Operation unplugged

13. Oktober 2008
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Kabelsalat, Monitore, die sich nur mit Mühe ablesen lassen und mangelnde Kommunikationsmöglichkeit machen Operationen der Gegenwart fehleranfällig und zur Schwerarbeit. Modelle der OPs der Zukunft in Berlin und Regensburg zeigen, dass es auch anders geht. 

Chirurgie heute: Kliniken, die sich modernste Medizintechnik leisten, müssen schnell und effektiv operieren. Ungenutzte Operationssäle sind Kostenfresser. Operationsteams sollen den Patienten schnell in den OP bringen, zügig schneiden und den Raum bald wieder für den nächsten Kandidaten freimachen. Das aber bedeutet Stress für Ärzte, Anästhesisten, Pflegekräfte und Servicepersonal.

Jede siebte OP abgesagt

Für OP-Manager ist es nahezu unmöglich, Pläne einzuhalten, wenn die Operation länger als vorgesehen dauert und der unvorhergesehene Notfall keinen Aufschub duldet. Die Folge: Rund 15 Prozent aller geplanten Operationen müssen abgesagt werden. Nur in etwa zwei Drittel der Fälle, so stellte ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universität Mannheim fest, kann vorgesehene OP-Plan noch eingehalten werden. Zum Zeitstress kommen auch noch Probleme mit der Technik. Rund 60 Prozent aller Zwischenfälle mit technischen Problemen beruhen auf Missverständnissen zwischen Mensch und Maschine, berichtet Ulrich Matern vom Universitätsklinikum Tübingen in einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt. In seiner Untersuchung listet er auch die wichtigsten Faktoren auf, die immer wieder zu Fehlern und kritischen Situationen führen: Monitore stehen so ungünstig, dass sie nur einen seitlichen Blick auf den Bildschirm ermöglichen. Stufen vor dem OP-Tisch lassen Akteure und Helfer stolpern oder Fußschalter herunterfallen. 97 Prozent der Chirurgen und des OP-Personals wünschen sich deshalb dringend Räume mit einer Technik, die auch ergonomischen Bedürfnissen gerecht wird.

Headset steuert die Pumpe

Der “OP der Zukunft”, so heißt ein Modell, mit dem das Unfallkrankenhaus Berlin dem Traum vom perfekten Arbeitsplatz ein Stück entgegenkommt. Kabel, die quer durch den Raum laufen, sucht man dort vergebens. Stromversorgung und Schläuche sind an schwenkbaren Hebelarmen aufgehängt. Auch der Anästhesiewagen hebt dank Deckenaufhängung ab, wenn die OP-Reinigung anrückt. Ein verrenkter Hals beim Ablesen des Monitors gehört der Vergangenheit an, denn die Hebelarme von oben erlauben es, den Bildschirm nach allen Seiten zu drehen. Wichtige Informationen werden gleichzeitig auf mehrere Monitore eingespielt, sodass alle Beteiligten im Raum das Bild sehen. Kameras in den OP-Lampen eröffnen auch Studenten im Hörsaal den Blick auf den Arbeitsbereich. Ein paar gesprochene Kommandos – schon kann sich der Kollege in der anderen Abteilung oder in Amerika in die Operation einschalten und die Leberruptur beurteilen. Denn Telefon, Lampen und Endoskopiepumpe sind über das Headset sprachgesteuert. “Wir machen einfach weniger Fehler, weil wir alle Informationen jederzeit zur Verfügung haben”, schwärmt Axel Ekkernkamp, ärztlicher Direktor der Klinik und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie über die zwei neuen OPs, die Mitte letzten Jahres in Betrieb gegangen sind.

Wenn ein Patient der Orthopädischen Klinik der Universität Regensburg ein neues Kniegelenk bekommt, können – wie bereits erprobt – Studenten und Ärzte aus Moskau oder Kiew bei diesem Eingriff zuschauen und Fragen stellen. Das Interesse gilt dabei aber weniger der OP-Ausstattung als vielmehr der Operationsmethode, die an Genauigkeit frühere Schnitte per Hand bei weitem überbietet. Denn 95 Prozent der eingesetzten Prothesen erreichen bei computergesteuerter Navigation einen Wert von unter drei Grad Abweichung von der Beinachse. Das garantiert eine optimale Belastung und kaum Verschleiß beim Kunstknie. Konventionelle Operationen schaffen dabei nur 74 Prozent. Infrarot-Kameras erfassen Referenzmarken und können aus abgetasteten Punkten an Ober – und Unterschenkel ein individuelles 3D-Abbild des Knies erzeugen. Der Chirurg braucht nur mehr die Säge-Schablone für den optimalen Schnitt entsprechend auszurichten. Bereits vor dem ersten Griff zur Säge liefert der Computer einen Aufbauplan und Berechnungen für den optimalen Sitz der Prothese. Joachim Grifka, Direktor der Orthopädischen Uniklinik Regensburg in Bad Abbach, ist sich sicher, dass sich die navigierte OP beim Einsatz von Endprothesen im Vergleich zum ferngesteuerten Roboter durchgesetzt hat. “OP-Roboter brauchen länger und benötigen zusätzliche Schnitte.”

OP-Reinigung in drei Minuten

Ganz billig ist die High-Tech OP-Ausstattung indes nicht zu haben. Etwa eine Million Euro hat sie in der Regensburger Orthopädie gekostet, rund 500.000 für jeden der Säle in der Berliner Unfallklinik. Auf die Dauer sollen sich die Investitionen aber bezahlt machen. Die Reinigung erfordert nur mehr drei statt früher zehn Minuten, auch bei der Schnitt-Naht-Zeit wurden 15 Minuten eingespart, wie eine laufende Studie am Beispiel einer arthroskopisch assistierten Kreuzbandplastik als Zwischenergebnis errechnete. Mit mehr Operationen pro Tag und weniger Fehlern sollen sich so die Wünsche von Ärzten, Pflegern und Klinik-Managern erfüllen. Joachim Grifka berichtet von zahlreichen ausländischen Interessenten. Besonders Besucher aus den USA und den arabischen Emiraten verirren sich in den kleinen Regensburger Vorort. “Dabei ist Bad Abbach sicher nicht der Nabel der Welt.” Möglicherweise aber Vorbild für den “OP der Zukunft”.

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3 Kommentare:

Karl Quint
Karl Quint

Gegen den technischen Fortschritt läßt sich nichts Negatives einwenden. Ergonomie, bessere Übersicht im OP, gut ablesbare Monitore und brauchbare Interaktion zwischen Mensch und der ihm helfenden Maschine sind wünschenswert und erleichtern dem Arzt die Arbeit wesentlich, so daß er, anstatt sich mit unzureichender Technik beschäftigen zu müssen, sich auf den Eingriff konzentrieren kann. Dies ist durchaus positiv zu bewerten. Nach wie vor aber wird die Technik einen gut ausgebildeten Chirurgen nicht ersetzen bzw. einen unzureichend ausgebildeten zu einem Operationswunder machen.

Neben den sicherlich positiv zu bewertenden ergonomischen Gesichtspunkten geht es hier um Kosteneinsparungen durch vermehrten Patientendurchsatz. Der Optimierungswunsch ist durchaus verständlich, aber wir müssen bedenken, dass Krankenhäuser/OPs keine Fließbandanlagen sind, an denen Patienten millisekundengenau durchgeschleust werden können. Wir haben es nach wie vor mit Menschen zu tun, die ja bekannterweise nicht immer vorhersagbar reagieren. Wenn wir aber genau das anstreben, dann wird die menschliche Qualität der Behandlung wie auch das Arbeitsklima in den Einrichtungen leiden.

Gerade in unserem Beruf stehen wir unter hohem Druck, Kostenoptimierung zu betreiben. Die Folgen dessen zeigen sich täglich auf den Stationen: Es gehört fast zum Normalfall, dass Teams unterbesetzt sind und nahe der Leistungsgrenze arbeiten. Das mag sicherlich für kurze Zeit möglich sein, aber auf die Dauer wird die Bereitschaft des Personals, unter solchen Arbeitsbedingungen zu arbeiten, abnehmen und der Ärztemangel sich verstärken.

Solange aber der Gesundheitssektor wie ein Unternehmen angesehen und geführt wird, werden immer drastische Folgen für Arzt und Patient zu erwarten sein. Der Gesundheitssektor darf nicht unternehmerisch geführt werden, aber auch nicht verschwenderisch.

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prof.dr.med abdel eid
prof.dr.med abdel eid

stimme den kollegen zu .

#2 |
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in einem solcchen op möchte ich weder arbeiten noch selbst operiert werden, man stelle sich nur den stress vor, dem die kollegen ausgesetzt sind und die gefahren anderer art, in menge(!) pro duzieren.Außerdem müßte gleich eine dauerpsycho-
therapie für die kollegen mitgeliefert werden.

#1 |
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