Spiegel (durch aggressive Therapie) sogar höher sein als bei Patienten mit moderater Medikation bei einem deutlich erhöhten Marker-Wert, wie eine Studie jüngst zeigte.

Was lernen wir daraus?

Skepsis gegenüber neuen “Durchbruchs-Innovationen” ist angesagt. Der neue Biomarker wird seine Nützlichkeit erst in zahlreichen klinischen Studien bei diversen Populationen beweisen müssen, bevor wir ihn tatsächlich als “Durchbruch” oder “Standard” anerkennen können.

Wie viele klinische Studien sind schon mit großen Hoffnungen angetreten, um mit einem für die Patienten und Sponsoren enttäuschenden Ergebnis zu enden?

#3 |
  0

Man kan es durchaus so sehen:
oxidativer Stress – DNA-Schädigung – Alterung der Zellen (durch vermindertes Regenerations-/Reparationsvermögen).
Würde mich interessieren, um was für ein Marker es sich hierbei handelt. Bestimmt etwas was man schon eh´ kennt…

#2 |
  0
Naturwissenschaftler

DNA-Schäden und chronische Krankheiten sind ja eher die Folge von Alterung/oxidativem Stress. Da wird Ursache und Wirkung vertauscht. Der Marker könnte trotzdem hilfreich sein.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: