66 Jahre: Die Mutter aller Studien

17. Oktober 2012
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Die britische NSHA ist eine der größten Datensammlungen der Welt. Die Aufzeichnung von mentalem und physiologischem Status im Abstand von fünf bis zehn Jahren deckt aber nicht nur Zusammenhänge auf, sondern lässt auch einen Blick in die Zukunft zu.

Gibt es schon in der Kindheit eine Vorbestimmung für Gebrechlichkeit im Alter? Ist Armut im Elternhaus bereits ein unüberwindliches Handikap für die Gesundheit als Erwachsener? Es gibt nur ganz wenige Studien, die Menschen ein Leben lang beobachten und kaum Daten, die auf eine große Anzahl von Teilnehmern zurückgreifen können, um deren Lebensläufe zu vergleichen.

66 Jahre langes Bestehen

In Großbritannien hatten Forscher den Mut, gleich nach dem Krieg eine solche Studie zu starten. Sie feierte dieses Jahr ihren 66. Geburtstag. Der „National Survey of Health and Development“ (NSHA) hat es in den vergangenen Jahrzehnten auf mehr als 600 wissenschaftliche Publikationen und acht Bücher gebracht. Und fast noch besser: Von den ursprünglich rund 5000 Kindern sind heute noch rund 80 Prozent dabei und bereit, ihre Daten aus den regelmäßigen Untersuchungen den Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen. „Die Kohorte gehört heute zu jenen, deren Phänotyp am öftesten beschrieben wurde“ sagt Diana Kuh, die im „Medical Research Council“ für die Studie verantwortlich ist.

Zusammenhang zwischen Intelligenz und Menopause

In der ersten Märzwoche des Jahres 1946 kamen im gesamten Vereinigten Königreich rund 17.000 Kinder zur Welt. Für den Beginn der Studie dokumentierten Forscher und deren Helfer bei rund einem Drittel dieser Kinder Geburtsgewicht, Beruf des Vaters, Familienstand der Mutter, Haushaltsgröße und viele andere Details auf einem vierseitigen Fragebogen. Ursprünglich als Untersuchung zur Mutterschaft nach dem Luftkrieg gedacht, erweisen sich jetzt die regelmäßigen Befragungen und Tests der Kinder im Kleinkindalter, mit acht, elf und fünfzehn Jahren und danach im Abstand von fünf bis zehn Jahren als wahrer Schatz für Epidemiologen.

Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht und Hypertonie

Als eine der ersten demonstrierten die Briten etwa einen Zusammenhang zwischen geringem Geburtsgewicht und Hypertonie als Erwachsener. Dafür steigt bei schwergewichtigen Mädchen am ersten Tag ihres Lebens das Risiko für einen Tumor in ihrer Brust Jahrzehnte später. Kleinkinder, die im Lauf ihrer Entwicklung mehr als eine Woche im Krankenhaus verbracht hatten, zeigten später mehr Verhaltensstörungen und machten ihren Eltern größere Sorgen bei der Erziehung.

Überraschende Erkenntnis

Und noch ein Zusammenhang, der die beteiligten Forscher zunächst verblüffte: Wer überdurchschnittlich intelligent ist, kommt später in die Wechseljahre. Die beiden Faktoren scheinen auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun zu haben, der Zusammenhang ist aber felsenfest bestätigt. Vielleicht, so spekulieren Experten, ist hohe Intelligenz ein Marker für ein gut entwickeltes Gehirn. Darin würden die dort produzierten Hormone den weiblichen Keimzellen eine längere Spanne Zeit geben, um sich sich mit Samenzellen zu vereinigen.

Wohlstand mit Problemen

Aber nicht nur die lange Beobachtungszeit, sondern auch die Umstände, in denen die Kinder in den ersten Jahren der Studie aufwuchsen, sind für Gesundheitsforscher interessant. Kurz nach dem Krieg gab es allein schon aufgrund des Nahrungsangebots kaum übergewichtige Kinder und daher kaum Krankheiten, die damit zusammenhängen. Auch als junge Erwachsene hatten die Untersuchten meist Normalgewicht. Das änderte sich erst mit zunehmendem Wohlstand und den entsprechenden Folgen für die Gesundheit. Mit Mitte sechzig ist heute nur mehr ein Sechstel frei von körperlichen Beschwerden. Rund die Hälfte leidet an Hypertonie, rund 30 Prozent sind übergewichtig. Krankheiten von heute waren aber auch schon vor 30 Jahren abzusehen: Wer mit 36 Probleme mit seiner Gesundheit hatte, dessen Risiko für ein Altersleiden ist im Vergleich mit anderen etwa doppelt so hoch.

Molekulare Zukunftsweiser?

Wer aber seinen Lebensstil früh genug ändert – auch das ist eine Botschaft aus der Langzeitstudie – kann das Risiko deutlich verringern. Doch die Voraussetzungen für Fitness im Alter werden schon in frühester Jugend gelegt. Jetzt versuchen Forscher, die Beobachtungen mit harten molekularen Fakten zu unterlegen. Ein großes Projekt sind etwa epigenetische Marker, die die Expression von Genen zu festgelegten Zeitpunkten anzeigen. Lässt sich aus ihnen auf die Zukunft schließen? Das will beispielsweise Martin Wildschwendter vom University College in London in seinem Forschungsprojekt zur Studie wissen.

Ein weiteres großes Vorhaben ist die Genomsequenzierung von Teilnehmern. Dafür sind allerdings (vorerst noch) große finanzielle Mittel notwendig und daher ist Gesamt-Genanalyse ein Zukunftsprojekt. Weitere Fragen, die sich die Forscher vor der nächsten Untersuchungsrunde stellen: Wie beeinflussen frühe Lebenserfahrungen ein gesundes Altern? Sind die jetzigen Wehwehchen nur ein vorübergehendes Leiden oder ist das der Anfang vom Ende? Welchen Einfluss haben die Lebensumstände auf die Generation der Enkel?

Langzeitstudien in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es Langzeitstudien über die Entwicklung von Kindern zu Erwachsenen. Zwanzig Jahre von 1984 an lief etwa die LOGIK-Studie. (Longitudinalstudie zur Genese individueller Kompetenzen). Auch sie bestätigte, dass Intelligenz im späteren Leben schon sehr früh, noch vor der Schulzeit, angelegt ist, Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen der 210 untersuchten Kinder blieben über Jahre hinweg außerordentlich stabil. Mit Mitteln der Fritz-Thyssen-Stiftung koordiniert Jens Asendorpf von der Berliner Humboldt Universität zur Zeit ein Follow-Up mit den Teilnehmern der Studie, die inzwischen in ihren Dreissigern sind.

Resilienz – Ausweg aus der „Familienfalle“

Dass aber auch eine Jugend mit allen negativen Indikatoren nicht zu einem verkorksten Leben führen muss, zeigt eine andere Langzeitstudie. Emmy Werner von University of California nahm 1955 knapp 700 Kinder auf der Hawaii-Insel Kauai in ihre Untersuchungen auf. 200 davon wuchsen nach ihrer Geburt in schwierigen Umständen auf. Die Eltern hatten ein sehr niedriges Bildungsniveau oder waren geschieden, die Kinder vernachlässigt oder gar misshandelt. Rund zwei Drittel der Kinder war an ihrem 18. Geburtstag lern- oder verhaltensgestört oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Das restliche Drittel schaffte aber den Sprung in eine bessere Welt. Im Alter von 40 gab es in dieser Gruppe keine Arbeitslosen oder Straffälligen. „Die Annahme, dass sich ein Kind aus einer Hochrisikofamilie zwangsläufig zum Versager entwickelt, wird durch die Resilienzforschung widerlegt“ fasst Werner ihre Ergebnisse zusammen. Die innere Widerstandskraft (Resilienz) schafft erstaunlich oft den Weg aus der negativen Vorbestimmung.

In den nächsten Jahren wird das Gewicht in der obersten Etage der Alterspyramide immer mehr zunehmen. Kaum jemand hätte nach dem Krieg gedacht, welchen Wert die Daten der Kinder aus jener Märzwoche des Jahres 1946 einmal haben werden. Sie erlauben einen kleinen Blick, wie unser Leben jenseits der Lebensmitte einmal aussehen wird und wie wir es schon als Kind beeinflussen können.

106 Wertungen (4.39 ø)
Medizin

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8 Kommentare:

Dr. Peter Mandry
Dr. Peter Mandry

Ich fand den Beitrag sehr interessant.Ich sehe hier auch keine Verwechslung von Kausalität und Korrelation, wie in einigen Kritiken angemahnt. Auch ein Felsen ist übrigends nicht zu 100% fest, dass kann ich als Kletterer bestätigen. Ich finde es sehr belustigend, wenn ein Kritiker diese Beitrags die Statistik belächelt, aber selbst den Ausdruck “hoch signifikant” benutzt. Wir stufen ab: hoch signifikant, signifikant, nicht signifikant – aber man sieht ja den Trend, nicht signifikant!

#8 |
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Dr. med Horst Pöhlmann
Dr. med Horst Pöhlmann

Die Zahl der Störche ist in den letzten Jahrzehnten in Deutschland deutlich zurückgegangen, ebenso wie die Zahl der Geburten in intelligenten Familien. Ein schlagender Beweis für die schon seit Jahrhunderten immer wieder gemachte Behauptung, der Storch bringt die Kinder. Eher ist hier schon der Zusammenhang wahrscheinlich, dass der Rückgang in der Zahl der Pferde auch die Zahl der Diphterie Erkrankungen bewirkt hat. Schliesslich vermehrt sich dieser Erreger im Pferdekot.
Kinder sind übergewichtig, weil sie von ihren Eltern mit minderwertiger Nahrung “ernährt” werden. Auch die Mutter war da wohl schon auf “Junk Food”. Diese minderwertige und giftige Nahrung essen sie dann auch als Erwachsene und bekommen davon Krebs. Macht dies nicht viel mehr sinn als der Gen Quatsch? “Genetich” wird immer dann verwendet, wennn man jemanden zum Narren halten will. Nachzulesen bei Prof. Peter Yoda: Ein medizinischer Insider packt aus.
Könnte es nicht sein, dass sich intelligente Menschen gesünder ernähren und diese deshalb später in die Menopause kommen? Die Studie zeigt Zusammenhänge, läßt aber naheliegende Faktoren ausser acht. Trotzdem ist sie interessant, man kann ja seine eigenen Schlüsse ziehen.

#7 |
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regetzki soeren
regetzki soeren

eigentlich wollte ich ja nichts mehr schreiben hier – eigentlich –

aber heute: “…ja da muss sman sich doch einfach hinlegen…” und zwar vor lachen.

schreiben duerfte man nichts ernstes mehr – …. ich zaehle da lieber erbsen und linsen – sie sollten unbedingt das magazin titanic mit an board holen, das hilft und die haben dankbare leser fuer niveauvollen unsinn sowie frau schawan als gutachterin
frueher galt es in der naturwissenschft einmal, dass wenn eine gegenbeweis erbracht wurde, eine theorie in sich unhaltbar wurde.

ich bin jetzt 46, habe schuhroesse 47 wohne in der hausnummer 96… so, werde ich wohl ab 60 noch ueberdurchschnittlich intelligent werde. anwers me pls…

man sollte eben die mitgliedschaft hier doch “kuendigen” wenns nicht so lustig waere from time to time.

mit bedauernden gruessen

#6 |
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allen Erbsenzählern zum Trotz: ich finde Ihren Artikel gut als “pointer” auf interessante TZusammenhänge.Danke und bitte weiter so.

#5 |
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Medizinjournalist

Zu 1) Von den Mädchen, die ein überdurchschnittliches Geburtsgewicht hatten, entwickelten überdurchschnittlich viele später ein Mammakarzinom

Zu 2) Ich habe jetzt schon einige Ihrer Kommentare gelesen und mir scheint es so, als ob Sie die Autoren für vollkommen ignorant und unwissend halten. Ein bisschen was verstehe ich auch von Confounder und zufälligen und kausalen Assoziationen.

Ich haben nicht geschrieben: WEIL jemand intelligent ist, kommt er später in die Wechseljahre. Ich habe von der beobachteten Assoziation / Zusammenhang zweier Faktoren geschrieben, OHNE auszuschließen, dass das auch Zufall sein kann.

Aus der “Nature” -Publikation: those who had performed well on childhood intelligence tests tended to reach menopause several years later than those who had performed poorly4. ¿We tested almost to destruction every social and behavioural pathway; we threw almost everything we had at that to see if we could make that association go away and it didn¿t,¿ says Richards.

Oder die Originalstudie: “With follow-up of menopause to 49 years, the hazard ratio (HR) for one standard deviation of the cognitive score was 0.80 (95% CI, 0.72-0.90) in the Aberdeen cohort and 0.84 (95% CI, 0.73-0.97) in the older 1946 birth cohort. The effect was still evident in the 1946 birth cohort with follow-up of menopause to 53 years (HR = 0.87; 95% CI, 0.79-0.95). These ratios were weakly attenuated by adjustment for potential confounding effects of lifetime socioeconomic circumstances, parity, and smoking.”
http://journals.lww.com/menopausejournal/Abstract/2005/12040/Childhood_cognitive_ability_and_age_at_menopause_.18.aspx

Sie dürfen hier gerne kritisieren, aber Unterstellungen finde ich fehl am Platz. Denn ich habe auch nirgends geschrieben, dass es für die Studien keine Kontrollgruppe gegeben hätte. Auch in der oben zitierten Studie wurde nicht nur die Kohorte der 1946 geborenen Kinder untersucht, sondern auch eine zweite aus Aberdeen. Bevor man Zusammenhänge als “Unsinn” abtut, sollte man die Studie zumindest einmal angeschaut haben.

zu 3) Sie haben recht, Auch Zusammenhänge mit 99% sind natürlich nicht “sicher”, sondern nur wahrscheinlich. Wenn Sie das so sehen, ist das “felsenfest” natürlich die falsche Formulierung.
Und: Für Sie mag es feststehen (oder besser gesagt, wahrscheinlich sein!), dass eine Krankheit mit Mitte 30 zu einem Altersleiden führt, für mich ist das nicht der Fall. Das ist eben (für mich) das Interessante an der Studie: Sind Krankheiten in der ersten Hälfte des Lebens der Ausgangspunkt für entsprechende Probleme im Alter oder haben typische Alterserscheinungen und -Wehwehchen nichts mit den (z.B. stressbedingten) Krankheiten in der ersten Hälfte des Arbeitslebens zu tun? Oder in Ihren Worten: Haben rechtsseitig Amputierte 20 Jahre nach der OP ein höheres Risiko für einen Altersdiabetes?

#4 |
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WHD: Wat’n herrlicher Blödsinn ! “felsenfest bestätigen” lässt sich durch eine solche Beobachtungsstudie schon mal gar nichts. Es sei denn, man verkauft als “wissenschaftliche Erkenntnis” etwas so Banales wie die Beobachtung “Wer mit 36 Probleme mit seiner Gesundheit hatte, dessen Risiko für ein Altersleiden ist im Vergleich mit anderen etwa doppelt so hoch.” Also: Wer schon mit Mitte 30 kränkelt, wird im Alter wahrscheinlich / statistisch … kränker sein als einer, der mit Mitte 30 kerngesund war. Halleluja ! Wer hätte das gedacht. Solche Epidemiologie ist echt die Krönung der Wissenschaft. Übrigens finden sich unter den rechtsseitig Arm-Amputierten schon nach 7,35 Jahren vermehrt funktionelle Linkshänder – oder so. Und nach 15 Jahren immer noch. Hoch signifikant.

#3 |
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“Wer überdurchschnittlich intelligent ist, kommt später in die Wechseljahre.”

Wie oft denn noch?

Ein gemeinsames Auftreten zweier Merkmale ist KEIN “Beweis” für einen ursächlichen Zusammenhang. (Bestenfalls kann man daraus eine Hypothese generieren.) Das wurde hier schon von vielen kompetenten KollegInnen dargestellt.

Lernen’s endlich Statistik!

Soviel Unsinn, schlimmer als in der Yellow-Press!

Noch so was: Die Magie der großen Zahl – große Stichproben ersetzen nie einen ordentlichen Versuchsplan mit Kontrollgruppe.

#2 |
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“steigt bei … am ersten Tag ihres Lebens das Risiko für einen Tumor … Jahrzehnte später.”
Wie meinen das?

#1 |
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