Palliativmedizin: Schmerzhafter Fulltime-Job

14. Oktober 2008
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Kürzlich haben die Spitzenverbände der Krankenkassen „Gemeinsame Empfehlungen zur spezialisierten ambulanten Palliativ-Versorgung (SAPV)“ veröffentlicht. Erstmals sind so formale Voraussetzungen für SAPV erfüllt. Doch die Vereinbarung offenbart Schwächen – und Nachteile für Palliativmediziner.

Die Notwendigkeit einer gesetzlichen Anpassung des SGB durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) war enorm. Denn in Deutschland haben nach Angaben des Statistischen Bundes­amts fünf bis acht Millionen Menschen behandlungsbedürftige chronische Schmerzen. Ob Erkrankungen des Bewegungsapparates, Verschleißerscheinungen der Gelenke oder Knochenschwund – für die betroffenen Patienten sind selbst kleinste Bewegungen eine Qual. Hinzu kommen die Fälle der Palliativmedizin bei Krebspatienten. Immerhin zwei von drei Menschen mit Tumoren leiden an Schmerzen, wie die vorläufige Auswertung einer europäischen Studie über Schmerzen bei Krebserkrankungen (EPIC – European Pain in Cancer) vor einem Jahr ergab. Die EPIC-Studie, die mehr als 4.000 Krebspatienten in 12 europäischen Ländern einbezog, gilt nach wie vor als die größte je durchgeführte Studie dieser Art zur Untersuchung der Auswirkungen und der Behandlung von Krebsschmerzen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass 73 Prozent der Patienten an Schmerzen leiden, die sie ihrem Krebs zuschreiben. Doch dem Wunsch der unrettbar Kranken, schmerzfrei zu Hause zu sterben, konnten Ärzte bisher nur unzureichend entsprechen. Denn dafür gab es für die behandelnden Ärzte keine finanziellen Mittel im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – und es fehlte an ambulanten Palliativdiensten, die es bundesweit ermöglichten, diese Patienten bedarfsgerecht zu betreuen. Das soll sich nun massiv ändern.

„Das Ziel der SAPV ist es, mehr Schwerstkranken bis zuletzt ein Leben zu Hause zu ermöglichen“, brachte der am Universitätsklinikum Göttingen lehrende Professor Friedemann Nauck im Rahmen des 7. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) in Wiesbaden die Sache auf den Punkt. Glaubt man dem Gesetzgeber, bietet der am 12. März 2008 in Kraft getretene SAPV-Beschluss des GBA eine Lösung. Denn die ambulante Schmerztherapie ist ein wesentlicher Bestandteil des Regelwerks, und: Vor allem aus medizinischer Sicht steht dem Konzept auf den ersten Blick nichts im Wege. Vertragsärzte und Krankenhausärzte können nämlich die SAPV verordnen. Zudem dürfen die Leistungen nur von Personen oder Institutionen erbracht werden, mit denen die Krankenkasse einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hat. Im Klartext: Nach den Empfehlungen der Spitzenverbände der Krankenkassen können Ärzte sowie Pflegefachkräfte endlich die SAPV erbringen, „wenn sie entsprechende Erfahrungen in diesem Versorgungsbereich nachweisen können“, wie der AOK-Bundesverband erklärt.

Der Teufel steckt im Detail

Demnach alles rosarot für Ärzte im neuen SAPV-Land? Keinesfalls. Das Palliativnetz Bochum beispielsweise wartete gleich mit einer ganzen Armada an Schwachpunkten im Alltag der Schmerzmediziner auf, das SAPV hat daran bei weitem nicht alles zum besseren gewendet. Der Appell der Mediziner richtete sich im vergangenen Jahr an ihre Kollegen, über eigene Erfahrungen mit dem Honorierungssystem der Kassen zu berichten. Die Kritik der Ärzte kam dabei nicht von ungefähr. „Wir bekommen stets Honorarbescheide, die unsere palliativärztliche Tätigkeit mit 0,36- 0,41 Cent pro Punkt vergüten. Da so gut wie alle Ärzte über ihrem Punktvolumen liegen, wird so de facto ein Hausbesuch mit 0,39 * 400 Punkten = 1,56 € vergütet“ heißt es dazu im Fragebogen der drei Doktoren.

Auch in Sachen Primärkassenvertrag wiesen die Bochumer auf erhebliche Schwachstellen hin: „Für 40% der Arbeitszeit in II/07 und die 24-Stunden-Dienstbereitschaft 4 weiterer Kollegen wurde ein Honorar von 825,72 € für 3 Monate bezahlt – das entspricht einem Stundenlohn von 2,29 € brutto. Geradezu abstrus wirkt eine Vertrags-Facette des Regelwerks. Zwar haben SAPV-Patienten Anrecht auf eine entsprechende Behandlung, nur: Die Kassen scheinen nicht mit jedem Schmerzmediziner zu verhandeln. Was auch bedeutet: Ohne Vertrag gibt es praktisch kein Honorar, wie das Palliativnetz Bochum erklärt: „Palliativmedizin ist im aktuellen EBM 2008 vergessen worden“. Wer dennoch als Vertragspartner in den in den Genuss der SAPV-Leistungsvergütung kommt, muss mit einem weiteren Nebeneffekt klarkommen, auf den der der AOK Bundesverband die Ärzteschaft aufmerksam macht: „Diese spezialisierten Leistungserbringer müssen für ihre todkranken Patienten dann rund um die Uhr erreichbar sein”.

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6 Kommentare:

Dr. med. Birgit Vyhnalek
Dr. med. Birgit Vyhnalek

Über die (widrigen) Umstände der SAPV in Deutschland (gesetzlich verankert, ABER:…?) gäbe es viel zu sagen – hier nur eine kurze sachliche Ergänzung: ein Palliativmediziner ist kein, oder wenigstens nicht ausschließlich Schmerzmediziner – er ist begleitender Arzt in der letzten Lebensphase, und für alle menschlichen Belange des Patienten in seinem gesamten Wesen (körperlich/seelisch/sozial/spirituell..) zuständig. Dafür steht er idealerweise in einem Netzwerk von Mitarbeitern, die je nach notwenidiger Kompetenz im Bereich Palliative Care hinzugezogen werden können, und natürlich arbeitet er in enger Kooperation mit allen bereits involvierten Ärzten und Fachdiensten.Die Begleitung kann /sollte? aber durchaus schon bei Diagnosestellung einer nicht mehr heilbaren Erkrankung beginnen und bezieht sich nicht ausschließlich auf die Sterbephase.
Ansonsten danke für den informativen und wichtigen Artikel!

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Als Betroffener mit zwei Krebserkrankungen (Prostatakrebs mit RPE, Radiatio und HT seit 1999 und Plattenepithel-Ca der Glandula Submandibularis 2008)kann ich für mich und die Patienten meiner SHG nur hoffen, dass die dargestellten Probleme bald geklärt werden.

#5 |
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Klaus Schaeffer
Klaus Schaeffer

In unserem Praxisnetz haben wir seit einem Jahr einen palliativmedizinischen Konsiliardienst im Rahmen des AOK/BKK IV-Vertrages. Sechs Kollegen machen 24Stunden Hintergrunddienst, dies über 365 Tage im Jahr. In den Vertrag sind im Durchschnitt 16 Patienten eingeschrieben.Dies entspricht einem Honorar von ca 300 Euro pro Kollege für ca sechs Wochen Konsiliarbereitschaft.Bis sato sind eine Kollegin und ich die einzigen Vollpalliativmediziner in unserem Netz, ca 120 Praxen.Palliativmedizin ist Ehrenamt pur und wird weder von der Kollegenschaft noch den Kostenträgern “ernsthaft” unterstützt.Große Diskussionen und an Ehtik und Moral appellierende Beiträge in den Medien, vollmundige Politikerstatements machen Glauben, die Palliativmedizin sei in Deutschland voll auf Etablierungkurs. Ab dies ist ein Trugschluss und Blenderei.Kaum jemand schaut in die Gefilde der Basis, kaum jemand nimmt wahr, was gerade im ambulanten Sektor an Insuffizienzen geschieht.Selbst bei der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin gibt es solche Wahrnehmnungsstörungen.Im grad neugewählten Vorstand ist nicht ein einziger ambulant täiger Arzt/Hausarzt.Ebenso fehlt ein Arbeitskreis ambulante Palliativmedizin. Die Kliniker sind unter sich und verdauen die Palliativmedizin wissenschaftlich.Im Kollgenkreis werde ich belächelt ob meines Mutter Theresa-Gemütes. 16 Patienten im Vertrag, dies von 120 Arztpraxen.Dies zeugt von Nichtwissenwollen, Zynismus, Gleichgültigkeit und eben mangelnder Solidarität.Auch: Was brauchen wir überhaupt “Palliativmedizin”? Habs doch immer so gemacht!” Ja, die Situation ist erbärmlich, grad auch für die, die bereit sind zum Engagement.

#4 |
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Dr. med. Gitta Lysy
Dr. med. Gitta Lysy

Danke für die offenen Worte. Ich arbeite ehrenamtlich für den Hospizverein. Es ist völlig unverständlich, wie so eine hoch entwickelte Gesellschaft mit Tod, Leid und Schmerz umgeht. Jeder der in diesem Bereich arbeitet sollte entsprechend bezahlt werden und noch für seine Leistung von der Gesellschaft hohe Anerkennung bekommen. Dafür sind unserer Medien voll von Recepten für ewige Jugend ( die es nie geben….

wird wird, Urlaubsangeboten, die

wird)

#3 |
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Krankenschwester Anja Dutkiewicz
Krankenschwester Anja Dutkiewicz

Habe gerade eben ihren Artikel gelesen. Ich bin selbst ehrenamtlich in der Hospizarbeit tätig. Ja das Geld für diese Arbeit wird überall eingespart. Auch in der Pflege. Es ist echt schlimm. Auch gibt es viel zu wenige stationäre, sowie ambulante Hospize. Gerade weil die Menschen heute auch viel älter werden als früher, wäre es sehr sinnvoll, wenn wir in dieser Hinrichtung Vortschritte machen würden. Aber dabei bleibt natürlich kein Geld hängen für die Häuser. Es kostet ja alles viel zu viel. Ich werde nächstes Jahr auch einen Weiterbildungskurs in Palliativpflege besuchen. Muß ihn auch selber bezahlen, weil wir in unserem Klinikum “keinen Bedarf” haben. Und was glauben sie, wieviele Patienten wir auf unserer Inneren Station haben. Aber da krähft ja kein Hahn danach.

Hauptsache schwarze Zahlen schreiben.

Anja Dutkiewicz

#2 |
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Dr.med Rolf Schillert
Dr.med Rolf Schillert

Vielen Dank für Ihren Bericht.
Ich habe bereits einen ersten Kurs in Paliativmedizin gemacht und nun stellt sich die Frage/Nein, besser die Feststellung: kein weiterer Kurs.
Das ist eine rein Mathematische Angelegenheit: Kurskosten noch ca 1000-2000 Euro, plus Ausfallzeiten in der Praxis.
Wofür?
Um noch weniger Freizeit zu haben, um noch weniger in der Nacht schafen zu können, um noch mehr in die Gefahr eines Regresses zu kommen, (Im Lande Bremen werden die Btm Medikamente nicht automatisch herausgerechnet.
Wer diesem Treiben einfach so zustimmt der ist ganz einfach ein getriebener, selber Schuld.
Hallo, Politiker, welchen Traum träumt Ihr denn noch? Viel Spass dabei, das Aufwachen ist schon da, ein sehr schmerzhaftes.
Vorschlag: Ich bekomme die Ausbildung bezahlt, mit allen Neben und Ausfallskosten, und berechne jede EInsatzminute in der Nacht so mit 1,0-1,5 Euros, das könnte dann vielleicht Sinn machen.
Und von der Regressgefahr muss ich auch befreit werden……….

#1 |
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