Keloide: Was wirkt gegen Wulst?

15. Oktober 2012
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Nach einem Eingriff kann es zu Keloiden oder hypertrophen Narben kommen, die sich immer weiter ausbreiten. Eine S2-Leitlinie gibt Empfehlungen zur Therapie. Die Kernaussage: Besser postoperativ vorbeugen statt später nachbessern.

Nicht immer verschwinden Narben über Monate von selbst. Im Gegenteil: Kommt es zur überschießenden Neubildung von Bindegewebe, ist ärztliche Hilfe gefragt. Kollegen formulieren zu Beginn ein Therapieziel. Fühlen sich Patienten stark entstellt oder leiden sie mehr unter Schmerzen, Juckreiz sowie Bewegungseinschränkungen? Sollte es nach maximal sechs Behandlungen beziehungsweise sechs Monaten nicht zu einem deutlichen Erfolg gekommen sein, ist es Zeit für einen Richtungswechsel.

Schicksalhafter Schnitt

Das spätere Schicksal einer Narbe beginnt direkt nach der Verletzung: Primär laufen entzündlichen Vorgänge ab, um nekrotische Zellen und gegebenenfalls auch Keime zu entfernen. In der Granulationsphase sorgen Fibroblasten und Keratinozyten für neues Gewebe am Wundrand, und extrazelluläre Matrixbestandteile werden gebildet. Außerdem wachsen neue Blutgefäße ein. Hier spielen Matrix-Metallo-Proteasen sowie Botenstoffe eine wichtige Rolle. Mit der Epithelisierung hat sich die Wunde äußerlich geschlossen, während es im Inneren zur Sache geht, Stichwort Remodellierung: Durch den Transforming Growth Factor β1 (TGF-β1) wandeln sich Fibroblasten in Myofibroblasten um. Diese Spezies sollte nicht überhand nehmen, ansonsten entstehen hypertrophe Narben. Hier beschränkt sich der Wulst auf die ursprüngliche Wunde. Bindegewebstumoren, also Keloide, gehen weit über deren Grenze hinaus. Als Auslöser kommen genetische Einflüsse und Umweltfaktoren infrage, die Mechanismen haben Wissenschaftler noch nicht vollständig aufgeklärt. Da Europäer dunkleren Hauttyps ein höheres Risiko für Keloide tragen, spielt das Erbgut mit Sicherheit eine Rolle.

Nebenwirkung mit Nutzen

Um bei überschießendem Bindegewebe zu intervenieren, helfen bekannte Nebenwirkungen von Glukokortikoiden. Sie hemmen die Teilung von Fibroblasten. Auch werden weniger Glykosaminoglykane synthetisiert, die normalerweise zur Festigkeit eines Gewebes beitragen. Laut der Leitlinie sprechen 50 bis 100 Prozent aller Patienten auf eine Injektion von Triamcinolonacetonid (TAC) an, bei neun bis 50 Prozent entstehen später allerdings Rezidive. Äußerlich macht der Wirkstoff keinen Sinn. Die besten Erfolge erzielen Dermatologen durch die Kombination mehrere Verfahren, etwa Glukokortikoid plus Kryochirurgie.

Heiß und kalt

Flüssiger Stickstoff hat es in sich: Durch die Kälte sterben unerwünschte Zellen, je nach Ausmaß des Narbengewebes sind mehrere Behandlungen erforderlich. Danach bilden sich Blasen. In verschiedenen Literaturstellen ist von guten Erfolgsquoten über 60 Prozent zu lesen, wobei Keloide deutlich anspruchsvoller sind. Anstatt Zellen Wärme zu entziehen, setzt die Laserablation auf hohe Energiemengen. Auch hier gehen Gewebe zu Grunde. Als postoperative, prophylaktische Maßnahme sind beide Verfahren nicht empfehlenswert.

Narben weggedrückt

Vorbeugend lohnt sich bei großflächigen Narben eine Druckbehandlung – durchaus mit gutem Erfolg, sollten Betroffene Geduld mitbringen. Gibt es beim Patienten selbst oder in seiner Familie Anhaltspunkte für entsprechende Risiken, sollten postoperativ umgehend Kompressionsbandagen oder -anzüge mit einem Druck von mindestens 20 bis 30 mmHg angepasst werden. Mit einer Behandlungsdauer von sechs bis 24 Monaten ist zu rechnen. Durch die Krafteinwirkung werden Zellen schlechter durchblutet und Stoffwechselprozesse bremst.

Wissenschaftler haben außerdem nachgewiesen, dass Kollagene schneller reifen. Vor allem bei Keloiden, häufig an den Ohrmuscheln zu finden, bringt die Methode exzellente Ergebnisse. Dermatologen der Uniklinik Mannheim entwickelten dazu Kompressionsschienen. Nach chirurgischer Resektion der Keloide injizierten sie erst einmal TAC. Patienten bekamen ihre individuelle Schiene mit nach Hause. Das System muss nur nachts getragen werden und ist über Magneten leicht bedienbar – gut für die Compliance. Nach 16 Monaten ließ sich das Ergebnis unter ästhetischen Aspekten durchaus sehen, und ein Follow-up nach 24 Monaten fiel ebenfalls erfreulich aus: Rezidive waren nicht entstanden.

Wunde aufgefrischt

Steht eine hypertrophe Narbe unter Spannung, sind ebenfalls Chirurgen gefragt. Mit Z- oder W-Plastiken entlasten sie das Gewebe. Auf molekularer Ebene vermuten Wissenschaftler, dass mechanische Kräfte Zellen anregen, mehr Bindegewebe zu synthetisieren. Steckt eine verzögerte Wundheilung hinter Keloiden beziehungsweise hypertropen Narben, schafft die Exzision gute Startbedingungen. Und nicht zuletzt bieten frische Wunden die Chance, postoperativ sofort prophylaktische Maßnahmen gegen überschießendes Narbengewebe zu treffen. Allerdings geben die Autoren der Leitlinie zu bedenken, dass es kaum Studien mit hoher, methodischer Qualität gibt, um den Behandlungserfolg zu quantifizieren. Vor allem seien Nachbeobachtungszeiten recht kurz bemessen. Teilweise wurde auch nicht zwischen Keloiden und hypertrophen Narben unterschieden.

Bekanntes aus der Tumortherapie

Nicht immer muss gleich operiert werden. Auch das Zytostatikum 5-Fluoruracil (5-FU) wirkt effektiv gegen die Proliferation von Fibroblasten. Eine Schwangerschaft oder Vorerkrankungen des blutbildenden Systems sollten ausgeschlossen werden. Ansonsten müssen Patienten beachten, wirkstoffhaltige Cremes nur auf ihren Läsionen zu verteilen. Unter die Haut eingebrachtes 5-FU reduzierte bei einer Doppelblindstudie Gewebe effektiver als TAC. Zur postoperativen Prophylaxe ist 5-FU jedoch nicht geeignet. Bestrahlungen verhindern ebenfalls, dass es zu Rezidiven kommt. In Veröffentlichungen sind Werte zwischen acht und 30 Gray zu finden, was bei 79 bis 92 Prozent der Patienten Gewebsneubildungen verhindert. Die Leitlinie setzt einen etwas niedrigeren Wert an, maximal zwölf Gray, auf bis zu zehn Behandlungen verteilt. Bei Keloiden wird diese Strategie empfohlen, wenn auch nicht an erster Stelle. Hypertrophe Narben sollten jedoch nicht bestrahlt werden.

Neues und Altbekanntes

Gerade in Apotheken fragen viele Kunden nach Silikongelen. Diese führen zu Okklusionseffekten inklusive Durchfeuchtung des Stratum corneum. Allerdings fanden Autoren einer Cochrane-Metaanalyse nur sehr schwache Hinweise auf einen möglichen Nutzen. Sie konstatierten, etliche Studien seien von schlechter Qualität und nicht ohne Bias. Ansonsten erwähnt die neue Leitlinie erstmals Zwiebelextrakte mit Allantoin und Heparin. Quercetin, ein Flavonoid aus Zwiebeln, hemmt in vitro die Proliferation von Fibroblasten, während Allantoin keratolytisch wirkt. Heparin scheint wiederum die Polymerisation von Kollagen zu stören. Auch produzierten Zellen weniger Wachstumsfaktoren, wodurch es nicht zur überschießenden Neubildung von Kollagen kommt. Im Tierexperiment heilten Wunden schneller, und die Narbenbildung verringerte sich. Bei älteren, methodisch schwächeren Studien zeigte reiner Zwiebelextrakt im Vergleich zu Vaseline keinen Benefit. Allerdings führte eine Kombination mit TAC im Vergleich zum reinen Kortikoid zu deutlich besseren Resultaten.

109 Wertungen (4.24 ø)

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13 Kommentare:

Ich stelle mir die genanntren Methoden je nach LOkalisation de5r der Narben sehr problematisch vor.

#13 |
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Sofort nach Op. und Nahtversorgung täglich für 4 Wochen
manuelle Lymphdrainage und Kompressionsbandagierung (Kurzzug über Abpolsterung) und dazu Hautpflege führen zur schnelleren Abheilung der Wunden und zur Verminderung
überschießender Narbenbildung.
Also nicht erst, wenn Keloidnarben entstanden sind!
Das ist Prophylaxe.

#12 |
  3

Dr.med.Karlheinz Helmbold

Ihre Frage:”Was wirkt gegen Wulst?” –
Meine Antwort: wenn ich der Patient wäre, würde ich aufgrund meiner Erfahrungen einen Versuch mit der “Jonen-Salbe”, PZN 19 58 509, oder der “Jonen-Salbe 3,5g” machen,PZN 38 50 880, die anscheinend stärker wirksam ist. Beide sind “Traditionelle Arzneimittel” und rezepptfrei in Apotheken erhältlich.

#11 |
  10
Dr. med. Heidrun Spädte
Dr. med. Heidrun Spädte

Was bei allen Berichten fehlt, ist eine Überempfindlichkeit auf das Nahtmaterial. Auch bin ich der Meinung, daß Fäden manchmal zu lange in der Haut belassen werden, und es dabei zu einer Überreaktion der Narbenbildung kommt. Erst kürzlich wurden mir kleine gutartige Hauttumoren entfernt ,und dabei habe ich die Erfahrung gemacht, daß meine Haut extrem auf die Fäden reagiert hat mit Rötung und Juckreiz. Ich habe dann die Fäden vorzeitig entfernt und somit eine überschiessende Reaktion(vermutlich Allergie) vermieden. Trotzdem entwickelte sich ein Keloid, das ich mit Contractubex-Gel und Aloe vera-Stift erfolgreich behandelt habe.

#10 |
  2
Professor Dr. Claus Schwarze
Professor Dr. Claus Schwarze

Mit anderen Worten: Nix Genaues weiß man nicht! Schade!
Jedenfalls danke für die aktuelle Zusammenstellung des
Themenkomplexes.

#9 |
  4
Hans Hein-Becker
Hans Hein-Becker

Ein für viele sehr interesantes Thema. Nach sehr umfangreiche Recherchen, insbesondere was bei einer Narbenbildung und der damit starke Juckreiz verbunden Belastung mit sich bringt, ist es mir persönlich gelungen,nach endlosen versuchen und der
vielen nutzlosen Ärztlichen Ratschläge,! ein Mittel zu entdecken, das schon nach zwei-bis drei maliger Behandlung
den quälendeen Juckreiz entgültig beseitigte.Wieso kommen die
Ärzte nicht darauf? Es handelt sich um die Lsöung BetaGalen O,1% Lösung des Wirkstoff Betamenthasonvalerat
(Ph.Eur,) Bei mir hat das 100% geholfden ! Für viele sicher eine gro0e Befreiung und Hilfe Ihres Juckreizes.

#8 |
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@Huterabat
Ich würde Ihrer Tochter raten, zu einem guten Homöopathen/in zu gehen. Diese Neigung zu Keloiden kann man nur innerlich behandeln.

#7 |
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Krankenpflegehelferin

Meine Tochter hat alle mogliche Therapie gemacht von Kaelte die sehr scmerzhaft sind bis zu operative behandlung mit sofortige Bestralung und alles nichst geholfen sogar werde immer grosser und jede Wuende zu neue Keloide geworden. Schon von mehrere Hautarzte Konsultation keine Antwort bekommen zur moegliche Behandlung. Meine Tochter ist jetzt 31 jahre alt und die kleine Keloide bekommt seit sie von eine Windpokken andesteckt in Kindergarten und Op und Bestralung im alter von 17 Jahre. jetzt hat sie haesliche Narben am Ruecken, Axel, Ohren und hat immer Angst noch mal neue zu bekommen. ich habe schon mal von diese Stelle was geschrieben um einen Rt zu bekommen und keine hat mir geantwortet. In Deutschland wuerde nur ueber alles geforscht aber nicht ueber Keloide weil nur einzelne Person sehr darunter leidet, ich war sehr entaeuscht darueber weil meine Tohter keine helfen kann. so lange ich diese Dockcheck gelesen hat die einzige Artikel darueber geschriben die ich trotzdem noch keine Hilfe sieht, den alle fast alle was hier steht schon durscg gemacht von meine Tochter und ohne Erfolg

#6 |
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Joachim Dittmar
Joachim Dittmar

da man nicht jeden postoperativ bestrahlen kann,wartet man am besten ab,was sich wie stark entwickelt.Seit 30 Jahren injiziere ich Triam mit einem Lokalanästhetikum,allerdings zum Teil über einige Monate,direkt in das Keloid.Nach weiteren Monaten normalisiert sich auch die zunächst rote Färbung der Narbe.
Im Übrigen wende ich das gleiche Verfahren bei der Dupuytren’Kontraktur an.Mit großem Erfolg.

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Die antiproliferative Wirkung der postoperativen Radiatio zeigt exzellente Ergebnisse.

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Dr. med. Hans-Georg Aberle
Dr. med. Hans-Georg Aberle

Die lokale Strahlentherapie, direkt postop. angewandt, ist für den Patienten/in eine schonende und sichere Methode zur Keloidvermeidung! Es gibt nur sehr wnige Kontraindikationen.

#3 |
  3

Offensichtlich wirkt zur Vermeidung von Kelloiden, wenn man dem Patienten rät eine zeitlang möglichst keine Kleidung aus Kunststoffgewebe über frischen Wunden zu tragen.
Möglichwerweise dürfte das Gewebe aus syntetischen Fasern die Proliferation der Fiboplasten -auf welche Weise auch immmer- zu fördern .
Diese eigene Beobachtung dürfte es Wert sein, wissenschaftlich den Mchanismus zu erforschen.

#2 |
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dr. med marlies rößler
dr. med marlies rößler

Rezidivprophylaxe nach Kelloid-Op ist eine direkte postoperative Strahlentherapie

#1 |
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