Zweitmeinung: Mehr Bürokratie wagen

24. Oktober 2008
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Ab 2009 müssen sich Ärzte die medikamentöse Behandlung von Patienten mit hohen Therapiekosten von einem Kollegen „genehmigen“ lassen. Ob die neue Regelung ihren Zweck erfüllt und neue Einsparungen bringt, ist mehr als fraglich. Nur eins ist sicher: Das Verordnen teurer Präparate zu Lasten der GKV wird nicht einfacher.

Glaubt man der jetzt publik werdenden Kritik der Pharmabranche, sind die Mitte Oktober getroffenen Entscheidungen schwerwiegend. Denn nach Meinung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat der G-BA die Behandlung von Patienten mit seltenen Krankheiten “verantwortungslos verzögert und mit unsinnigem Bürokratieaufwand erschwert”.

Tatsächlich hat der G-BA Mitte des Monats seinen Beschluss über das so genannte Zweitmeinungsverfahren bei der Verordnung von kostenintensiven, besonderen Arzneimitteln veröffentlicht. Danach tritt die umstrittene Zweitmeinungsregelung in Kraft. Für den BPI ein klarer Fall von Benachteiligung sowohl für Ärzte, als auch ihrer Klientel. Die Behandlung von Patienten mit seltenen Krankheiten würde verzögert und erschwert, erklärte die stellvertretende BPIHauptgeschäftsführerin Barbara Sickmüller, und: „Im schlimmsten Fall der Ablehnung durch ein Zweitgutachten werden die Kosten nach einer – zumeist im Krankenhaus – begonnenen Therapie nicht mehr von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet, obwohl für Patienten mit seltenen Erkrankungen keine alternativen Behandlungsoptionen bestehen.“ Für Mediziner besonders brisant: Derartige Hiobsbotschaften müssen die Ärzte ihren Patienten und deren Angehörigen mitteilen. Das hingegen sollten „die Mitglieder des G-BA“, tun, fordert Sickmüller. Diesen Wunsch dürften viele Ärzte teilen – und dabei übersehen, dass der G-BA hier nur ausführendes Organ der Gesundheitspolitik ist.

Testlauf in der Exotenindikation

Auf Grund der anstehenden Änderungen fordert der BPI, Orphan Drugs grundsätzlich aus dem Zweitmeinungsverfahren auszunehmen. „Insgesamt lässt sich nicht plausibel und transparent nachvollziehen, nach welchen Kriterien Präparate für ein Zweitmeinungsverfahren ausgewählt werden. Der G-BA muss sich den Vorwurf der Willkür gefallen lassen, wenn er hier nicht eindeutige Richtlinien festlegt“, betont Sickmüller den Standpunkt der Branche. Die gesetzlich erwünschte Kosteneinsparung wird sich mit dieser Generalamnestie freilich kaum erzielen lassen.

Möglicherweise ist die ganze Aufregung aber auch unnötig. Denn die zaghafte Entscheidung des G-BA, die Zweitmeinung ausgerechnet in der Exotenindikation „pulmonale Hypertonie“ auszutesten, weist nicht gerade darauf hin, dass man von der Wirksamkeit der neuen Regel als Kostenbremse überzeugt ist. Die etwa 3.000 bis 4.000 Patienten mit pulmonaler Hypertonie werden ohnehin nur von einer Handvoll Spezialisten behandelt – welchen Wert soll da die Zweitmeinung haben? Und wer soll sie abgeben? Hier lauern in der konkreten Umsetzung noch einige Überraschungen.

Noch unübersichtlicher dürfte die Situation werden, wenn der G-BA weitere seltene Erkrankungen (SE) in seine schwarze Liste aufnimmt. Denn auf SE spezialisierte Ärzte gibt es der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zufolge “nicht genug und das Problem ist die Kenntnis dieser und die Überweisung zu ihnen”. So falle die richtige Diagnose oft zu spät oder gar nicht. Therapien seien unsicher, sie basierten auf kleinen Fallzahlen. Vielfach fehle es an Leitlinien und Empfehlungen für eine angemessene Therapie.

Ob sich die Zweitmeinungsregelung in diesem schwierigen Umfeld als tauglich erweist, kann nur die Praxis zeigen. Eines wird sie aber sicher erreichen: Den wachsenden Regeldschungel in der GKV zu Lasten von Ärzten und Patienten weiter zu verdichten. Und hier liegt vielleicht auch ihr verborgener Sinn: Denn mancher dringende Behandlungsfall dürfte sich vor Abschluss des Genehmigungsprozedere auf natürliche Weise „erledigt“ haben.

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Pharmazie

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4 Kommentare:

Bruno Kopp
Bruno Kopp

Die Bedenken, die aus diesem Artikel hervortreten kann ich als Vorsitzender des Selbsthilfevereins pulmonale hypertonie e.v. nur unterstreichen. Es ist skandalös, dass es keine offizielle Expertenanhörung gegeben hat. Fatal finde ich, dass eine Richtlinie, die Pilotfunktion hat, an einer Erkrankung getestet werden soll, die vermutlich weder die Politiker, die das Gesetz geschaffen haben, noch die Ausschussmitglieder vor den Beratungen je gekannt haben. War es nur Zufall, dass die PAH als erste und zunächst einzige Indikation in die Zweitmeinungsregelung gefallen ist? Eine seltene, auch in den ärztlichen Fachkreisen weithin unbekannte, lebensbedrohliche Erkrankung wird zum Spielball der Gesundheitspolitik, ein lebensgefährliches Spiel, für das niemand die Verantwortung übernehmen wird. Schon heute können Menschen mit etwas mathematischem Gespür sagen, dass bezüglich der Kostendämpfung ¿ das eigentliche Ziel der Zweitmeinungsregelung ¿ Mehrkosten durch mehr Bürokratie zu Lasten der Behandlungszeit herauskommen wird. Eine bessere Versorgungsqualität, durch eine sorgsam bedachte Verordnung von hochpreisigen Medikamenten bleibt Wunschdenken. Die Selbsthilfeorganisation ph e.v. hat zusammen mit ihren Experten eine Presseinformation verfasst, die auf der Homepage http://www.phev.de zu lesen ist. Ich hätte mir gewünscht, dass der G-BA dem Gesetzgeber gegenüber sagen kann, dass nach ausführlicher Beratung die Erkenntnis vorliegt, diese Zweitmeinungsregelung für seltene Erkrankungen nicht anzuwenden. Drängt sich die Frage auf, ob die Richtlinie den Einstieg in die Rationierung von Gesundheitsleistungen bedeutet, dann diskutieren wir auf einer völlig neuen Ebene.

#4 |
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StD Gerhard Terstegge
StD Gerhard Terstegge

Wo bleibt das Arztgeheimnis? Muss der AIDS-Patient damit rechnen, dass der Arzt seines Vertrauens das Wissen mit anderen teilt? Sonst werden doch die Daten nur anonymisiert weiter gegeben.

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DM Sigbert Scholz
DM Sigbert Scholz

Getreu dem Spruch:”was ich selber denk und tu, das trau ich den andren zu” offenbart wohl bei den Entscheidungsträgern die eigene Unsicherheit bei der Regulation der Pharmakosten. Sie würden sich vermutlich besser stellen, wenn sie sich zuvor auch eine Zweitmeinung zu dem Problem eingeholt hätten. Ich würde vorschlagen, vielleicht bei denen die etwas davon verstehen, z.B. den Ärzten. Aber es kommt nicht zur Vereinfachung von Entscheidungsabläufen, sondern zur Verkomplizierung durch Mangel an Entscheidungskraft an den richtigen Stellen, nämlich bei der Preisgestaltung der Medikamente. Hier herrscht bei der Politik und den Kassen eitel Ratlosigkeit, die sie dann mit sinnlosen Vorgaben auf die Ärzte abwälzen…ein zienlich krankes System kann man wohl da nur sagen…Fortsetzungen werden folgen, die Wette gehe ich ein.
Gruss S. Scholz

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Dr. Johannes Haas
Dr. Johannes Haas

Ein weiterer Schwachsinn der Gesundheitspolitiker. Wann entscheidet endlich mal jemand, der etwas von dem versteht, was er entscheidet – oder wann haben die Politiker endlich den Mut zu sagen, daß Patienten mit bestimten Krankheiten kein Recht mehr auf Leben haben ???
Und muß der Patient mit PAH jetzt mit seinem Rollstuhl und seinem Sauerstoffgerät quer durch die Republik für ein Zweitgutachten reisen??

#1 |
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