Allzweckwaffe gegen Grippe

20. Oktober 2008
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Influenzaviren haben die lästige Eigenschaft, sich ständig zu verändern. Da das menschliche Immunsystem sich immer nur an den letzten Virustyp erinnert, müssen Risikogruppen praktisch jedes Jahr zur Grippeimpfung. Die Lösung wäre eine Allzweckwaffe. Daran wird geforscht. Aber ist schon Land in Sicht?

An der Oxford University wurde ein Universal-Grippeimpfstoff entwickelt, der jetzt erstmalig an Menschen klinisch getestet werden soll. Die Wunderwaffe soll in Zukunft Schutz gegen alle Grippeviren des Typs A bieten und zwar möglichst gegen alle Subvarianten von H1, H2, H3, H4, H5, etc., so Dr. Sarah Gilbert, Jenner Institute, gegenüber Doccheck. Der A-Erreger wird u.a. verantwortlich für Pandemien gemacht. Verläuft die Phase I – Studie positiv, dann könnte der Weg geebnet sein für einen wirksamen Schutz gegen alle saisonalen Influenza und die Vogelgrippe, so hoffen die Forscher in Oxford. Die Probleme, die immer auftreten, wenn ein neues Vakzine kurzfristig und in ausreichenden Mengen produziert werden muss, könnten dann der Vergangenheit angehören. Wir erinnern uns noch blass an die Hysterie in Zusammenhang mit dem H5N1- bzw. dem Vogelgrippe-Erreger. Die Angst ging um, dass die Viren auf die Menschen übertragen werden und das H5N1-Virus sich soweit verändern könnte, sodass eine Pandemie ausgelöst wird. Es gab Horror-Szenarios, dass die Entwicklung des Impfstoffs zu langsam vorangeht und weltweit Engpässe auftreten könnten. Die befürchtete Pandemie ist nicht eingetreten, aber das Risiko besteht immer noch.

Von Antikörpern bis Killer-Zellen

Die Oxforder Wissenschaftler sind nicht die einzigen, deren Forschungsziel ein ‘universal flu jab’ ist. Bei Acambis – inzwischen eine Sonafi-Tochter – wird mit belgischen Forschern ebenfalls an der Entwicklung eines neuen Impfstoffs gearbeitet, der gegen alle A-Erreger schützen soll. Klinische Tests mit Menschen hätten bereits vielversprechende Resultate geliefert, so die Meldung im Februar dieses Jahres. Offensichtlich sind die Belgier schon ein bisschen weiter. Aber auch hier geht man davon aus, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis die gesamte Bandbreite der Viren getestet ist. Worin unterscheidet sich der Ansatz der Belgier von den Oxfordern? Gilbert erklärte gegenüber DocCheck: “They are using a different flu protein (M2e) and raising antibodies against it. We are using NP and M1 and boosting cellular immune responses. Killer immune cells can then kill flu-infected cells.”

Trotzige Proteine im und am Grippevirus

Konventionelle Impfstoffe erzeugen Antikörper, die als Waffe gegen Oberflächen-Proteine (Hämagglutinin (H) und Neuramindase (N)) des Grippevirus eingesetzt werden. Diese Proteine ändern sich allerdings mit der Zeit und dem Erreger, was dazu führt, dass ein Vakzine immer nur gegen einen speziellen Erreger Schutz bietet. Deshalb suchten die Forscher aus England und auch die aus Belgien Virus-Proteine, die den wechselnden Erregern trotzen und relativ stabil bleiben. Das Team um Gilbert entwickelte einen Impfstoff, der auf Proteine, wie beispielsweise M1, im Grippevirus abzielt. Sie erfüllen genau diese Anforderung. Das heißt, sie ändern sich kaum über einen längeren Zeitraum und sind auch weniger anfällig bei wechselnden Erregern.

Noch viele Tests bis zur Marktreife

Einen Baustein mit diesen Anforderungen haben auch die belgischen Forscher genutzt. Allerdings entschieden sie sich für das Eiweiß M2. Im Gegensatz zum englischen Ansatz handelt es sich dabei um ein Oberflächenprotein des Grippevirus. Die ersten klinischen Tests in Belgien mit “Acam-Flu-A” zeigten, dass neun von zehn Probanden Antikörper gegen den Grippevirus gebildet hatten. Das war zu Beginn des Jahres. Pressemeldungen über weitere Tests und deren Ergebnissse gibt es bis dato nicht. Über die Einstellung des Projekts auch nicht. DocCheck fragte Gilbert, welchen Erfolg sie sich für die eigenen Tests des “universal flu vaccine” verspricht: “We have just started a phase I trial and are seeing good safety and immunogenicity results. Next we will plan a challenge study where we vaccinate half the volunteers and expose them all to ‘flu virus’ to see if the vaccine can protect against infection. That study is expected to take place in the first half of next year.” Und wie lange kann es dauern, bis es für Patienten allgemein verfügbar ist? “Difficult to say since we are an academic group at the beginning of clinical trials. But possibly 5 years.”

Ein kompletter Schutz ist fraglich

DocCheck fragte am Institut für Virologie der Universität zu Köln nach, ob der Ansatz der beiden Forschungsgruppen ein probates Mittel gegen Influenzaviren jeder Art sein könnte. Dazu Dr. rer. nat. Rolf Kaiser: “Hier kommt es darauf an, was man erreichen will. Die derzeitige Impfstrategie gegen Influenza stellt einen sehr hohen Schutz dar. Der Nachteil ist sicherlich, dass man sich jedes Jahr impfen lassen muss und die Gefahr besteht, dass sich ein anderer Influenzastamm verbreitet als vermutet und dann nicht optimal geimpft wurde. Die von den beiden Gruppen vorgestellten Impfstoffe sollen einen Schutz erreichen durch die Immunisierung gegen einen Bestandteil des Virus, das bei allen Influenzaviren sehr ähnlich ist, sich aber nicht an der Oberfläche des Virus befindet, sondern im Innern des Virus. Die Virusvermehrung kann dadurch beeinträchtigt werden, ein kompletter Schutz vor der Ansteckung mit Influenza ist fraglich. Sollte die Virusvermehrung gehemmt werden, würden sowohl die Infektiosität geringer als auch die Komplikationsgefahr geringer. Dies sind jedoch Spekulationen, die sich in den künftigen Studien prüfen lassen müssen.”

Studien müssen noch beweisen, ob Universal-Grippeimpfstoff realistisch

Dr. Thorsten Wolff, Leiter des Bereichs “Pathogenicity mechanisms of influenza viruses” am Robert Koch-Institut bestätigte gegenüber DocCheck, dass auch in Deutschland daran geforscht wird, die Verwandlungskünste der Grippeviren auszutricksen. “Wenn sich dieses neue Konzept als erfolgreich erweisen sollte, könnte es ausreichen, sich nur alle paar Jahre gegen die Grippe impfen zu lassen. Trotz einiger ermutigender erster Ergebnisse in prä-klinischen Studien, werden die Forscher allerdings noch mehrere Jahre brauchen, um herauszufinden, ob sich die Virusgrippe durch diese neuen Ansätze zähmen lassen wird. Laufende und zukünftige Studien müssen daher erst noch zeigen, ob die Hoffnung auf einen universellen Grippe-Impfstoff in der Realität auch umgesetzt werden kann”.

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Allgemein

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3 Kommentare:

Medizinjournalistin

G. Topf, ich gebe zu, dass die Formulierung zu Missverständnissen führen kann. Gemeint ist natürlich der neueste Virus.

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Weitere medizinische Berufe

Aber die Produktion gegen diese auftretenden neuen Stämme hinkt gegenüber den neu entstandenen
Subvarianter hinterher.

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Dr. med. Günter Topf
Dr. med. Günter Topf

Wieso erinnert sich das Immunsystem immer nur an den letzten Virus??
Ich denke die jährlich notwendige neuerliche Impfung beruht auf neuen Mutationen der V-Stämme.

#1 |
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