Sarin: Das tückische Gift

26. September 2013
Teilen

Schon im Peloponnesischen Krieg 431 und 404 vor Christus sollen die Spartaner die Reizwirkung des Schwefeldioxids als "taktisches Kampfmittel" genutzt haben. Aufgrund der Ereignisse in Syrien haben chemische Kampfstoffe wieder traurige Aktualität erhalten. Lesen Sie im ersten Teil der Serie über die Auswirkungen von C-Waffen.

Vor zwanzig Jahren wurde die Chemiewaffenkonvention unterzeichnet und ein Kontrollregime etabliert. Die Organisation für das Verbot von chemischen Waffen (OPCW) in Den Haag wacht über die Einhaltung des C-Waffen-Verzichts. Deutschland ist seit 1997 Mitglied des Rates und besitzt keine chemischen Waffen. Seit 1972 wurde eine Konvention auch für Biologische Waffen etabliert. Gemäß der Datenbank des „Center for Nonproliferation Studies“ gab es im Zeitraum zwischen 1975 und 2000 weltweit 207 C-terroristische Ereignisse, worunter Drohungen, der versuchte Erwerb, der Erwerb und der Einsatz von chemischen Stoffen fallen. Hierbei wurden 150 Menschen getötet und 2.492 verletzt. Zwischen 2004 und 2010 verkauften und lieferten britische Firmen Natriumfluorid, einen wichtigen Grundstoff bei der Herstellung des tödlichen Nervengases Sarin, an syrische Unternehmen, wie britische Medien enthüllten. Nach dem Chemiewaffenangriff in einem Außenbezirk der syrischen Hauptstadt Damaskus werden diese Geschäfte heute als “verstörend” bezeichnet.

Die chemischen Kampfstoffe lassen sich nach ihrer toxischen Auswirkung auf das Organsystem einteilen:

Bildschirmfoto 2013-09-20 um 13.58.38

Sarin – Einsatz in Syrien

Die Insektizide und Kampfstoffe haben denselben „Vater“, den Chemiker Gerhard Schrader, der als Laborleiter 1936 das Nervengas Tabun und 1944 das Insektizid Parathion entwickelte. Er und seine Kollegen Ambros, Rüdiger und Van der Linde waren Namensgeber für den Chemiekampfstoff, die Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen ergeben den Namen SARIN.

Organische Phosphorsäureester werden seit langer Zeit als Gifte gegen Schadinsekten eingesetzt. Auch wenn das bekannte Insektizid E 605® in Deutschland nicht mehr hergestellt wird und angewendet werden darf, ist eine Beschaffung über das benachbarte Ausland möglich. Außerdem lagern auf vielen Bauernhöfen noch Restbestände, die nicht selten zum Mord oder Suizid verwendet werden. Die Gruppe der Phosphorsäureester wird nicht nur als Insektizid, sondern auch als Kampfstoff angewendet. Tabun, Sarin und VX sind C-Kampfmittel. Im Jahr 1995 starben zwölf Japaner bei einem Anschlag auf die U-Bahn mit Sarin, über 5.000 wurden verletzt. Analysen von Blut- und Haarproben weisen laut US-Außenminister John Kerry darauf hin, dass Sarin-Gas beim Angriff auf Ghuta in Syrien verwendet wurde. Das Nervengas Sarin wirkt etwa 100-mal tödlicher als Zyanid und gilt als einer der weltweit gefährlichsten chemischen Kampfstoffe.

Enzymhemmung kann tödlich sein

Phosphorsäureester hemmen im Körper das Enzym Acetylcholinesterase. Es ist dafür zuständig, den körpereigenen Botenstoff Acetylcholin (ACh) im Parasympathikus abzubauen. Die Hemmung des spaltenden Enzyms führt zu einer Überflutung der Nervenzellen mit dem Botenstoff ACh. Daneben werden auch die präganglionären sympathischen Nervenendigungen stimuliert, es kommt zu

  • nikotinergen Effekten des Acetylcholin an der motorischen Endplatte,
  • zur Freisetzung von Katecholaminen aus dem Nebennierenmark und
  • zur Erregung,
  • später Lähmung des zentralen Nervensystems

Daraus resultieren folgende Symptome:

Bildschirmfoto 2013-09-20 um 13.59.17

Leitsymptomatik einer Vergiftung mit Sarin und anderen Phosphorsäurestern sind Bradykardie, extremer Speichelfluss und verengte Pupillen. Häufig riechen die Patienten nach Knoblauch. Dabei handelt es sich um ausgeatmete Metabolite der Phosphorsäureester.

Im Baumarkt frei zugänglich

Über das Internet oder in Baumärkten kann sich jeder Anwender ohne Sachkenntnisprüfung den Phosphorsäureester Dimethoat besorgen. Wirkungsweise, Gefahren und Gegenmaßnahmen sind dieselben wie bei E 605® und Sarin. Wobei der Kampfstoff etwa 1000mal toxischer als das Insektizid ist. Dimethoat (bekanntester Handelsname Bi 58®) soll toxikologisch weniger brisant sein. Dadurch, dass jeder Laie ihn kaufen kann, ist die Gefahr einer Intoxikation jedoch immens.

Maßnahmen bei Vergiftungen

Im Vordergrund der Maßnahmen steht der Eigenschutz. Phosphorsäureester sind starke Kontaktgifte, bereits der Hautkontakt reicht aus, um sich zu vergiften.

  • Eine Antidottherapie mit Atropin sollte so früh wie möglich nach Behebung des Sauerstoffmangels einsetzen. Das Antidot verdrängt das körpereigene Acetylcholin von seinen Rezeptoren. Da Atropin die Blut-Hirn-Schranke nur sehr langsam überwindet, sind extrem hohe Dosen erforderlich, die bei einem Gesunden tödlich sein könnten. Nach einer Anfangsdosis sollte die Atropindosis biologisch titriert werden, wobei man sich nach der Pulsfrequenz und der Schweißneigung richten sollte.
 Während die orale Vergiftung mit Insektiziden einer hohen Atropindosierung bedarf, dürften bei den Nervenkampfstoffen bereits geringere Dosen ausreichen.
  • Als zweites Antidot steht Toxogonin® (Obidoxim) zur Verfügung, welches in der Lage ist, bereits blockierte Cholinesterase zu reaktivieren.
  • Zur Dekontamination (Reinigung) sollte die Haut mit Natriumbicarbonat abgewaschen werden.

Bei der oralen Aufnahme von Phosphorsäureestern im Massenanfall können 50 g Aktivkohle zur primären Giftentfernung angewandt werden. Granulat (z.B. Ultracarbon®) erscheint wegen seiner Schüttdichte geeigneter als Pulver. Ärztliche und sonstige Helfer benötigen einen ausreichenden Schutz, wobei Handschuhe bei Insektiziden ausreichend sind. Bei Chemiekampfstoffen dürfen die Patienten nur mit Atemschutz gerettet werden.

Ein Schutz der Atemwege gegen gasförmiges Sarin oder gegen Sarin in Aerosolform (als feinst verteilte schwebende Tröpfchen) ist voll gewährleistet bei korrekter Anwendung der Schutzmaske mit Filter vom Typ A oder B. Nur ein Ganzkörperschutz bildet eine optimale Sicherheit zur Vermeidung der dermalen Aufnahme. Der Filter ist ein ABEK2 Hg P3-Filter nach EN 141. Die Buchstaben stehen für die Fähigkeit des Filters, verschiedene Stoffe bzw. Stoffgruppen zu adsorbieren. Dabei bedeutet:

Bildschirmfoto 2013-09-25 um 17.46.52

Medizinische Infrastruktur kollabiert

Bei einem Anschlag mit chemischen Kampfstoffen bestehen in erster Linie Probleme mit der ausreichenden Versorgung der Betroffenen mit Antidota. Es existiert keine ausreichende Menge an Notfalldepots, die Antidota vorhalten. Zudem ist fraglich, ob die bestehende Infrastruktur der Katastrophenschutzeinheiten bis hin zu den Kliniken mit einer großen Zahl von vergifteten Personen umgehen könnte. Außerdem muss bei einem Anschlag mit C-Stoffen mit einer nachfolgenden Massenhysterie und einer großen Zahl von Selbsteinweisern gerechnet werden. Diese könnten die durch den Massenanfall an Verletzten ohnehin schon überlastete medizinische Infrastruktur gänzlich zum Erliegen bringen.

Eine internationale Einteilung in Dringlichkeitskategorien bei Massenvergiftungen ist bisher nicht hinreichend auf nationale Verhältnisse adaptiert worden.

Es existiert ein sogenannter Poison Severity Score (PSS). Diese Schweregradeinteilung dient vorwiegend den Giftinformationszentren zur Beurteilung bei Vergiftungen im Individualfall. Für den Massenanfall von Vergiftungen werden folgende Dringlichkeitskategorien in Anlehnung an die üblichen Sichtungskategorien vorgeschlagen:

Bildschirmfoto 2013-09-26 um 16.02.12

Der Anschlag in Syrien wird vermutlich nicht der letzte mit C-Waffen gewesen sein. Man darf hoffen, dass Sie das Wissen dieses Artikels niemals benötigen werden. Dennoch ist Fachwissen die beste Vorbereitung auf strukturiertes, medizinisches Handeln.

In der nächsten Ausgabe lesen Sie den Folgeartikel über B-Waffen.

190 Wertungen (4.72 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

8 Kommentare:

Bernd Hoppe
Bernd Hoppe

So schlimm klingt das mit dem Sarin aber nicht, vergleicht man dies mit einem Säure- oder Laugenangriffe, wo sofort bleibende Schäden entstehen.

Vom Wirkungsprofil wäre ein abgeschwächtes Sarin doch u. U. ein Mittel gegen Alzheimer oder nicht?

#8 |
  1
Apotheker

Sehr geehrte Frau Kolbeck,
was wollen Sie eigentlich reflektieren? Über ein Leben ohne Fluoride? Bitte schön, wenn es Sie glücklich macht – Ihren Zahnarzt macht das sicher glücklich.
Es geht übrigens noch schlimmer, VX ist wesentlich toxischer als Sarin und die Behandlung von Nervenkampfstoffopfern ist in der Tat sehr schwierig – eben wegen der Problematik mit Atropin und der teils schwierigen Verfügbarkeit der Oxim-Antidote (Pralidoxim, Obidoxim). Im “Kalten Krieg” wurde in Miltärkreisen scherzhaft kolpotiert man bräuchte keine Nervenkampfstoffe einzusetzen – es würde ausreichen den Einsatz vorzutäuschen, die gegnerischen Soldaten würden sich völlig panisch mit Atropininjektionen außer Gefecht setzen.
Wer noch etwas mehr Gänsehaut benötigt, der möge sich über so genannte “Dual-Use”-Chemikalien informieren bzw. einen Chemiker befragen wie einfach es ist Phosgen oder Cyanwasserstoff herzustellen

#7 |
  0
Medizinisch-Technischer Assistent

Der erste Kommentar lässt doch stark an der Seriösität dieses Portals zweifeln.
Vielleicht sollte man die Gruppe der Nutzer stärker eingrenzen? Grundlegende
Kenntnisse der Naturwissenschaften sollte man erwarten können.

Ansonsten liefert der Artikel einen guten Überblick.

#6 |
  0
Daniel A.
Daniel A.

@Redaktion: Das gelieferte Natriumfluorid ist ein ubiquitärer Grundstoff für die chemische Industrie und mitnichten ein zwingender oder ausschließlicher Vorläufer von Nervenkampfstoffen.
Jedes Jahr werden mehrere Millionen Tonnen hochreines Natriumfluorid produziert, die an Syrien gelieferte Menge ist verschwindend gering.
Gerade von einem Fachportal erwarte ich MEHR RECHERCHE und keine Mainstream-Verblödung. Hier wird so getan, als ob wir Synthesevorstufen oder sowas verschifft hätten.
Wenn ich als Diktator ernsthaft Fluorverbindungen brauche, ordere ich zwei Schüttgutfrachter mit ein paar Kilotonnen Flussspat und mache die Gewinnung selbst.

Dass dann auch noch Leute ankommen und was von ‘Gift eintrichtern’ faseln… lächerlich für ein ‘Fachportal’.

@Omar Salem:
Wen wollen Sie denn alles niederbomben lassen, um wen genau zu ‘schützen’? Dass ein Militärschlag nach drei Wochen Vorwarnzeit nur noch gehärtete Ziele oder Kindergärten erwischt, sollte doch abzusehen sein. Zum Glück haben nicht die Kriegsfalken gewonnen, stattdessen sorgt Putin (AUSGERECHNET!) für Abrüstung und Vernichtung der Chemiewaffenbestände.

#5 |
  0

obwohl mehr als 1500 menchen starben wegen sarin in Syrien, die Internationale gesellschat hat sich nicht bewegt um menchen zu schutzen…. Schade.

#4 |
  2
Dr.Dr. Peter M.A. Thamm
Dr.Dr. Peter M.A. Thamm

@ Isolde Kolbeck
In der Zahnpasta ist anorganisches Fluorid, SARIN ist Methylfluorphosphonsäureisopropylester, somit eine organische Fluorverbindung mit kovalenter F-P-Bindung und somit etwas völlig Anderes und nicht nur eine wenig veränderte Substanz.

Dr.Dr. Peter M. Thamm

#3 |
  0
Gernot Wiederhold
Gernot Wiederhold

Genau! Und beim Erste-Weltkriegs-Giftgas Chlor ändern sie einfach ein bisschen was an den Elektronen und dann stellen sie es zum Verzehr auf jeden Restauranttisch. Sauerei aber auch.

#2 |
  0
Isolde Kolbeck
Isolde Kolbeck

Es ist doch bedauerlich und auffallend zugleich, dass über diese Gift und durch dieses Gift so geschrieben wird – werden muss und zur gleiche Zeit Kindern und Erwachsenen die nur ein weing veränderte Substanz in Zahnpasta, Zahngel, Salz usw. eingetrichtert wird – anscheinend frei von Reflektion!

Isolde Kolbeck

#1 |
  4


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: